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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-05-27 · Heft 22 (27.5.1892) · p. Seite 256

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 22 (27.5.1892)
Date
1892-05-27
Page
Seite 256 (sequence 4)
Language
German
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256 aber des Morgens hat es (,T2T T2TX) eine längere Form, und in dieser ist es für mich das rührendste Gebet, das ich kenne; es ist so kindlich und inständigst stammelnd: „Mit unendlicher Liebe hast Du uns geliebt, Ewiger unser Gott, mit großer und überschwänglicher Barmherzigkeit dich unser erbarmt Unser Vater, unser König, um unseres Väter willen, die auf Dich vertrauten, und denen Du die Gesetze der Glückseligkeit gelehrt, sei auch uns gnädig lind belehre uns. Unser Vater, o Vater, Allerbarmer, der sich wahrhaft erbarmt, erbarme Dich über uns" — und was erbitten wir denn von dem so dreimal als Vater Angerufenen, dreimal als barmherzig Gepriesenen? bitten wir etwa um Brod? um Eesundheit? um Güter der Welt? Nein! „Erleuchte unsere Augen in Deiner Lehre, und laß unser Herz hangen an Deinen Geboten, auf das unser Herz mit allen Trieben ausschließlich Dich liebe und ehre; denn uns hast Du erwählt von allen Völkern uiid uns Deinem heiligen Namen nahe gebracht für ewig in Wahrheit. Gelobt seiest Du Ewiger, der sein Volk Israel erkoren in Liebe". Das ist die Vorbereitung zu unserem Bekenutniß: TT laß unser Herz so sein, daß es dem TTX entspricht! Dieses TN' ist der Kern deS Gebets; es stammt, wie mir unzweifelhaft ist, von den Männern der großen Synode; nur sie hatten noch die Sprachgewalt, dieses Wort so zu stempeln, und aus unserem Gebet ist es in den 80. Psalm gekommen und findet sich sonst nirgends?) Ich komme nun zum zweiten Kernpunkt unserer Gebete, zur Schemone Eßre, der eigentlichen Tefilla. Sie ist nach dem Grundsätze gebaut: Zuerst Preis Gottes, dann Bitten, endlich Dank. Die ersten drei Sprüche und die letzten drei sind die ältesten: die mittleren, welche die Bitten enthalten, sind erst allmählich immer mehr fixirt worden. Noch ein volles Menschenalter nach der Zerstörung des Tempels fehlte eine authentische Redaktion. Die Tesitla hebt an mit dem Preise des Gottes, den unsere Väter erkannt haben, der unendlich erhaben ist, aber auch in Gnaden liebevoll waltet, der das All erschaffen hat, aber um der Frömmigkeit der Väter willen den Enkeln Erlösung bringt, uns Helfer, Beistand und Schild ist. Ist hier der Gott gedacht, wie er sich in den Einzelheiten der Geschichte offenbart, so wird er weiter als der Allumfassende gepriesen, welcher die Welt in ihrem Bestände erhält, welcher tobtet und belebt, und wie es wörtlich heißt, „seine Treue den im Staube Schlafenden bewährt", d. h. der den Anfang der Zeiten in weisem Heilsplane mit dem Ende der Zeiten verbindet, als Duell des einigen Lebens. Wie der Bund, den Gott mit den Vätern geschlossen, für alle folgenden Geschlechter seine Geltung behält : so wird auch die endliche Erfüllung im Gottesreiche zugleich für alle vorangegangenen Geschlechter seinen Werth haben. Darum, so lautet der dritte Spruch, ist Gott heilig und wird als heilig gepriesen. — Die drei letzten Sprüche enthalten die Bitte um wohlgefällige Annahme des Gottesdienstes, dann den Dank mit, wie mir scheint, beabsichtigter Rückbeziehuug auf die beiden Anfangssprüche in den Worten pa Schild unseres Heils, lyn T1SC Hort unseres ewigen Lebens. Darauf folgte der Priestersegen, der mit den Worten endet: „und Gott schenke Dir Heil", welche Worte M In der obigen Uebersetzung habe ich mir die Worte und Sätze ansgelassen, die als spätere Zusätze erwiesen sind. So kann z. B. der letzte Satz des jetzt vorliegenden Textes schon darum nicht als ursprünglich angesehen werden, weil er im ältesten Siddur (Amram) nicht enthalten ist, und besonders weil darin pTN'^1 ganz anderem Sinne verkommt, als vorher TN'- Letzteres Wort läßt sich in keiner Sprache einfach übersetzen; es läßt