Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1892)
- Date
- 1892-05-27
- Page
- Seite 264 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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264 forscher, in dem er so zu sagen den zweiten Bibelkommentar desselben, der eigentlich nur in Citaten besteht, zusammenstellte und ins Deutsche^ übertrug, war eine seiner letzten Arbeiten. Meines Vaters Augenmerk war, wie ich schon bemerkte, immer auf das Bedürsniß der Gemeinde gerichtet, auf Belehrung und Erbauung. Darauf zielten auch alle seine Litterarischen Arbeiten, von welchen ein Reallexikon der Hagada und eirn Werk über den Geist der biblischen Gesetzgebung noch handschriftlich vorhanden sind. In jungen Jahren schrieb er einen Kommentar über den Jore Den. in hebräischer Sprache, der nach dem Zeugniß berühmter Talmudkenner von großer Belesenheit und eindringendem Verständniß Zeugniß ablegen soll. Das Schwergewicht seiner Bedeutung lag aber in der Predigt. Schon 1852 erschien seine erste Sammlung von Predigten unter dem Titel: (Wien 1852). Dann folgten zahlreiche Einzelreden. Aber erst zwanzig Jahre später trat er mit einem größeren homiletischen Sammelwerk auf, indem er „Trauungsreden für alle Wochenabschnitte des Jahres" (Breslau 1875, zweite Auflage, das. 1881) herausgab, die einem allgenrein gefiihlten Bedürfniß entsprachen und auch von der Kritik mit Anerkennung aufgenornmen wurden. Zwei Jahre darauf folgten: „Grabreden für alle Wochenabschnitte des Jahres" (Breslau 1877, zweite Auflage Frankfurt a M. 1889). Drei Jahre später: „Konfirmationsreden für alle Wochenabschnitte des Jahres" «Brünn 1889), nach acht Jahren: „Sabbath-Reden für die israelitische Jugend über alleWochenabschnitte des Jahres" (Breslau 1887). Ein zahlreiches Material von Sabbath-, Fest-, Trauungs- und Grabreden ist noch handschriftlich vorhanden. Die Thatsache, daß die drei großen Predigtsammlungen meines Vaters eine zweite Auflage erlebten, spricht für deren Werth und Bedeutung besser, als ich es vermöchte. Immer und überall betrachtete er es als seine Lebensaufgabe, dahin zu wirken, daß „unsere Jugend, gekräftigt im Glauben, belehrt über Israels Vergangenheit und Zukunft, vertraut mit den Worten der Schrift und mit den Hoffnungen der Propheten, der großen, ihrer harrenden Aufgabe im Leben gerecht zu werden vermöge." Müßte ich nicht fürchten, den mir zugemessenen Raum weit zu überschreiten, so würde ich gern in Auszügen aus diesen Predigten seine religiöse Weltanschauung skizziren, diese milde, humane, von tiefer ethischer Gesinnung und aufrichtiger Frömmigkeit durchglühte Weltanschauung, die die ältern Vertreter des religiösen Prinzips überhaupt in so inniger Harmonie zu vereinigen wußten und die sie in den Augen der Menschen so liebenswürdig machte. Auch in populären und wissenschaftlichen Vorträgen suchte mein Vater seine Gemeinde und weitere Streife für diese Weltanschauung zu erwärmen. Von diesen Vorträgen sind einzelne, wie „Goethe als Bibelforscher" (Berlin 1890), besonders erschienen, andere, wie „Pessimismus und Judenthum", „Die Pädagogik des Talmud", in der Wiener „Neilzeit" zum Abdruck gelangt. Dieselben wurden meist vor einem größern Auditorium im Wiener Bet-Hamidrasch gehalten und fanden freundlichen Beifall. So zwischen Studium und Praxis war die Lebensarbeit meines Vaters getheilt. Er war unermüdlich in dieser Arbeit Seine gesunde Körperkonstitution gestattete ihm das. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hat er unausgesetzt sein Leben lang gearbeitet. Seine einzige Erholung, sein einziges Vergnügen war die Familie. Es wäre falsche Bescheidenheit, wollte ich hier nicht des Einflusses gedenken, den meine geliebte Mutter auf dieses Leben ausgeübt. Sie, die selbst aus einer altberühmten und mit der meines Vaters verwandten Rabbiner-Familie stammte, war die Theilnehmerin seiner Sorgen und Arbeiten, die treue, aufopfernde Gattin, die Freude und das Glück seiner Jugend, der Stolz und der Trost seines Alters! Ich bin zu Ende. Aoer indem ich die Feder aus der Hand lege, fühle ich erst recht das schmerzliche Bewußtsein, wie wenig ich der an mich gestellten Ausgabe gerecht geworden bin, wie ungenügend das Konterfei ist, das ich von dem Manne