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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-05-27 · Heft 22 (27.5.1892) · p. Seite 257

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 22 (27.5.1892)
Date
1892-05-27
Page
Seite 257 (sequence 5)
Language
German
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Bevor ich zur Betrachtung derselben übergehe, habe ich einleitend Folgendes zu bemerken. Aller Gottesdienst ist ursprünglich dramatisch; und geschichtlich hat sich auch das Drama aus dem Gottesdienst entwickelt. Der semitische Stamm aber hat kein Drama in seinerWoesie geschaffen, «veil er zu ernst war, um den Gottesdienst dem Spiel preiszugeben. Aus diesem Grunde wesentlich war auch der weise Athener Solon gegen das Drama unfreundlich gestimmt. Worin bestand nun der ursprüngliche Gottesdienst? Wer alle Religion und alle religiöse Uebung aus Furcht und Eigennutz erklärt, ist, wenn nicht in vollem Jrrthum, dann doch gewiß nicht itt der ganzen Wahrheit. Nicht nur, daß auch dem primitivsten Mensche», man denke ihn sich noch so wild, Dankbarkeit inne wohnte, sondern es lebte in ihm noch mehr als alles dies, nämlich, wie dunkel auch, und darum sogar oft fehlgreifend, der Trieb und Drang zur «Erhebung aus seiner Finsterniß in ein geahntes Reich des Lichts. Wie erfüllt sich nun dieser Drang? Dasselbe thun, was, wie der Mensch glaubt, sein Gott thut, Nachahmung der Gottheit: das war oer ursprüngliche Gottesdienst. Ich kann freilich nicht bestimmt sagen, welches Gefühl den primitiven Menschen erfaßte, wenn er sich bet Sonnenaufgang von seinem Lager erhob. Nur so viel ist gewiß: r erwachte nicht wie die Hyäne, und nicht wie das Lamm. Ueberliefert aber durch unanfechtbare Gesänge ist uns z. B., daß die alten Inder in der Frühe ihre Gottheiten dadurch verehren wollten, daß, tute diese den hellen, warmen Tag heraufführten, und wie diese die am Abend ausgelöschte Sonne am Himinel wieder ausflammen ließen, so sie, die Menschen, das am Abend ausgebrannte Feuer neu anzündeten. Der Inder that, was seine Götter thaten: das warsein Gottesdienst; Opfer und Gebet trat natürlich hinzu. Die Semiten hatten nicht eben niedrigere Vorstellungen von den Gottheiten,-aber unglücklichere; und indem sie nun bei ihrem tiefen Ernste ihren Göttern nachahmen wollten, so sank ihr Kultus in die abscheulichste Unsittlichkeit. Den Israeliten dagegen war gesagt: (älter einziger Gott ist heilig, darum müßt ihr streben, heilig zu werden — das ist euer Gottesdienst. Daraus aber kann sich wohl ein heiliges Gesetz für die Gestaltung des Lebens und aller Thätigkeit ergeben; aber welche Zeremonie sollte daraus abgeleitet werden können? Der alte Inder hatte es leicht: er entzündete Feuer durch Bohrung eines Holzstabes in einer Holzscheibe: gerade so, meinte er, hatte der Gott das Sonnenrad in Brand gesetzt. Aber wie der Israelit? dessen Gott Himntel ttnd Erde, Tag und Nacht durch sein Wort geschaffen hat? Dem Israeliten fehlte die Mythologie. Aber er wußte sich eine zu schaffen ivelche als Erzeugniß einer mystischen Dichtung neben dem Glauben 'm einen Gott erträglich ist — der Engelglaube. In den erzählenden Büchern der Bibel sieht man deutlich, daß Engel nur eine vorübergehende Erscheinung Gottes selbst bedeutet, und so wird aus den Psalmen namentlich klar, daß alle Kräfte der Natur als Engel gedacht werden; der Wind und der Blitz sind Engel, d. h. Boten Gottes, und auch die Gestirne sind es. Sie erfüllen die Befehle Gottes im Leben der Natur, aber auch der Menschen. Diese Engel werden nun zusammengefaßt mit den Eherubim und Seraphim, welche von den Propheten genannt werden; sie bilden mit diesen zusammen eine himmlische Schaar, und von allen Geschöpfen stehen sie der Gottheit selbst am nächsten, und so werden sie im Psalm D’tinp Heilige