Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1892)
- Date
- 1892-05-20
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227953--48853-3269511- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 Freund. Als 3e. Ehrwürden im Namen des israelitischen Frauen- Vereines seine bilderreiche, sinnige, mit bestem Wohlwollen aufgenommene Gratulation beendete, antwortete der greise Kirchenfürst auf die leutseligste Weise: „Ich danke Ihnen, meine verehrten Damen, recht sehr und herzlich für ihr liebevolles Erscheinen, deren segensreiches Wirken ich mit Freude konstatire. Auch unsere Konfession gebietet uns, daß wir beim Ansichtigwerden der leidenden Menschheit und des großen Elends nicht erst fragen dürfen, was Dieser oder Jener dazu sagt, sondern wir müssen mit Aufopferung helfen, sobald die Noth da. ist Ich danke Ihnen wiederholentlich. Gott segne Sie!" Klllgarien. Sofia, Ende April. Die Wrazza-Affaire, die sich aufzubauschen drohte, ist ohne die gefürchteten und traurigen Nachspiele anläßlich des Osterfestes geblieben. Die politischen Vorgänge, die sich bald in Sofia abspielen werden, scheinen alles Andere in den Hintergrund zu drängen, und so gewinnt es den Anschein, als sollte die leidige Affaire noch lange hinausgezogen werden. Im Allgemeinen muß man doch an. erkennen, daß auf der Balkanhalbinsel, wo ein so buntes Völkerkouglomerat zusammertwohnt « Serben, Zingaren, Bulgaren, Rumänen, Türken, Zigeuner, Tartarert, Griechen, Montenegriner, Arnauten und noch andere Völkerschaften > die Juden ziemlich unbehelligt leben. König Milan war es zuerst, welcher der begonnenen antisemitischen Bewegung in Belgrad, das von antisemitischen Agenten aus Wien unb Ungarn überschwemmt wurde, einen starken Dann» entgegensetzte. Es versteht sich von selbst, daß auch in Bulgarien der Zustand der Dinge so lange anhalten wird, als die gegenwärtige antirussische Regierung und der edle Fürst Ferdinand sich am Staatsruder befinden. — Gelingt es je den feindlichen Elementen, einen Umsturz herbeizusühren, dann wird der Antisemitismus, verstärkt durch Unkultur und Habgier, seine Orgien feiern, — dam: wird Bulgarien überhaupt keinen Richtrussen mehr dulden, und die Juden werden die erstell Objekte ihrer Wuthangriffe werden. Es begreift sich leicht, daß die Juden in Bulgarien ihre bürgerlichen Rechte stets in die Wagsehale werfen, wenn es gilt, die gegenwärtige Regierung zu unterstützen. Zur Sofia'er sephardischen Gemeinde zurückkehrend, so hat diese sich abermals trefflich bewährt. Ich will voranschicken, daß die Stadt Sofia, wie sie aus der Hand der Türken genommen wurde, kauni anders als ein Lehmhütten- und Gräberort bezeichnet werden konllte. Zu viertel und halben Meilen zogen sich' Friedhöfe hin, zumeist von Türken belegt. Die Grabsteine waren schwarz vor Alter und geglättet von der Einwirkung der Jahrhunderte dauernden Polierarbeit der atmosphärischen Niederschläge. — Die Inder! besaßen einen alten und einen neuen Friedhof, welche von Türken stets respektirt wurden. Sie hatten, außer den Synagogen keine eigentlichen Bauwerke aufzuweisen. Doch gab es 3 Gemeinden eine Kahal sephardim, eine Kahal grecos, eine Kahal rornanos, eine Kahal Schalom und eine Kahal aschkanasim, sowie mindestens zwanzig Lehrstätten. In einigen derselben befanden sich sehr alte hebräisch talmudische Werke, meist erste Venezianer Ausgaben. — Alle diese Synagogen, die aschkcnasische ausgenommen — ferner die Lehrstätterl unterlagen der Dernolirung und der Parzellirung. Ebenso wurden die jüd. Friedhöfe durch die nrangelnde Energie der Judenschaft ein Raub der Regulirung, auch eine große jüdische Schule erlag einem gleichen Schicksale. So wurden Neubauten der Gemeindehäuser zur dringenden Nothwendigkeit. Aber auch die Verhältnisse der früheren Gesammtgemeinde erlitten dadurch eine Veränderung, daß der Geineinderath in Sofia den ärmeren jüdischen Familien je 400 Quadrat-Meter Baugrund außerhalb der -Ltadt zu billigem Preise überließ, und derart den ärmeren und ärmsten Theil der Gemeinde von den Wohlhabenden trennte. — Die Reicheren waren gezwungen, zweistöckige Häuser in der Stadt aufzuführen Die so entstandene neue Gemeinde im Vororte Utseh brunar «türk. .4 Brunnenort) hat nun ihre eigenen Bedürfnisse. Sie brauchte eine große Synagoge, eine neue Schule, wie auch mehrere Bet- und Lehrhäuser Letztere pflegen schon von 2 Uhr nach Mitternacht von Betern überfüllt zu sein, denen auch Thee zur Winterzeit gereicht wird. Die städtische Theilgemeinde erbaute eine Schule auf ihrem Baugrunde Die Gemeinde hat