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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-05-27 · Heft 22 (27.5.1892) · p. Seite 260

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 22 (27.5.1892)
Date
1892-05-27
Page
Seite 260 (sequence 8)
Language
German
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260 mehr erniedrigt als der geringste Sklave, dessen Zeichen geduldiges Leiden war, würde eben so wenig daran gedacht haben, vom Leib des stolzen, hoffärtigeu italienischen Edelmannes, von dem er geduldet wurde, ein Pfund Fleisch zu schneiden, als die halbverhungerte, halberfrorene zitternde Katze, kläglich miauend an eurer Thür, daran denken würde, ihre Zähne oder ihre gelähmten Klanen einem brüllenden, königlichen Löwen entgegenzusetzen, oder wie der niedergetretene, gebeugte und verkrüppelte Negersklave des verflossenen halben Jahrhunderts, daran gedacht haben würde, sich mit mörderischer Waffe gegen seinen bewaffneten und hinlänglich geschützten Herrn aufzulehnen. Doch, auch diesem Argumente könnte man mit dem Einwande begegnen, daß Shakespeare in Shylock einen Mann zeichnen wollte, der — wenn auch schwach an Kraft, durch grausame Behandlung aber zur Verzweiflung getrieben, während dieser geistigen Aufregung ein Berbrechen zu begehen, — die Niederträchtigkeit verüben wollte, welche man ihn gelehrt hatte, eine Niederträchtigkeit, die er in ruhigen Momenten sich nicht einmal in Gedanken erlaubt hätte. Da wäre auch viel Wahrheit in dieser Einwendung; aber sie würde unfern Autor immer noch nicht von der Beschuldigung frei machen, den Juden in unhistorischer Weise gezeichnet 31t haben. Denn es ist eine zur Genüge erhärtete Thatsache, daß während jener grausamen Jahrhunderte der Judenverfolgungen das Recht des gesetzlichen Einschreitens gegen einen Christen dem Juden nicht gestattet war. Selbst der Gedanke, daß der verachtete, fremde, kaum geduldete Jude, während des Mittelalters vor einem öffentlichen Gerichtshöfe von Venedig — dessen Seufzerbrücke manche Geschichte gesetzlicher Uebelthaten, sogar an Nichtjuden verübt, erzählen könnte, die das Wörterbuch der Welt mit dem berüchtigten Worte Ghetto bereicherten, worin der Jude abgesondert von der übrigen Menschheit zu leben gezwungen war — das Abschneiden eines Pfund Fleisches beanspruchen und fast erlangen konnte, und damit das Leben eines christlichen Edelmannes zu gefährden, eines ihrer geehrtesten und begünstigtsten Bürger, wegen des geringen Verbrechens der Nichtzahlung einer unbedeutenden Schuld — schon der Gedanke daran, ich wiederhole es, ist für den Geschichtsschreiber höchst vernunftwidrig. Der Jrrthum aber ist ein verzeihlicher. Mit allen seinem Genie war Shakespeare doch nur ein Kind seines Zeitalters. Ja, sein Geist war durch die Beschränkung der Zeiten, in denen er lebte (1564—1616), eingezwüngt. Seine Bekanntschaft mit dem Juden war nothwendigerweise mangelhaft. Es ist sogar eine Frage, ob Shakespeare jemals das Festland besucht habe, wo er mit Juden hätte in Berührung kommen können. Aus seinem eigenen Lande wurden sie 300 Jahre vor seiner Zeit verbannt (1290) und wurden in dasselbe nicht wieder ausgenommen, als bis nach seinem Tode. Er muß deshalb seine Kenntniß des Juden durch das erlangt haben, was er über dieselben auf der Bühne gesehen hatte, und dieses war, in seiner Zeit, beinahe allgemein nachtheilig für den jüdischen Charakter. Im Buche, in der Volkssage, auf der Bühne war der Jude unabänderlich der Schurke oder der Geizhals. Daß es auch gute und achtbare Juden gab, konnte Shakespeare nicht wissen. Er wußte, daß Judas Jschariot ein Jude war, vielleicht aber nicht, daß Jesus, dessen Eltern und Geschwister, sowie die ersten Apostel, Schüler und Nachfolger ebenfalls Juden waren. Er wußte, daß der „erdichtete Barrabas" ein Jude war, dachte vielleicht nie daran, daß der „historische" Richard 111. und König Johann Christen waren. Daß er von der judenfeindlichen Ansteckung seiner Zeit mit fortgeriffen wurde — obgleich (zu seiner Ehre sei es gesagt) in geringerem Matzstabe als irgend ein anderer englischer Schriftsteller vor hm und viele nach ihm — wissen wir genau, wenn wir in seinen Schriften Stellen begegnen, wie z. B. „ein Jude würde geweint haben, wenn er unfern Abschied mit