entworfen, dessen Reden an die Jugend dieses Buch enthält. Rathlos schaue ich zu dem Bilde meines Vaters auf. Aber sein gütiges, mildes und wohlwollendes Gesicht blickt tröstend zu mir herab, als wollte er sagen: Mein Leben ist still und bescheiden gewesen; es hat seinen Lohn in sich getragen, was mühst Du Dich, es weitläufig zu schildern, es war eben das Leben eines deutschen Rabbiners. Das ist Alles! Das ist Alles. Aber wieviel in alledem liegt, das vermag nur der zu ermessen, der ein solches Leben kennt. Möge das Andenken meines Vaters ein gesegnetes sein! Für uns bleibt fortan der Gewinn unsres Lebens, seinen Verlust zu beklagen. Gustav Karpeles. O MisceUen. B. Entdeckung der Gräbst ätte der Herodianer bei Jeru salem. The Jewish Intelligence, das Monatsblatt der Londoner Ge sellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Juden, bring! in dem Maiheft folgende interessante Mittheilung: Der Prediger Hanauer berichtet, daß er mit dem Prediger Kelk, Herrn Schick und Herrn Lees, (säunntlich im Dienste der Londoner Gesenschaft, Station Jerusalem) und mit dem englischen Konsul Dickson die kürzlich entdeckte Grabstätte der Herodianischen Familie besucht hat, an der nach Josephus der berühmte Steinwnll vorüber ging, den Titus in 8 Tagen bauen ließ Die kürzlich anfgefundenen Gräber find einzig in ihrer Art. Der Eingang war früher durch einen schweren Stein verschlossen, der die Gestalt eines Mühlsteines von 6 Fuß Durchmesser und V/2 Fuß Dicke hatte. Die verschiedenen Grabkammern sind in den Felsen gehauen: da aber der Fels hier weich und bröckelig ist, so sind die Wände mii schönem, römischem Mauerwerk belegt, dessen Steine so frisch und weiß aussehen, als sie erst gestern gelegt wären. Hanauer hält es für sicher, daß die Grabkammern nicht alle belegt waren! Eine enthält zwei große und schöne Steinsarkophage. Der kleinere davon ist schön mix Blumen, Blättern, Früchten, Rosetten und anderen Ornamenten verziert, der Deckel ist aber leider zerbrochen. Herr Schick ist der Ansicht, daß dieser Sarkophag nach seiner Größe für eine Frau bestimmt war und früher die Leiche der schönen, unglücklichen Mariamne, der Gemahlin Herodes des Großen in sich barg. Herr Hanauer nahm einige große Stücke von irdenen Krügen mit, die Töpferarbeit zeigen, wie sie nach dem Urtheil eines Kenners bei den Juden 600 vor Christo üblich war. Mz. Ein Held. Ein seltenes Beispiel aufopferndsten Heldenmuthes und wahrhaft heroischer Pflichterfüllung seitens eines jüdischen Soldaten erzählt I. v. Hoffinger in seinen „Lorbeern und Cypressen von 1866." S. 50. Der Name des Tapferen war Moses Weber (geboren zu Zolkiew in Galizien 1832). Nachdem er seine gesetzliche Dienstzeit in den Regimentern Nr. 20 und 9 bereits abgedient hatte, trat er im Jahre 1866 freiwillig wieder in die kaiserliche Armee und machte den Feldzug dieses Jahres als Zugführer im Jnfanterie-Regi ment Kronprinz Wilhelm von Preußen Nr. 20, mit. — Als am 20. Juni bei Skalitz sein, von feindlichen Kugeln an beiden Füßen schwer ver wundeter Hauptmann Puchreiner zusammenbrach, erfaßte ihn Weber und trug ihn mitten im dichtesten Kugelregen aus dem, von den Seinen bereits anfgegebenen Kampfplatz. Auf seinen Schultern brachte er ihn an einen von den feindlichen Kugeln geschützten Ort, dann aber kehrte er irr das Schlachtgetümmel zurück, übernahm das Kommando der bereite aller Offiziere beraubten Kompagnie und führte dieselbe mit ebensoviel Umsicht als Bravour. * Ärieflrastrn der Redaktion. Nb. Dr. F. in H. Die öffentliche Behandlung der von Ihnen aufgeworfenen Frage könnte für die Betheiligten den Nachtheil haben, daß das Benefizium Denen, die es jetzt genießen, entzogen werden würde. Wenn Sie sich über diese Angelegenheit genauer informiren wollen, so wird das Büreau des Gemeindebundes Ihnen gewiß für diese unsere Behauptung die Beweise gern an die Hand geben. S. I. in Warschau. „Stunden der.Andacht" von Fanny Neuda Neue Folge. 3. verb. Aufl. Breslau bei Wilh. Köbner. Dr. S. &. in W. Als Bücher der gewünschten Art können wir Ihnen empfehlen: Philippson, Rath des Heils; Karpeles, Die Zionsharfe; Sachs, Stimmen vom Jordan und Euphrat. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für du Redaktion. Mar Bauchwitz in Berlin.