genannt, auch D’H^X 'J2 Göttersöhne. Sie waren vor der Schöpfung da, und die Morgensterne und alle Engel jauchzten Gott entgegen, als Er die Welt schuf. Und so vollziehen sie nicht blos als die lebendigen Nuturträfte die Befehle Gottes, bilden Gottes Dienerschaar, sondern sie bilden die überirdische Gemeinde der Heiligen, welche Gott im himmlischen Tempel preisen. Die 2X32, die Schaaren des Himmels und der Erde, d. h. die Sterne und die irdischen Wesen, werden vom Psalmisten (103, 20 ff.) nmgestaltet zu VX32 den Dienern Gottes. In diesem Sinne treten die Engel nun auch in unserem Gebet auf. Bor dem Schema des Morgens ward ursprünglich nur ein Gebet gesprochen, das nan N3NX, von dem zuvor die Rede war. Für den Abend war ein an Inhalt ähnlicher Spruch festgesetzt, aber zuvor, wie ich erwähnt habe, Gott gepriesen, der den Abend heraufführt. Wohl um die Gleichheit des Morgen- und Abendgebetes vollständig zu machen, schuf man nun auch für den Morgen einen ersten Spruch: „Gelobt sei Gott, der das Licht gebildet und die Finsternis; erschaffen hat, der Frieden stiftet und Alles erschaffen hat. Gott, der an jedem Tage die Thore des Ostens aufthut und die Lichträume des Firmaments öffnet, die Sonne aus ihrem Ort herausführt,. der Licht der Erde spendet und den auf ihr Wohnenden in Barmherzigkeit) und in seiner Güte an jedem Tage die Schöpfung verjüngt." Und nachdem Gott noch weiter als Schöpfer des Alls gepriesen wird, „Er allein erhaben", „der die Strahlen der Sonne geschaffen hat und die Himmelslichter um seine Majestät stellt", da heißt es plötzlich: seine heiligen Himmelsschaaren „verkünden unablässig die Herrlichkeit Gottes und seine Heiligkeit"; ihnen, den Engeln wird das mn nn3 zugeschrieben-), um das der Fromme bittet; und nun wird Gott gepriesen, der diese seine heiligen Diener geschaffen hat. Und so wechselt fortwährend die Vorstellung von den Gestirnen und j Naturkräften mit der Personifikation derselben als Engel; lind zu! diesen Engeln, welche den Thron Gottes umgeben, gehören auch i „Milde und Geradheit" der Rechtsprechung, „Gnade und Erbarmen", i wie schon im Psalm „Gnade und Wahrheit" vor Gott als aufwartende j Diener stehen. Diese mystischen Dichter haben die Sphärenmusik gehört, die Harmonien des Alls. Dem entsprechend lautet nun der dritte Segensspruch unsere 0 niBXtP "[ins ist eine Aneinanderreihung kurzer Segenssprüche und darum scheint mir die Bermuthnng Rapoports, daß hinter jedem dieser vom Vorbeter vorgetragenen Sprüche die Gemeinde xin "sin3 gesprochen habe, sehr überzeugend. Einige derselben aber sind ans der bei uns üblichen Fassung iveggefallen und andere an eine falsche Stelle gerathen, was bei dem losen Zusammenhang so leicht geschehen konnte. Ich vermuthe so: ^31*13 1TD -HW'l ■ ■ naXW TTO “jtq nnj -pna ,nvnan - anna -pna ,nmx X'aai 131 “TI?*? 'N - - - aSlPD So ist hier wie im obigen Gebet das Licht und die Barmherzigkeit einander nahe gebracht, wie auch Beschluß und Lohn. Bemerkt sei auch, daß in der obigen Uebersetzung die Worte: „Gott, der an jedem Tage .... herausführt" nur für den Sabbath bestimmt sind (in -|Hn San)- Man sieht, wie auch der jüdische religiöse Dichter vom Sonnen-Auf- und Untergang besonders ergriffen war. Ein Gebet, das ebenfalls als Eingang für die Keduscha gedichtet ist, aber nicht in unser Gebetbuch gedrungen, indeß von Amram mitgetheilt wird, und das, wie mir scheint, ein Bild der Morgenröthe liefert, lautet übersetzt: „Ströme der Freude, der Wonne und des Jubels, Ströme des Wohlwollens, der Liebe und der Freundschaft ergießen sich von Gottes Thron und wachsen an in ihren lieblichen Himmelsbahnen widerhallend vom Gesang und Spiel der Engel." 2) Sachs übersetzt: „in andächtigem Gemütho." Heidenheim: „mit seligem Vergnügen."

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