Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1892)
- Date
- 1892-05-20
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Limmer von Kulmbach rief Namens der Kulmbacher Freunde und Gesinnungsgenossen dem theuren Todten ein Ruhe sanft zu und legte ebenfalls einen herrlichen Kranz auf den Sarg. Eine Deputation des früheren Akademischen Vereins, der jetzigen „Adelphia" in Würzburg ehrte ihren Philister durch die Niederlegung eines wundervollen Palmenkranzes. Dazu kam eine hiesige Anzahl weiterer Blumenspenden, darunter ein Lorbeerkranz des hiesigen Vereins „Freisinn", des Vereins „Freisinn" in Münchberg, der Aktiengesellschaft Knab und Lienhardt in Münchberg, von Freunden und Gesinnungsgenossen in Kulmbach, der Kulmbacher Aktienbrauerei vorm. Rizzi, des freisinnigen Vereins in Wunsiedel, der hiesigen Rechtsanwäsle, der „Bayreuther Abendzeitung" u. s. w. u. s. w. Nachdem der Herr Rabbiner das übliche Gebet gesprochen hatte, endigte die erhebende Trauer-Feierlichkeit. B. Stuttgart, 25. Mai. Auf Veranlassung der hiesigen antisemitischen Partei hat der Reichstagsabgeordnete Zimmermann auch hier für seine Partei Propaganda zu machen gesucht, und wurde die Einladung zu einer Versammlung mit vielem Pomp erlassen. Als die Parteifreunde zum Lokal, der Siegelsberger Brauerei, kanten, fanden sie Alles geschlossen, da der Besitzer in der letzten Stunde die Erlaubniß zur Benutzung des Lokales verweigert hatte. Erst gegen 10 Uhr gelang es, ein anderes kleineres Lokal zu erhalten, tu dem meist ganz junge Leute dem Vortrag zuhörten. Redakteur Walker von der „Schnellpost" in Ulm eröffnete die Versammlung, in der Herr Zimmermann seine antisemitischen Grundsätze entwickelte. Er wolle keine konfessionelle Hetze, sondern nur Abhilfe gegen die schädlichen Wirkungen der Juden in sozialer Beziehung. Besonders wendete er sich gegen die jüdische Schächtmethode (ist das nicht konfessionell?) und zeigte nach dem Vorgang der sächsischen Regierung, daß es jeder einzelnen Regierung zustehe, dieses zu verbieten. Außer Herrn Zimmermann sprach noch Herr Meyer von hier in gleichem Sinne. Entgegnung fanden diese Anreden nur von Seiten des Herrn Schempf, Redakteurs der „Deutschen Reichspost" hier, des Organs der Konservativen Süddeutschlands, die mit dem Treiben der „Kreuzzeitung" nicht einverstanden sind. Es ist das derselbe Herr, der auch neulich dem in der Landesversammlung der baierischen Konservativen in Nürnberg eingebrachten antisemitischen Antrag mit Erfolg entgegentrat Früher huldigte dieses Blatt ganz dem Antisemitismus. B. Aus Württemberg, 10. Mai. Nach einer vom Königlichen statistischen Landesamt veröffentlichten Mittheilung beziffert sich die Gesummt bevölkerung Württembergs nach der Volkszählung am 1. Dezember 1890 aus 2,036,522 Ortsanwesende, dem Religionsbekenntniß nach auf 1,406,648 evangelische (gegen 1885 4- 28,822), 609,594 katholische ( 4- 11,392), sonstige Christen 7451 (4- 1602), Israeliten 12,639 (— 32), von anderen Bekenntnissen 190 H- 53). Unter 10,000 Einwohnern waren 1812 1821 1861 1880 1885 1890 Evangelische: <1848 6849 6857 6907 6908 6911 Katholische: 3089 3086 3063 2994 2998 2994 Israeliten: 53 61 66 67 66 62 Dissidenten: 5 3 14 31 28 33 Ter Rückgang der Zahl der Israeliten ist eine auffallende Erscheinung. Bis zum Jahre 1880 hatte sie stets in ungleich stärkerem Maße zugenommen als die der beiden christlichen Konfessionen; die Volkszählungsperiode 1880/85 aber weist plötzlich einen Rückgang der Gesammtzahl der Israeliten von 13,331 auf 13,171, d. h. eine Abnahme von 1,2 Prozent, und in der Periode 1885/90 sank die Zahl auf 12,639, somit ein Rückgang von 4 Prozent. Eine statistische Erklärung dieser Erscheinung kann nicht gegeben werden, da eine Mittheilung über die alljährliche Anzahl von Geburten und Sterbefällen nach dem religiösen Bekenntniß fehlt. An ein Ueberwiegen derselben ist nicht zu denken, da der Kinderreichthum in den israelitischen Familien nicht geringer ist als in den christlichen; auch von einer höheren Sterblichkeitsziffer läßt sich nicht reden. Die Auswanderung in überseeische Länder ist zwar bei den Israeliten viermal so stark als bei den Christen (bei den Evangelischen jährlich 0,07 Prozent, Katholiken 0,03 Prozent, Israeliten 0,2 Prozent) Der hierdurch erwachsende Abgang wird jedoch durch die jährlichen Ueberschüsse der Geburten ausgewogen. Hiernach bleibt als einziger