Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1892)
- Date
- 1892-05-27
- Page
- Seite 259 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Akt: „Er hat mich beschimpft, mir gehindert eine halbe Million; meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gehetzt. Und ivas hat er gehabt für Grund? Ich bin ein Jude." Dieser letzte, leidenschastliche, aber logische Ausbruch Shhlocks bringt uns dahin zurück, von wo wir ausgegangcn waren. Er liefert die Antwort auf die verschiedene» Theorien, welche als das wahre Motiv zum „Kaufmann von Venedig" aufgestellt wurden. Er überzeugt uns, daß dieses Drama die Eigenthümlichkeiten von Shakespeares anderen Schauspielen theilt, kein Motiv zu haben. Man entdeckt niemals in seinen Schauspielen eine gewissenhafte Absicht, Propaganda zu machen für oder gegen eine gewisse Sache, wie z. B. bei Dickens in seinen Novellen Nicholas Nickleby, Pickwick Papers, Bleak House und anderen. Der Jude und der Christ in diesem Schauspiel kümmern ihn wenig als solche; hätte er beabsichtigt, die Sache des Einen oder des Anderen zu befürworten, so würde er mit mehr Bestimmtheit angedeutet habe», wer von Beiden der größere Schurke war. Er hat es nur mit deni Menschen zu thun und untersucht, ivas unter der Oberfläche liegt. Er ist der psychologische Philosoph. Er zerlegt die menschliche Natur. Er kennt die Tugenden und die Laster, deren der Mensch fähig ist. Er kennt die Gesetze der physische» Ursache und Wirkung; er weiß, welche üble Leidenschaften eine Reihenfolge von bösen Thaten und Einflüssen zu erwecken vermag, und er behandelt den Menschen in Uebereinstimmung damit. Shakespeare zeichnet in Shylock das Bild eines schmerzlich mißhandelten und herzlos beleidigten Mannes und spornt ihn an zur Rache, gerade wie jeder Andere unter ähnlichen Herausforderungen gehandelt haben würde, was auch immer seine Religion gewesen sein möge. Hätte er die Menschennatur falsch beurtheilt, wie manche aus unserer modernen, sentimentalen Sonntagsschulen -Litteratur, so hätte er den Shylock auf die Knie hinsinken lassen, die Hände seiner Verfolger, die ihn geschlagen hatien, demüthig küssend, und etwa in folgender Weise sprechen: „Ihr süßen Freunde, meine Religion befiehlt mir, meine Nebenmenschen wie mich selbst zu lieben und lieber zu leiden als Unrecht zu thun. Ich will Euch sogar noch mehr lieben als mich selbst; will vergeben und vergessen. Wenn es Euch Vergnügen und Nutzen gewährt, mir Unrecht zuzufügen, so habe ich nichts dagegen, wenn Ihr damit fortfahren wolltet." Worauf seine Feinde, dies sehend und hörend, von Scham erfüllt, ihren Jrrthmn eingestehen, den Vorzug der Juden über den Christen anerkenne» und sich sofort zum Judenthum bekehren würden. Oder er würde die Feinde Shhlocks am Schlüsse der Umebsuchungsszene etwa folgendermaßen haben sprechen lassen: „Unser Meister hat uns gelehrt, unsere Feinde zu lieben, zu segnen, die uns fluchen, zu handeln, wie auch wir behandelt sein möchten, und gehoisam diesen Lehren, wollen wir fortan Dich lieben und segnen. Wir erklären die Entscheidung des Gerichtshofs für ungerecht. Wir geben Dir alle Deine Gelder, die er uns zugewiesen hat, zurück. Wir wollen uns bemühen, den Frieden und das Glück Deiner Familie wiederherzustellen. Wir wollen Dich behandeln und ehren als Eine» unseres Gleichen." Shylock, dies hörend, bricht in Thrünen aus, bereut seinen sündhaften Wandel, verspricht seine Gelder, in der Zukunft — nach guter christlicher Weise — gratis auszuleiheu, ruft seine Tochter, erklärt ihre Wahl eines christlichen Ehemannes für weise, bittet sie um die Gefälligkeit seiner