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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-05-27 · Heft 22 (27.5.1892) · p. Seite 262

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 22 (27.5.1892)
Date
1892-05-27
Page
Seite 262 (sequence 10)
Language
German
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262 gehilfe blies die Flöte, der Peter blies in ein Waldhorn hinein, Andres that sich nicht wenig darauf zn gut, was seine Trompete für einen Klang habe, und der alte Cyprian war stolz auf die Baßgeige, auf der er taktgeinäß den Grundton angab; denn er wußte, daß auf diesem Grund Alles aufgebaut sei, was die Andern da streichen und blasen. Der Walzer ging recht gut von Statten und die tanzenden Paare folgten in natürliche», anmuthigen Bewegungen der hebenden Kraft des gebundenen Maßes. Görg war nicht auf dem Tanzboden. Man hatte ihn eben so gut wie alle anderen Burschen und Mädchen des Dorfes eingeladen, aber er war der Einladung nicht gefolgt; er konnte sich nicht freuen mit den Fröhlichen. Es kam die Stunde des Trauungsaktes. Die Musikanten stellten sich vor dem Brauthause auf und spielten einen Marsch; die Kranzeljungfranen und Brautführer umgaben Bräutigam und Braut und der Zug setzte sich in Bewegung nach der Kirche. Dort harrte der Priester bereits der Kommenden und kurz darauf waren Josef und Marie vor dem Altäre des Herrn für ewige Zeiten einander angetraut. Der Zug kehrte von der Kirche wieder ins Brauthaus zurück. Alles war voller Jubel, die Burschen warfen ihre Hüte und Mützen in die Höhe tmo jauchzten, daß sie die Musik übertönteu. Görg stand von weitem, sah sich den Zug an, wandte ihm den Rücken und ging ins Haus hiueiu. Das Hochzeitsmahl begann, cs wurde gegessen und getrunken, gelärmt, getobt in ausgelassener Lustigkeit. Die Nacht war hcreingebrochen, das Mahl vorüber, und wieder eilten die Bursche in die Tanzstube; aber siehe da — Honza, der Fröhlichste unter de» Fröhlichen, war nicht zu finden, wie und wo man ihn suchen mochte. Tie Anwesenden suchten sich sein Verschwinden aber bald z» erklären, indem sie annahmen, Honza habe sich entfernt, um ihnen irgend einen köstlichen Spas; zn bereiten; sie wußten, daß er nicht immer da im Dorfe gewesen, daß er auch so manches gesehen und gelernt habe; sie wußten, daß er ein findiger Kopf sei, und freuten sich schon im vornhinein auf die Possen, die er zu ihrer Ergötzung vorbereite. Sie kümmerten sich darum auch für den Augenblick nicht weiter um sein plötzliches Verschwinden, ließen sich in ihren Tänzen nicht stören und gaben sich herzlich der Freude hin. Nur Josef war nicht so leicht beruhigt wie die Andern und sein Herz war von einer Unruhe erfüllt, die er sich selbst nicht erklären koiuite. Er schritt in Gedanken hinaus aus der Tanzstube und auch aus dem Brauthause. Er sah sich nach allen Seiten lim und rief Honza beim Namen. Da sprang ein Mann aus dem Versteck hervor, stürzte auf ihn zn und wollte ihn zn Boden werfen. Aber in demselben Augenblick fühlte der Angreifer sich rücklings gepackt und von zwei getvaltigen Fälisten umklammert. Görg stöhnte vor Schmerz unter Honzas Händen, während Josef, befreit von der Gefahr, der er so glücklich entronnen, tief aufathmete. „Laß mich los," seufzte Görg. „Zum loslassen ist's noch Zeit," crwiederte Honza. „Tn wirst mich doch nicht erwürgen wollen ivegen dieses Juden?" „Warum nicht? Wenn es sein muß!" „Ich schwör Dir, daß ich ihm nichts thn." „Das furcht ich auch nicht, so lang ich noch auf der Welt bin; aber nicht Deinem Schwur trau ich, nein, ich trau allein Deiner Furcht. Und darum muß ich Dir, eh ich Dich loslaß, noch ein Paar Wörter sagen, ich muß Dir zeigen, wer ich bin und mit wem