angesehen hätte"') die Idee der steinernen Hartherzigkeit des Juden damit bezeichnend) oder in der Hexenszene von Macbeth, wo er für ihren Höllentrank die „Leber eines gotteslästerlichen Juden" braucht, oder wenn er das gierige Verlangen des Juden schildert, womit er das Fleisch des Christen beansprucht. Er mag vielleicht nicht einmal gewußt haben, daß die Geschichte von „dem Pfund Fleisch", die er im Kaufmann von Venedig" beschreibt (im Jahre 1598), schon alt sei, beinahe so alt als Mythe und Legende, und in einer oder der anderen Form allgemein bekannt unter den alten orientalischen und occidentalen Völkern?) Er mag vielleicht nicht einmal gewußthaben, daß in den früheren Uebersetzungen dieser Sage der Jude niemals der Schurke sei, daß erst in den späteren Uebersetzungen, den während der Zeit der bitterstenJuden-Verfolgungen gelieferten, man den nichtjüdischen Schurken der früheren Geschichten in einen Juden verwandelt habe?) Er inag vielleicht nicht ein malgewußt haben, daß in dem einzigen geschichtlich berichteten Ereigniß, welches mit der Shylock-Geschichte eine auffallende Aehnlichkeit hat, und das seiner eignen Dichtung zu unterliegen scheint, der Schurke ein Christ und kein Jude war. Die Geschichte wird in Verbindung mit der Lebensgeschichte des Papstes Sixtus V. (1521—1590) erzählt?) Sechi, ein Christ, und Elnade ein Jude, gehen eine Wette ein, deren Einsatz in einem Pfund Fleisch besteht, wenn der Jude, und 1000 Scudi, wenn der Christ ^verlieren sollte. Der Jude verliert. Der Christ schwört, er müsse das Pfund Fleisch haben. Der Jude appellirl an den Statthalter, und dieser wendet sich an den Papst Sixtus, der Jedem eine schwere Strafe anflegt; dem Christen wegen versuchten Todtschlags und dem Juden, weil er sein eigenes Leben aufs Spiel setzte. Somit muß der geschichtliche (und der zu jener Zeit grausamer Verfolgung einzig mögliche) Shylock Sechi, der Christ und der geschichtliche Antonio Elnade derJude gewesen sein. Ob nun Shakespeare das Srück abgeändert habe, um den Anforderungen der Bühne zu seiner Zeit zu genügen, einsehend, daß mit einem Schurken gegen einen jüdischen Helden cs schon bei der ersten Aufführung hätte durchfallen müssen, oder ob das Stück schon gefälscht in seinen Besitz gelangt sei, seine Absichten waren sicherlich nicht, den Juden noch mehr zu kränken, als er es bereits war, im Gegeutheil, wie es uns oben gezeigt wurde, versuchte er vielmehr den Juden in ein günstiges Licht zu stellen, als ihm zu schaden. Sein Genie und sein Rechtsgefühl überragten vielleicht, wenn auch unbewußt, sein Streben nach Gewinn. Während letzteres das Juden hassende Pu blikunr ergötzte, zeichnetesein Geniein Shylock diekürzeste, klassischste, in den weitesten Kreisen gelesene und gesehene Märtyrergeschichte des Juden. So herrlich ausgearbeitet ist dieses Stück, so fein seine Eintheilung in exoterischer und esoterischer Bedeutung, daß, während der oberflächliche, vergnügensuchende Leser oder Zuhörer über den besiegten blutdürstigen Juden lacht oder seinen Unwillen zu erkennen giebt, der gedankenvolle über die unaussprechlichen Leiden einer verfolgten Rasse weint. Dank, großen Dank dem edlen Dichter von Avon für sein Schauspiel. Mit den besten aller seiner Dramen gleichen Rang haltend, und eines der reinsten von allen, frei von jenen anstößigen Mordszenen, welche die Schönheit mancher seiner besten großen ') Zwei Gentkernen von Verona. 2. Akt III. Szene. a) Siehe Dr Gaffers „Ursprung und Entwickelung der Shylock-Sage" ®) Die Geschichte der Verschreibung in „Kssta koinanorurn" publ. 1473. Die Abenteuer des Gianetto in „II Pecorone“ Sammlung (Mailand 1558) erwähnt in Dunlops „Geschichte der Dichtung", „Gernutus der Jude von Venedig" (1594), wie Doktor Faust Geld von einem Jude» borgt und dafür sein eigenes Bein versetzt", in Doktor Fausts Legende» Frankfurt 1537. fl Gregorio Letis Leben des Papstes Sixtus V. Schaust verschm den bre und S cutfalte lind d Vcrthei fälschte, 7heil 0 gnirgen gerechte chelmis :;t sing 'Ibnm d) dar ,'ebens lliederh us, sic ganze acht nicht wck, i?! setze mische uc abzr mit Re ionnen was weiß," .der k alle» mir iiiidels lucht. in der bildete heit er '.verde, -vonza 'Haft? da ist. -Aas > r da ö.

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