auch die Kosten hierfür an die Stadt bis zur Höhe von 10,000 Fres. gedeckt Dieser Rest, der an den Ullternehmer zu zahlen war, konnte aber schwer aufgetrieben werden, und schon stand die Schule auf dem Punkte, versteigert zu werden. Dies bewog die Gemeinderepräsentanz, in mehreren Sitzllngen, die reicheren Mitglieder zu einer freiwilligen Kollekte heranzuziehen, die 3000 Fres. und Uebernahme des noch schuldigen restlichen Betrages ergab, wodurch das schöne Schulhaus der jüd. Gemeinde für immer verbleibt. Von Uab und Fern. Das „Statistische Jahrbuch des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes" ist soeben zur Ausgabe gelangt. Dasselbe enthält im Anhang einer! interessanten Au sah aus der Fede.r Ernil Lehmanns, betitelt: „Die Juden in Sachsen", ferner eine Anzahl wichtiger Entscheidungen von Behörden. — Im jüdischen Frauenverein zu Schubin beging Frau Rosalie K onicki ihr 25jähriges Jubiläuin als Vorsteherin des Vereins. Erfreulich war die Theilnahme der Behörden an der Feier. Der Landrath, Graf von Rittberg, der Magistrat mit den! Herrn Bürgermeister Seiler, die Stadtverordneten mit ihrem Vorsteher, Freiherrn von Werthern, erschienen und brachten ihre Glückwünsche dar. — Bei der Wahl eines Stadtraths in Witten ist der bekannte Antisemitenführer Dr. König abermals unterlegen. — In Bayern treibt sich gegenwärtig ein Schwindler herum, der, unterstützt von seinem einnehmenden Aeußern und init Eulpfehlungeu ausgerüstet von Oskar Lehmann in Mainz und mehreren süddeutschen Rabbinern, unter dem Namen Elo ser Landau sich als einen aus Chazow bei Moskau ausgewiesenen Rabbiner und als Urenkel von Ezechiel Landau ausgiebt, die Gemeinden brandschatzt und das große Hilsswerk schädigt. — Die Leiche des seit Ende vorigen Jahres verschwundenen Oberlandesgerichlsrath Heinsheim er - Karlsruhe wurde im Rhein bei Speyer gelandet. — In Dessau wurde am 10. d. M. die zweite Versammlung des ant isem itischen „R eform- Vereins", in welcher Oberlehrer Tr. Förster über „jüdische Vaterlandsliebe" sprechen wollte, polizeilich aufgelöst. — Die hochdeutsche Jsraelitengemeinde in Altona beabsichtigt eine durchgreifende Reform ihres Statuts vorzunehmen. — An den Pfingstfeiertagen werden die nnterelsässischen Rabbiner in Straßburg eine Konferenz abhalten.— 'Am 13. Mai verstarb der königliche Sanitätsrath Tr. I. L es ser, Ehrenbürger der Stadt Löbau W.-Pr. — Mehrere westgalizische jüdische Kaufleute wurden in Graniea, trotzdem sie im Besitze legaler Reisepässe waren, von der russischen Grenzwache zurückgewiesen und wendeten sich an die Krakauer Handelskammer um Abhilfe gegenüber den handelschäbigenden Paßchikanen. — Unter dem Titel „Pariser Allgem. Jüd. Volkszeitung" erscheint seit einigen Wochen in Parisein Blatt in polnisch-jüdisch-deutscheur Jargon in hebräischen Lettern, das, wie es in seinem ersten Artikel angiebt, durch sein Erscheinen einem „allgemein empfundenen Bedürfnisse abhelsen will." — Wie man uns aus Lodz mittheilt, beträgt die Zahl der bei den jüngstgemeldeten Straßenkrawallen am 5. d. M. um's Leben gekommenen, wie polizeilich nach- - gewiesen, gegen vierzig. Wer am Morgen des 0. Mai die Straßen der Altstadl, namentlich den Ringplatz passirte, konnte sich ein Bild der Vorgänge der verflossenen Nacht machen. Die Häuser der Juden hatten fast sämmtlich keine Fenster und Thüren mehr. — Glühende Kohlen auf das Haupt des Zaren haben die englischen Quäker gehäuft. Die russischen Blätter, au ihrer Spitze die „Nowoje Wremja", quittiren dankend, daß diese Sekte zur Linderung der Hungersnoth in dankenswerther Weise beigetragen hat und reichlich Lebensmittel zur Vertheilung au Nothleidende ohne Unterschied der Rasse und der Konfession gesandt hat. — In dem Bulletin der Madrider Akademie der Geschichte theilt Fernandez Duro die Ergebnisse seiner Forschungen in drei neuen Werken über Eolumbus mit unb gelangt dabei zu dem Resultat, daß nach den Angaben in Rivas Puigcervw's: „Die Juden bei der Entdeckung Amerika's" ganz bestimmt Moriseos und Juden sich im Gefolge des Eolumbus befunden haben. — Unter dem Titel „Der Ant isem itenspiegel" erscheint seit dem 28. April in New-Port eine Wochenschrift in deutscher Sprache. — In Melbourne (Australien' ist ein Beth-Kamidrasch errichtet worden, in welchem Rabbi A. Hirschowitz, früher Superintendent des Poor Jews' Temporarn Shelter (Heimstätte für jüdische Obdachlose), in London, rabbinische Vortrüge halten wird. Druck uni) Verlag von Rudolf Mo Ne m Berlin. Lerautwortllch für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.