Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1892)
- Date
- 1892-05-20
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227953--48851-3269509- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2 * Aus Ostpreußen, 11. Mai. In Brokern, einem in der Nähe des russischen Grenzstädtchens Neustadt gelegenen Dorfe, verschwand kurz vor Ostern spurlos eine im Alter von 50 Jahren stehende Altfitzerin, Frau Buttkus. Sie bezog für sich und ihre Kinder den Lebensunterhalt von ihrem Schwiegersohn. Mit Letzterm ist sie wegen der von ihm übernommenen Verpflichtungen des Oeftern in Streit gerathen, welcher zuletzt zu offener Feindschaft sich gesteigert haben soll. Die Nachforschungen nach der verschwundenen Frau wurden bis jetzt eifrig fortgesetzt. Mit dem die Untersuchung leitenden Beamten des Gouvernements haben eine große Anzahl von Personen die ganze Gegend, insbesondere aber den Wohnort der Frau Buttkus abgesucht, jedoch vergeblich. Das geheimnißvolle Dunkel, welches über den: Verbleib der Verschollenen schwebt, hat nun den russischen Antisemitismus zu rohen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung in Neustadt veranlaßt. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das unsinnige Gerede in der ganzen Umgegend, daß hier ein Ritualmord vorliege. In der rasch wachsenden Aufregung richtete sich der Fanatismus der Menge besonders gegen den Gastwirth Leib Aron, in dessen Lokal man die Frau zuletzt gesehen haben will. Hier kam es am 20. v. Mts., einem Markttage, zu einer offenen Revolte. Eine Anzahl von Raufbolden drang, von der Menge aufgehetzt, mit Knütteln und Stöcken bewaffnet, auf Aron und dessen Frau ein, demolirte Fenster und Hausgeräthe und verwundete mehrere Personen mit den: Rufe: „Gebt uns die Frau her!" Gegen die wie wahnsinnig tobende Menge wurde endlich die Militärbehörde entboten, und ihr gelang es, größeren Gewaltthätigkeiten Einhalt zu thun. Einige zwanzig der schlimmsten Raufbolde wurden sogleich verhaftet, jedoch nach dem Verhör wieder freigelassen. Die Judenhetze wird unterdessen von der urtheilslosen Menge eifrig fortgesetzt Der bevorstehende Pfingstmarkt soll zu erneuten Ausschreitungen ausersehen sein. Da jedoch die Militärbehörde den Ruhestörern gegenüber eine energische Haltung beobachtet, so steht zu erwarten, daß die Bevölkerung vor weiteren Angriffen bewahrt bleiben wird. F. Braunschweig, 12. Mai. Anläßlich des Geburtstages des Prinzen Albrecht, Regenten des Herzogthums Braunschweig, wurden diesmal auch drei hiesige Juden mit Auszeichnungen bedacht: der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Rechtsanwalt Tr. O. Magnus erhielt den Titel Justizrath, Rechtsanwalt V. Hey mann, Stadtrath (unbesoldetes Magistratsmitglied) erhielt den gleichen Titel, und Fabrikant M. Jüdel,. Stadtverordneter und Repräsentaut, erhielt den Titel Kommerzienrath. Das „Braunschweiger Tageblatt" macht in seinem lokalen Theil zu diesen Ernennungen einige trcffenbe Bemerkungen, die auch für die Leser dieser Zeitung von Interesse sein dürften. Sie lauten: „Eine Durchsicht des Verzeichnisses von Ordens- und anderen Auszeichnungen, die am 8. Mai verliehen wurden, läßt erkennen, daß auch diesmal wieder das Gros dieser Auszeichnungen an Militär-Personen und Beamte gefallen ist. Das ist die gewohnte Erscheinung und darinn nicht neu. Was aber als bemerkenswerth bezeichnet werden darf und auch thatsächlich in weiten Kreisen unserer Bürgerschaft eine besondere Beachtung gefunden hat, das sind Titelverleihungen (wie Kommerzieurath, Justizrath) an einige unserer Mitbürger israelitischer Konfession. Diese Verleihungen erheischen deswegen eine besondere Aufmerksamkeit, weil sie erfolgt sind nicht lange nach jenen bedauerlichen Vorgängen, durch welche von auswärts eine antisemitische Hetze in unsere friedliche Bürgerschaft getragen werden sollte. Wir können natürlich nicht sagen, ob dieselben maßgebenden Orts mit in Betracht gezogen worden sind, als die hier in Rede stehenden Verleihungen erfolgten. Es mag das auch ganz dahin gestellt bleiben. Jedenfalls wollen die letzteren uns aber als eine treffliche und vielsagende Antwort auf jenes hetzerische Gebühren erscheinen, und die antisemitischer! Herren Agitatoren werden vielleicht gut thun, dies Zeichen nicht unbeachtet zu lassen." 