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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-03 · Heft 23 (3.6.1892) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 23 (3.6.1892)
Date
1892-06-03
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
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268 „Midrasch und Dichtung" zwei Beispiele für solche Nachdichtungen gegeben, bei denen sich das Vorhandensein und die Deutlichkeit des Bewußtseins für die Quelle, aus der mau geschöpft, nicht Nachweisen läßt. Zur Ergänzung seien hier einige Beispiele hinzugefügt.') Wenn Herder (Die wiedergefnndenen Söhne) dichtet: „Tapfer ist der Löwensinger, tapfer ist der Weltbezwinger, tapfrer, wer sich selbst bezwang", so ist das eine fast wortgetreue Nachdichtung von Spr. 16, 32, wo es heißt: „Tapfrer ist der Langmüthige als der Held, tapfrer als der Stüdtebezwiuger, wer sich selbst bezwang" (Vgl. Aboth IV, I). Kerner wenn wir bei Herder (Ideen I, 4, 6) die Stelle finden: „Was du willst, daß Andere dir nicht thnn sollen, thue du ihnen auch nicht", und bei Ebers (Ein Wort S. 63) deni Juden Costa in den Mund gelegt wird: „Wenn wir Niemandem etwas anthun, was uns selbst kränken würde", so ist karuu daran zu deuten, daß die beiden Dichter, nur von der positiven Fassung in Math. 7, 12 und Sine. 6, 31 beeinflußt, nicht vielmehr sollten gekannt haben die ältere und negative Fassung des Wortes aus dem Munde Hillels (Sabb. 31a): „Was bu nicht willst, daß man dir thu' das füg' auch keinem Andern zu". Endlich wenn es bei Sudermann (Tie Geschwister S. 239 der 3. Aufl.) heißt: „Ich wollte mein Lebtag nichts weiter, als sie auf meinen Annen tragen, daß ihr Fuß an keinen Stein sich stoße", so weiß der Kundige sofort, daß dies ein Nachklang ist des Dichterwortes (Ps. 91, 12): „Auf Händen werden sie dich tragen, daß dein Fuß an keinen Stein sich stoße." Nun, wir wollen uns der Thatsache freuen, daß die Schrift Mittel und Wege gefunden, in alle Welt hinauszugehen, sich in das entfernteste Tichterherz einzuschleichen, um von Dichtermund eine Umpragung zu erhalten in die gangbare Münze des Tages. Tenn so erfüllt sie auf dein indirektesten Wege ihre erhabene Kultnrmission. Uitb wir wollen uns in dieser Freude nicht beeinträchtigen lassen durch die Wahrnehmung, daß von den Alltoren selbst die ältesten Alltorrechte ilicht gewahrt werden, daß die Schrift von der Dichtimg wohl benutzt wird, daß niail aber der Münze manchmal eilte falsche Marke aufprägt und sich so der schriftstellerischen Falschmünzerei unter mildernden Umständen schuldig macht. Wenn z. B. bei Tolstoi (Kreutzer-Sonate S. 136) zu lesen ist: „Liebe deinen (Sott von ganzem Herzen und ganzer Seele und aus allen deinen Geisteskräften ulld deinen Nächsten wie dich selbst . . . Seid vollkommen wie unser himmlischer Bater. So spricht die Lehre Christi",') so können wir diese Nichtrespektirilng der älteren Alltorrechte, welche die Lehre des Judenthnms für sich reklamiren könnte, bei der Richtung, welche dieser Laientheologe schließlich genommen, wenigstens begreiflich finden.''') Wenn aber Jordan (Die Sebalds 1, Kap. 8) in einem gegen die Togmengläubigkeit ankänipfeuden Roman zu der Behauptung sich versteigt, die moderne Technik und Wissenschaft sei eine Leistling des Christenthums, alle Fortschritte und Erfindungen seien nur die unbewußte Shmbolisiruug und Verwirklichung der christlichen Dogmen, und sich schließlich den Satz leistet: „In welcher Elternreligion man allch geboren sei, Glied eines europäischen Kultnrstaates llnd nicht 1) lieber Verwandtschaften von hebräischen Sprüchen und jüdischen Weisheitslehren mit Stellen ans den alten Klassikern und modernen Sprichwörtern siehe Zunz (Ges. Schriften III, S. 262 und 66) und Lebrecht (Krit. Lese S. 8). 