Du es zu thun hast. Du weißt, daß er kein' ärgern Feind gehabt hat als inich; es hat mir weh gethan, daß die Tochter meines Meisters von ihm sollt verführt lind betrogen werden. Doch das ist vorbei, und jetzt steht die Sach anders. Wie ich früher sein ärgster Feind gelvescu bin, so bi» ich jetzt sein bester Freund, und ich iverd über ihn wachen, Görg! das merk Dir. Ich Hab Dich die ganze Zeit her im Aug behalten; denn ich Hab Deine giftige Red von jenem Morgen, wo Du das erste Mal gedroht hast, noch nicht vergessen, und ich ken» Dein giftig Herz. Aber das sag ich Dir. Ich bin nur ein arme» Bursch, ein Knecht, wenn Du willst, und Du bist ein reicher Bauernsohn, aber, wie ich Dich jetzt in meiner Gewalt Hab, die Mutter Gottes und alle Heiligen ruf ich zum Zeugen an, ich dreh Dir dir Gurgel um, wiefern Du ihm noch einmal im Wege bist, und niil seinem Leben endet auch Deines." „So laß mich nur los um Christi willen," stöhnte Görg. „Las ihn los, Honza," bat Josef, der bisher sprachlos da gestanden. „Loslassen! ja wohl, ich will ihn jetzt loslassen. Sein Loos leg ich in seine eigene Hand." Görg erhob sich von der Erde, zu der ihn Honza niedergedrückt hatte, und schlich sich wie ein armer Sünder davon. Josef und Honza lagen einander in den Armen. (Fortsetzung folgt.) Echt mm- Rach einer Erinnerung non Berthold Anerbach. Von Rabbiner Dr. A. Kisch in Prag. Die Halbfeiertage des Herbstes 1879, welche ich auf Urlaub ii» Hause meines lieben Freundes und Kollegei; Dr. Schwarz in Karlsruhe verlebte, bleiben mir für immer unvergeßlich. Ein freundlich aufmerksamer Hausherr und eine liebenswürdig freigebige Hausfrau, die ihren; Manne auf allen Gebieten seiiuschönen und schwierigen Berufes anregend und ergänzend zur Seit, steht, wetteiferten mit einander, das alte Wort von der Unverträglichkeit und Eifersucht jiidischer Gelehrten gründlich Lügen zu strafen. Mancherlei Anregung und Anfniuntcrung habe ich von diese'..; Ferienaufenthalte in die Berufsarbeit mitgenommen und nianchc schöne Erinnerung in das Alltagsleben. Zu dei; schönsten dies« letzteren gehört das Andenken an einen Besuch, den ich mit meine;; Gastfreunde dem damals zufällig in Karlsruhe weilenden Berthold Auerbach abstattete. Auerbach war durch die in ihm an diesem Orte lebendig gewordenen Erinnerungen seiner Bachur- und Gymnasialzeit sehr miitheilsam. Er erzählte viel aus allen Perioden seines Lebens und besprach die Tageserscheinnngen des Judenthums. Die Abenddämmerung des bevorstehenden Antisemitismus zog am Horizont herauf — im Osten, und Auerbach prophezeite bei de» regellosen Zuständen des durch und durch korrumpirten Rußlands nick» viel Gutes. „Bon der Korruption dieses Reiches bis in die höchste» Sphären der obersten Beamtenkreise kann ich Ihnen, — erzählte er, — aus meinem Leben ein echt russisches Beispiel mittheilen. Als vor ungefähr fünfzehn JahreW) der edle Kaiser (Alexander II.) das Unterrichtswesen seines Reiches umzugestalten beschloß, wurde auch ich auf den Vorschlag einer mir gewogenen deutschen Fürstin, die mit den; russischen Kaiserhause nahe verwandt ist,2) vom damaligen Unterrichtsminister aufgesordert, einen ausführlichen Plan für die Umgestaltung des Mittel- und Hochschuluuterrichts auszuarbeite». Bevor ich offiziell Kenntniß von dieser ehrenvollen aber auch schwierigen Arbeit bekani, theilte mir die hochherzige Gönnerin mit, daß ich den betreffenden Auftrag demnächst erhalten werde. „Königliche Hoheit," erwiederte ich, „ich werde alle Mühe daran) verwenden, mich eines so auszeichnenden Austrages in der gewisse» ') Diese Jahreszahl kann ich nicht mehr garantiren. -) Auerbach nannte den Namen,

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