Ertlärnngsgrund die Uebersiedelung der Israeliten Württembergs in andere deutsche Staaten. Wie dieselben schon seit Jahrzehnten vom Lande in die Städte zogen, so wenden sie sich seit neuerer Zeit den großen Verkehrsplätzen zu; insbesondere zeigt sich aus den östlichen Landestheilen, besonders aus den Gemeinden Buchau, Laupheim, Oberdorf, ein starker Zug nach München und Nürnberg zu. 3£r Soden i. Taunus, 5. Mai. Der Jahresbericht der Verwaltung der Kuranstalt für arme Israeliten in Bad Soden am Taunus für 1891 weist günstige Ergebnisse auf. Die Zahl der Pfleglinge hat sich auf 150 vermehrt. Die Mitgliederbeiträge beliefen sich auf 6568 Mk., die Geschenke^l309 Mk., die Ausgaben weisen für Haushaltung 14,056 Mk.,; für Arzt, Apotheke und Bäder 1895, für Erhaltung der Anstalt, Löhne! und Gehälter gegen 3100 Mk. auf. In Folge eines Aufrufs wurde! von vielen Seiten Wein und Cognac für die Patienten gespendet. So! hat Herr M. A. Wolff, Hoflieferant in Frankfurt a. M., schriftlich die Zusicherung gegeben, für Lebenszeit alle in der Anstalt erforderlichen Weine und Spirituosen unentgeltlich zu liefern und schon viele tausende von Flaschen Roth- und Weißwein, Portwein, Champagner und Cognac in den vorzüglichsten Qualitäten nach Soden befördert. Möge reichster Segen solche edle Handlungsweise vergelten und die Stärkung so vieler armer Kranker beit besten Lohn für eine so reiche Gabe bilden. Die Anstalt hat in diesem Jahre versuchsweise eine kleine Zahl Patienten gegen Vergütung der Auslagen auch im Winter verpflegt und wird sich bestreben, für die Folge, wenn möglich, diesen Versuch zu wiederholen. Oesterreich - Ungarn. B. E. Budapest, 4. Mai. Die Delegirten des VI. israelitischen Gemeindedistriktes versammelten sich heute, um über konfessionelle und die Autonomie betreffende Angelegenheiten zu berathen. Den Vorsitz führte Distrikt-Präsident Martin Schweiger. Nach der Einführungsrede des Präsidenten empfahl Dr. Moritz Mezei folgenden Beschlußantrag zur Annahme: 1. die pietätvolle Anerkennung der Verdienste weiland Dr. Ignatz Hirschler's im Protokoll der heutigen Sitzung zum Ausdrucke zu bringen. 2. Die baldige Einberufung des Landeskongresses, und 3. die Erwirkung einer höheren Staatssubvention für die israelitische Konfession sei Aufgabe des Vorstandes. Nach der einhelligen Annahme dieses Antrages wurden die Wahlen vorgenonunen. Zum Distrikts-Präsidenten wurde M. Schweiger wiedergewählt; zum Präsidenten-Stellvertreter Prediger Dr. Sam. Kohn; zu Vorstandsmitgliedern: Dr. Franz Chorin, Bernhard Deutch de Hatvan, Dr. L. Reiskemvti, Dr. Moritz Mezei, Dr. Joseph Simon, Karl Sräb, Paul Tenzer, Moritz Wahrmann und Dr. Samuel Weiß. — Nach der Erledigung eines Antrages des Dr. Moritz Kürmün, die Reform und Organisation des Religionsunterrichtes betreffend, ergreift im Interesse der Unterstützung der Rezeptionsbewegung Dr. Alexander Ullmann das Wort. Erreicht einen Beschlußantrag ein, wonach die Gemeindedistriktsleitungen ersucht werden sollen, die an das Abgeordnetenhaus zu richtende Petition in wirksamer Weise zu unterstützen und sich eventuell auch an die Legislative zu wenden. Der Antrag Dr. Ullmanns wurde unter lebhaften Eljenrufen angenommen. Nachdem noch Rabbiner Dr. Raphael Goldberg im Interesse der materiellen Lage der israelitischen Gemeinden das Wort ergriffen hatte, acceptirte die Versammlung einen Antrag Dr. Adolf Tatai's, wonach die Vereinigung sämmtlicher Budapester israelitischen Gemeinden zum Gegenstände ernster Erwägung gemacht wurde. Wie verlautet, werden sich sämmtliche Gemeindedistrikte im Laufe dieses Monates konstituiren. * Raab, 10. Mai. Am 5. d. M. wurde das 52jährige Jubiläum Sr- Excellenz des greisen Komitats-Bischofs Dr. Johann Zalka de Gomba in solenner Weise gefeiert. Zu dieser Feier waren alle Korporationen und Vereine auf's Wärmste eiugeladen. Unter Führung des Herrn Oberrabiner Dr. Julius Fischer, welcher bereits bei vielen öffentlichen Gelegenheiten mit seiner staunenswerthen oratorischen Begabung excellirte, begab sich am 4. die Deputation des israelitischen Frauen- Vereines und am 5. jene der israelitischen Kultusgemeinde in die bischöfliche Residenz. Mitglieder der ersteren Deputation waren: Präsidentin Frau Fanny Lederer, Vicepräsidentin Frau Johanna Herzl, Kassirerin Frau Emilie Rauschburg, ferner die Ausschußdamen Regine Gutmann, Regine Ehrlich, Jenny Leßlenyi, Susanna Vogl und Fra