2) Vgl. V. B. M. 6, 1 und III. B. M. 16, 18 mit Math. 22, 37 bis 36. Für die V B M. 18, 13 enthaltene „Lehre Christi" scheint es nicht einmal eine Parallele im Neuen Testament zu geben. :r) „Die Christen nennen 'Alles, was sie Gutes am Judenthum und an den Juden finden, christlich". (B. Auerbach: Dichter und Kaufmann Kap. 18). in allem Wesentlichen auch Christ zu sein, ist ganz unmöglich (das. S. 230), so muß man das auf die Gefahr hin, von der Kultur- Menschheit ausgeschlossen zu werden, paradox und ungeschichtlich finden. Aber, wie gesagt, wir wollen uns in geziemender Uneigennützigkeil auch davon in unserem Gefühl der Genugthuung nicht stören lassen, da die Bibel und das Judenthnm sich nicht „alle Rechte Vorbehalten". Aber der Wunsch und die Erwartung dürfte doch wohl nicht ak Zeichen jüdischer Unbescheidenheit angesehen werden, daß, wenn bi: Dichtung Citate der Schrift zum Münzen benutzt, sie wenigstens sic) die Mühe nicht verdrießen lasse, nachzulesen und richtig zu citiren. und wenn jüdische Sitten und Bräuche geschildert werden, sie möglichst treu und zutreffend geschildert werden mögen. Für blühenden Unsinn und stilistische Ungeheuerlichkeiten, für falsche Bilder und Unbegriff giebt es eine stehende Rubrik im Briefkasten des „Ulk"; von ulkigen Sonderbarkeiten in der Art, wie manchmal von der neueren Dichtung die Schrift benutzt wird und jüdische Sitten geschildert werden, so!! in Nachfolgendem eine kleine Btumenlese geliefert werden?) Wenn ein so vielgelehrter Mann wie A. v. Schack einmal sagt „Die Worte — ich weiß nicht, in welchem der Bücher Mosis — du sollst die Hexen nicht leben lassen" (Zeitgeist 1888, Nr. 42), so müssen wir dies rührende Bekenntnis; des Nichtwissens als Zeugniß schrifl stellerischer Gewissenhaftigkeit achten. Denn es ist nicht Jedermann: Sache, sich die Stelle II. B. M., 22, 17 aufzusuchen. Oder wenn der vielbelesene Jean Paul (Die Kunst einzuschlafen) berichtet: „Du Juden haben unter ihren hundert Danksagungen an jedem Tage aua> eine beim Krähen des Hahnes, worin sie Gott preisen, daß er bc:i Menschen hohl geschaffen, desgleichen löcherig", so muß man meln Bewunderung haben für das, was in diesem Berichte zutreffend \}\, als Verwunderung jüber das, was unzutreffend ist. Wenn es aber bei Spielhagen (Der neue Pharao, S. 364) heißt: „Zu sterben, in der Liebe herrlichem Aufglühen, das heißt: sterben wie der Prophu auf Horebs Höhen", so können wir uns nur darüber wundern, daß der Dichter so wenig aus der biblischen Geschichtsstunde behalten hat (s. V. B. M. 34, 1). Oder wenn Herm. Heiberg (Drei Schwestern) sagt: „Du sollst Vater und Mutter verlassen und deinen Manne folgen, hieß es in der großen heiligen Bibel", so ist das ein lieentia poötica, die mit Rücksicht auf I. B. M. 2, 24, wo es genau umgekehrt heißt, etwas weitgehend ist. Dagegen dürfen wir mit den, Satze bei Ibsen (Kaiser und Galiläer, S. 62 der Reclam-Ausgabe»: „Mußten nicht seine Arme (seil, die des Mose) gestützt werden, d , er sie gebietend ausgestreckt halten sollte, dort an dem rothen Meere"' wenn auch das Durcheinander von II. B. M. 14, 16 und 17, 12 nicht ganz den Grundsätzen des Naturalismus entspricht, nicht io strenge ins Gericht gehen. Strenge aber darf und muß man ins Gericht gehen mit solch:., Dichterwerken, welche ein Problem aus dem jüdischen Leben zum Vorwurf haben, jüdische Sitten- und Charakterbilder zeichnen wolle, und ein Stück der in unserer Zeit so beliebten sozialen und „Jude, - frage" zu lösen bestimmt sind. Vertiefung und Unbefangenheit kann man nicht überall erwarten und fordern, aber von dem Kultur geschichtsschreiber, und wäre derselbe auch ein Romantiker, kann me a billig erwarten, daß der Boden, auf den er sich begiebt, ihm nie: t eine terra incognita bleibe. Fangen wir mit Richard Voß au. der in dem in seinem „Dahiel der Convertit" entworfenen Seele, - gemülde uns eine Art Wandelbild vorführt, indem er uns die Wandlung eines orthodoxen Rabbinersohnes aus dem Mittelalter p, 0 lieber mangelhafte Kenntniß der Schrift und des Judenthmi - bei neueren Philosophen siehe Joul: religiös-philosophische Zeitfrage , und S teckelmach er: Monatsblätter Jahrg. 12, Nr. 5 bis 6.

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