Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-05-27 · Heft 22 (27.5.1892) · p. Seite 255

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 22 (27.5.1892)
Date
1892-05-27
Page
Seite 255 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227931-3227954--48857-3269516
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

255 riebe, als die heiligsten Prinzipien der Humanität, als alle garantirten Rechte der Verfassung." Drei Seiten später finden wir folgende Auslassung: „Nachdem wir das Nothwendigste über Personen mitgetheilt, müssen nur es uns hier versagen, das ganze weite Schlachtgebiet auch nur zu überblicken; wir beschränken uns auf denjenigen Theil des Angriffes, der n: dem fortdauernden Kampf mit der Synagoge noch heute seine Behütung hat, wir heben besonders das heraus, was Celsus mit Hilfe jüdischer Waffen gegen das Christenthum ins Feld führt. Es kann gar fein Zweifel sein, daß die Juden ihm diese Waffen geliefert, denn sie ünd noch zu find.:: in ihrem alten Arsenal, dem Talmud, und zwar in den Ausgaben, die den Späheraugen der Censur nicht ausgesetzt waren, ü s wäre viel besser gewesen, wenn man diese gehässigen Beschimpfungen Christi und des Christenthums dort ruhig gelassen, wo sie ihrem Zuinnunenhang nach hingehören, als daß man die Juden veranlaßt hätte, in Sammlungen, welche insgeheim kursiren, den sogen. Chesronothl-a-Schat, zusammenzustellen und das Gift so zu verdichten. Celsus muß s:ch vom Gebrauche seiner jüdischen Waffen Großes versprochen haben, dum er bedient sich ihrer gleich im Anfänge seiner wohlgeplanten Polemik. Daß der schlaue Heide sich auch Waffen zu verschaffen wissen n erbe, um das Judenthum in ähnlicher Weise zu bekämpfen, daran achten die damaligen jüdischen Waffenlieferanten ebenso wenig, wie es tiivc Nachkommen in unseren Tagen denken, die sich auch zu diesen: undankbaren Dienst verwenden lassen." Wir möchten den Verfasser in aller Bescheidenheit hier fragen, ob er nicht selbst ein solcher Waffenlieferant ist für die Verbreiter des? idenhasses, wenn er auf die sogen. Chesronoth-ha-Schas aufmerki nt macht, Don deren Existenz und Inhalt ich als geborener Jilde zum heutigen Tage keine Ahnung hatte. Ich werde sie auch jetzt n cht als nothwendige Ergänzung meiner mangelhaften Bildung ani'iien unb kennen zu lernen suchen; sicher aber ist, daß ein Antisemit uns Passion dein Herrn Dr. Fürst nur dankbar sein müßte, wenn et dort das kondeusirte Gift fände, als welches ihr Inhalt bezeichnet wird. In demselben Kapitel finden wir eine Schlußnote, die wie folgt iuiitet: „Dieses aus später nachtalmudischerZeit stammende Machwerk gemeinen Gusses wird einem Konvertiten zugeschrieben (Augsb. Allg. Zeitung. I 72. Nr 338), aber so tief ist kaum je ein rückfälliger Judenchrist ivnmfen." Warum, so frage ich den gelehrten Herrn Verfasser, soll ein Konvertit nicht ebenso tief sinken können, wie ein Jude? Muß denn w'l der Taufe jede Fähigkeit zum Bösen verloren gehen? Wir müßten das Fürst'sche Buch Seite für Seite abschreiben, nullten wir die zahllosen Stellen reproduziren, die ein unwiderlegd.des Zeugnis; dafür ablegen, daß der Verfasser für uns nicht das Wohlwollen besitzt, das derjenige haben muß, der sich vorgesetzt, nicht die Juden, sondern die Antisemiten zu bekämpfen. Ich gebe P li! zu, daß Herr Dr. Fürst nicht pure unser Feind ist. Aber von d'.eser Feindschaft hält ihn nicht Humanität ab, sondern ausschließlich und allein christlicher Bekehrungseifer — er will uns leben lassen, domit wir Christen werden. Dafür aber danke ich, Herr Dr. Fürst! -'nm Sie ein wahrhaft frommer Mann sind, dann müssen Sie mich auch als Juden gelten lassen. Sie müssen mir, dem Juden, die Möglichkeit nicht versagen, auch ohne Christenthum selig werden zu tbnnen; Sie dürfen mir, auch wenn ich Jude bleibe, nicht Mitschuld on Christi Tod beimessen; kurz, Sie müssen zugeben, daß mich mein uudenthum an der Erfüllung meiner Pflichten als Mensch und Bürger nicht mehr hindert, als Sie Ihr Christenthum. Wenn Sie nicht können, dann mögen Sie noch immer ein ausgezeichneter -Missionär sein, aber ein Vorkämpfer für die unveräußerlichen Menschenmchte sind Sie nicht! Sie sind ein