sich nur umschreiben. Jenes bedeutet: Gott als den Einzigen anerkennen; TN' aber bedeutet, danach streben, wie Gott TNdt ist, ebenso TNX Zu werden, ein ganzer Mann, d. h. Harmonie der Gesinnung und deren Bethätigung, aller Gedanken, Gefühle, Willensregungen und Handlungen, in Gott. später die Gemeinde zum besonderen Spruche erweitert hat. Endlich fügt dann der Einzelne noch ein stilles Gebet hinzu, das von dem Sohne Rabina's stammt, des Mannes, der an der Redaktion des Talmud betheiligt war. Dieses Gebet lautet übersetzt: „Mein Gott, bewahre meine Zunge vor Bösem, meine Lippen, daß sie nichte- Trügliches reden. Denen, die mich schmähen, laß meine Seele schweigen, und wie Staub sei sie demüthig gegen Alle. Oeffm mein Herz Deiner Lehre, daß ich eifrig Deine Gebote erfülle." Diese eben angeführten sechs Sprüche der Tefilla gelten für jeden Tag des Jahres, Wochen-, Sabbath- und Festtage. Zwischen die ersten und letzten drei treten für den Sabbath und Festtag besondere Erinnerungen. In all' dem schweigt das Bedürfniß der Einzelnen mit seinem von Sorgen aller Art erfüllten Gemüthe, Aber zwischen jene drei Anfangs- und drei Schlußsprüche mag der Einzelne an Wochentagen seine Bitten dem Allgütigen bringen, jedock auch nur in einer solchen Form, daß es wesentlich Bitten für dir Gesammtheit sind. Zuerst die Bitte um Vernunft und Einsicht, dann um Rückkehr zu Gott, ferner um Vergebung der Sünden, mn Gesundheit, um Fruchtbarkeit des Bodens und reiche Ernte, endlich um Erhörung des Gebetes. Sechs oder sieben andere Sprüche werden nach und nach hinzugefügt in Zeiten der Noth, wie Israel sie so oft durchlebt hat. Hiernach, h. A., habe ich nur noch zwei Gebetstücke zu besprechen, den Kaddisch und die Keduscha. Der erstere ward ursprünglich itad der Predigt, namentlich nach einer Trauerrede, gesprochen und drang dann in unseren Gottesdienst ein, wo er wiederholt zwischen du Haupttheile desselben eingeschaltet ist. Seine Beziehung zu unsere Trauer beim Hinscheiden geliebter Personen liegt ziemlich verstell!, nämlich nur in zwei Ausdrücken: erstlich in NN12^2 ,,Goü wolle sein Reich Herstellen" und weiter in KflEPü „Trostverheißungen , mit welchen beiden Worten zugleich auf die Seligkeit des ewigen Lebens hingewiesen wird. Dieser Kaddisch erinnert so entschieden an das christliche „Unser Vater", daß ich kaum umhin kann, auf die Gleichheit und den elln jüdischen Charakter dieses von Jesus stammenden Gebetes hinzuweisen. Die Rabbinen haben wohl bemerkt, daß der Arbeiter und de: Reisende oft unmöglich langeGebete mitAndacht zu sprechen vermöge uno haben für diese Fälle kurze Formeln geschaffen, in denen der ganze Inhalt unserer Gebete zusammengedrängt ist. Die bekanntes!: dieser Formeln ist die in unseren Gebetbüchern befindliche, mit 1JJ’2T beginnende. Solch ein kurzes Gebet mit bcm Inhalte aller langen ist auch das „Unser Vater", das wie unser Kaddisch auch bei Verstorbenen gesprochen wird. Wenn iel' Ihnen dasselbe hebräisch oder chaldäisch, so wie es muthmaßlich tu sprünglich lautete, vortragen werde, so werden Sie durch viele Au und Gleichklänge augenblicklich an unsere Gebete erinnert werden: mbtr nm nrvoSb p'^a'i nav trTpnt awair irrs ^221 am upn ar6 us'Ttsn -nnna mbtr nw X1N Spas Tsra ijirmm ]VD3 'T'1? utrari /iiKtsn '2 ub r6oi <c" a x d'öSip 'abiy*? mKBnm majni robaan '2 Und so will ich Ihnen auch bei dieser Gelegenheit den Jhneü Allen gewiß wohlbekannten Weihnachtsgrnß, „Ehre sei Gott m der Höhe... und den Menschen ein Wohlgefallen", der im Griechischen, und folglich in der lateinischen und deutschen Uebersetzung kaum neu stündlich ist, in seiner muthmaßlich ursprünglichen Form mittheilen, Er lautete, >vie ich annehme, folgendermaßen: ,2'21T22 'JTX1? TC2 l'iO'S NIT nroi ,ptO Clban Für den hebräischen Ausdrrnt NIT NMZ konnte der griechische Uebersetzer das entsprechend: *) Das kurze Gebet des R. Elieser schließt: -pKT'1? NIT flTJ j“' ntrp p'TP2 2itam ,nnna-

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