eigenen Taufe beiwohnen zu wollen und vermacht den größten Theil seines Vermögens an eine Missionsgesellschaft, deren Aufgabe es ist, Juden zur Taufe zu veranlassen. Shakespeare jedoch ist ein zu genauer Kenner der menschlichen Natur, um in einen solchen Jrrthmn zu verfallen. Getreu der Natur läßt er seinen Shylock bis zum letzten Augenblick auf das Pfund Fleisch bestehen, und mit nicht geringerer getreulicher Auslegung der judenfeiudlichen Gefühle des Mittelalters läßt er seine Feinde Alles hinwegnehmen, Vermögen, Tochter Glauben von den verachteten und unbeschützten Juden, und ihn entlassen als kinderlosen, herzgebrochenen Vater, als verachtete» und verarmten Sträfling. Und dennoch mit all' seinem unvergleichlichem Genie die menschliche Natur zu durchdringen und ihre feinsten Züge zu erklären, verfällt er in einen argen Jrrthmn in seiner Zeichnung des jüdischen Charakters. Seine Zauberruthe, welche niemals verfehlte, der Seele geheimste Gedanke» und Leidenschaften ins Dasein zu rufen, erzielte nur theilweise Resultate, als sie den Juden auf die Bühne zauberte. Sein Shylock ist das Gemisch eines, grausamen Römers, eines rachsüchtigen Italieners und eines verschlagenen Juden, — nicht des reinen Typus eines Juden, mit seinen wahren Lastern und Tugenden. Er judaisirte einen rachsüchtigen Venetianer, ächzend unter nnsäglichen persönlichen Leiden und schmerzlichen Kränkungen, auferzogen im römischen Gesetze der zwölf Tafeln, welche den Gläubigern gestatten, Fleisch vom Leib des Schuldners — einschließlich des Bluts — zu schneiden, je nach dem Verhältnis; ihrer Forderung, ungehindert so eine grausame Rache zu vollziehen — und nannte ihn einen Juden. Sein Shylock ist ein möglicher Italiener, aber kein historischer Jude. Er irrte, indem er das allgemeine Gesetz auf den Juden anwendete, in der Meinung, es bezöge sich auf die menschliche Natur ohne Unterschied. Er übersah oder unterschätzte die verschiedenartige Kraft der Verhältnisse. Shakespeare machte einen Uebergriff gegen jüdisches Gesetz und allgemeine Geschichte. Indem er Shylock zum strenggläubigen Juden macht, begeht er einen Jrrthmn, ihn gleichzeitig lüstern zu machen nach dem Pfund Fleisch, während das biblische Verbot gegen das Abschueiden von Fleisch von lebenden Geschöpfen schon zur Zeit Noahs (1. B. Moses 4—6), gewissenhaft beobachtet, während Tausenden von Jahren (in der That so gewissenhaft, daß bis auf den heutigen Tag, damit jenes Verbot nicht im Geringsten übertreten werde, kein Tropfen Blut von einem gläubigen Juden genossen wird, nicht einmal Fleisch, ehe des Thieres Gurgel durchschnitten worden und durch Wasser und Salz jeder Tropfen möglichen Bluts herausgezogen worden) selbst dem Gedanken daran für den Juden unmöglich gemacht hätte, geschweige die Vollziehung desselben. (Es ist überflüssig zu erwähnen, daß das mosaische Gesetz „Auge für Auge, Zahn für Zahn" u. s. w. nie im jüdischen Gesetze in dem Sinne des römischen Lex talionis, d. h. gleich für gleich, genommen wurde, sondern im Sinne des Geld entsprechenden Betrags für Schaden, mit Ausnahme vorsätzlichen Mordes). Dennoch könnte man einwendcn, daß Shakespeare gemeint habe, aus Shylock einen fanatischen, wahnsinnigen Rächer zu machen, der seiner Rache Genugthuung verschaffen wollte, und Fanatiker jedes Glaubens begehen im Namen der Religion Verbrechen, welche gerade ihre Religion aufs Schärfste verbietet. Da wäre wohl viel Wahrheit in einer solchen Einwendung; sie würde jedoch Shakespeare nicht frei machen von dem Jrrthmn der ungeschichtlichen Zeichnung des Juden. Der Jude des Mittelalters, verachtet, ausgestoßen,