glaubenseifriger Christ, aber kein dorurheilsfreier, humaner Mensch! Um gerecht zu sein, müffen wir noch eine Stelle des Fürstlichen Buches reproduziren; es heißt dort: „Auch was Lombroso — einer von den beide:: in: Fürst'schen Buche erwähnten Profelyten, die nicht gegen ihre früheren Glaubensgenossen auftraten — über die Presse und Tageslitteratur sagte, ist zu wichtig, als daß wir es mit Stillschweigen übergehen könnten. Die Presse und Tageslitteratur, sagt Lombroso, sollte sich die Aufgabe stellen, den Jude:: wahrhaft aufzuklären; sie sollte sich bemühen, Liebe und Wohlwollen für dieses Volk zu erwecken; sie sollte ihm den Weg des wahren Fortschrittes zeigen und mit Genugthuung Akt nehmen zu jeder Annäherung an die Wahrheit auf jüdischer Seite. Aber statt dessen stachelt sie das christliche Publikum zum Hasse und zur Verachtung alles Jüdischen auf Soll in einem Roman oder in einer Novelle ein gemeines, geiziges, verworfenes Subjekt, sei es ein Kuppler oder Geiziger oder Wucherer, eine Rolle spielen, so wählt man sich mit Vorliebe einen aus Abrahams Geschlecht dazu aus. Zum Glück liefert diese Nation der Belletristik kein Modell zu einem grausamen, scheußlichen Verbrecher. Wenn aber zufällig Einer aus der Mitte der Juden di:rch irgend ein Verbrechen Aufsehen erregt, wird man neben seiner sonstigen Charakterisirung gewiß nicht vergessen zu erwähnen, daß es ein Jude sei. Um einen Verbrecher der Schmach auszusetzen, genügt es doch, seine Handlung als schändlich zu brandmarken. Man sollte daher nie zugleich seine Nation zn seinem Komplizen machen, von deren Verband er sich gerade durch seine Verbrechen gelöst; noch weniger sollte man seine Religion mit ihm inknlpiren, zumal wenn sie ihn mit größter Strenge vom Verbrechen abzuhalten sucht." In solchen Gedanken ergeht sich Lombroso, und wir fragen, ob er damit nur vergangene oder gegenwärtige, nur italienische oder auch deutsche Zustände trifft. In dieser Beziehung haben sich die Zustände bei uns und in einigen anderen Ländern nicht gebessert, eher verschlimmert Seitdem Lombroso seinen Briefwechsel mit Consoni geführt, ist der Antisemitismus entstanden, hat sich zu einer Partei gebildet, die in ihren Agitationen nicht allzu wählerisch in ihren Mitteln ist, um die Juden zu bekämpfen. Als man sich bei uns zur Zeit der Judenemanzipation der freudigen Hoffnung hingegeben, daß man es endlich doch mit der wahren Humanität ernst nehme, stellte sich alsbald auch die Hamauität ein und begann ihr hetzerisches Treiben gegen die Juden. Die Preßorgane dieser judenfeindlichen Partei leisten in frechen Beleidigungen, falschen Beschuldigungen und malitiösen Insinuationen ihr Bestnrögliches, sie sind in Wirklichkeit — Schandblätter. Den Juden werden alle unsere sozialen, wirthschaftlichen Uebelstände zur Last gelegt, sie sind ihr Werk, die Folgen ihrer Habsucht, Gewinnsucht und Nebervortheiluug, daher scheut sich auch Treitschke nicht, zu erklären: „Die Juden sind unser Unglück." Daß ein solcher Mann solch ein unbegründetes, verletzendes Urtheil über eine ganze Nation fällen konnte, beweist uns hinlänglich, wie weit es auch Männer von Begabung und Wissen bringen können, wenn sie von gehässigen Vorurtheilen beherrscht werden. Wir sind der Ansicht, daß die Juden mit mehr Recht sagen können: „Die Christen sind seit beinahe 2000 Jahren unser Unglück gewesen" Es schmerzt uns, gezwungen zu sein, dieses im Namen der Juden erwiedern zu müssen, obschon es die reine Wahrheit ist." — Mit Besserem, als mit diesen Worten des Dr. Fürst, können wir die Besprechung seines Buches nicht schließen. Sie beweisen, daß er das Unrecht, das man den Inden thnt, wie diese selbst mitempfindet, in diesem Sinne also ihr Freund ist; auf den Weg aber ihm zn folgen, auf dem er uns das Ende der antisemitischen Verfolgungen zeigt, vermögen wir durchaus nicht. U Der Juden tägliches Gebet. Ein Vortrag. Von Prof. Dr. H. Steinthal. (Schluß.) Das andere Gebet vor dem Schema preist die Liebe Gottes zn Israel, die sich vorzugsweise darin kund giebt, das; sich Gott uns offenbart hat. Wesentlich ist dies Gebet Morgens und Abends gleich;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.