3Z Hamburg, 17. Mai. Der gestrige Abend wird sicher von hoher Bedeutung für das geistige Leben in unserer Gemeinde sein, denn gestern wurde in einer großen und ansehnlichen Versamrnluug auch hier ein „Verein f ü r j n d i s eh e G e s ch i ch t e u n d L i t t e r a t u r" gegründet. Nachdem bereits seit einigen Tagen Seitens eines Vorstandsmitglieds des Berliner Vereins eine sehr eifrige "Agitation für diesen Zweck unternommen worden, fand gestern die konstituirende Versammlung statt, in der unser allgemein beliebter Herr Rechtsanwalt Dr. H. B. Levy den Vorsitz führte und Herr Tr. Gustav Karpeles einen Vortrag über die Zwecke eines solchen Vereins und die Bedeutung der jüdischen Litteratur im Allgemeinen hielt. Nach dem Vortrag war die Stimmung eine so freudig erregte, daß die Konstituirung des Vereins sofort mit ea. 100 Mitgliedern aus den besten Kreisen und aus allen hier vertretenen Richtungen einstimmig vorgenommen werden konnte. Hierauf fand die Wahl eines Vorstandes statt. Es wurden folgende Herren gewählt: Rechtsanwalt Dr. H. B. Levy, M. W. Hinrichsen, H. Gumpertz, G. Tuch, Amtsrichter! Dr. Lion, Dr. Piza, M. Deutschländer, Dr. S. May, Professor Dr. Fels, j sämmtlich Männer von Ansehen und Bedeutung in Stadt und Gemeinde, j So hat unser Hamburg von Neuem seinen alten Ruf und seine großen j Traditionen bewährt. Wir wünschen dem jungen Verein die besten! Erfolge! <3D Hamburg, 8. Mai. Bekanntlich waren die Tage vom 5. bis! 8. Mai 1842 für die Bewohner hiesiger Stadt Tage des Schreckens, der! Trauer. Nicht weniger als 4200 Gebäude wurden in jenen Tagen ein! Raub der Flammen. Zu den von dein verheerenden Elem.nte eingej äscherten Bauwerken gehörten auch die Gotteshäuser des Synagogen-! Verbandes und der portugiesischen Gemeinde. Der Senat hat zur Er-! innerung an jenes Unglück einen allgemeinen D a n k g o t t e s d i e n st angeordz net und so haben auch die jüdischen Bewohner der freien Stadt Hamburg j sich gern diesem „Gedächtniß" angeschlossen. Sowohl im Tempel, woselbst! Herr Prediger Dr. Leimdörfer eine ergreifende Rede hielt, als auch in der j Synagoge Kohlhöfen, wo Herr Oberrabiner Hirsch sprach, wurde Dank-! Gottesdienst abgehalten. Das Programm in der Synagoge des Ge-! meinde-Verbandes bestand in den von Vorsänger und Chor abwechselnd j gesungenen Psalmen 67, 118, 111 und 100. Außerdem schloß sich an! die Predigt das hebräische (35ebet (DUn für Kaiser und Senat, l Alle Gotteshäuser waren mit Andächtigen gefüllt. Erwähnt sei noch, I daß in den damaligen Schreckeustagen Salomon Heine den Betrag von j 800,000 Mk. Beo. dem Senat überwies, um damit die erste Noth zu lindern, und von der Anleihe der Stadt, welche zum Aufbau des abgebrannten Stadttheils nöthig wurde, 7,000,000 Mk. Beo. auf seine Person übernahm, wie denn überhaupt die Juden der damaligen Zeit im „Wohlthun" gegen ihre unverschuldet ins Elend gerathenen Mitbürger sich auszeichneteu. * Bayreuth, 12. Mai. Seit Jahren hat sich kein imposanteres Leichenbegängniß abgewickelt, als die gestern Nachmittag vier Uhr stattgehabte Beerdigung unseres unvergeßlichen Rechtsanwalts Carl Würzburger. Schon lange vor der festgesetzten Stunde strömten die Leidtragenden von j Nah und Fern den: Sterbehause Kanzleistraße 1 zu, und wuchs die Zahl 1 der ihre Theilnahme bezeugenden Freunde, Nachbarn und politischen Gesinuungsgenossen kurz vor 4 Uhr zu einer solchen Masse an, daß es i erst um 74 5 Uhr möglich war, im geordneten Zuge dem leider viel zu i früh Dahingeschiedenen die letzte Ehre zu erweisen, um Zeuge zu sein, - wie seine sterbliche Hülle der Erde übergeben wurde. Feierlich und; langsam bewegte sich der fast endlose Trauerzug durch die Maxstraße, Richard Wagner-Straße nach den! israelitischen Friedhofe. Den Trauer-! zug eröffueten zwei Equipagen mit den Blumenspenden, alsdann folgte; der Leichenwagen, dann Herr Rabbiner Dr. Kusznitzki mit dem Bruder; des Tahingeschiedenen Herrn Dr. Albert W. und sein zwölfjähriger; Sohn; dann folgten die nächsten Verwandten, dann Se. Exzellenz Herr Stadtkommandant Generaünajor v. Waagen nebst einer Anzahl Herren i Offiziere. Hierauf die städtischen Kollegien, an ihrer Spitze Herr Geh.; Hofrath Ritter v. Muncker, Bürgermeister von hier. Hierauf folgten; sammtliche hiesigen Anwälte, zahlreiche Freunde und Gesinnungs-! genossen aus Kulmbach ltub Münchberg. Ferner vollzählig die Mitglieder der israelitischen Kultus-Gemeinde, die Mitglieder des hiesigen Vereins „Freisinn", alsdann ein langer Zug Leidtragender aus allen Ständen der Bevölkerung von hier und auswärts. Der Friedhof vermochte die Leidtragenden nicht alle zu fassen, und als Herr Rabbiner Dr. Kusznitzki eine tiefergreifende Schilderung des Lebens und Strebens; dieses unvergeßlichen Mannes gab, da blieb kein Auge trocken. Nachdeni der Geistliche das Andenken des Entschlafenen gesegnet, trat Herr Land-! gerichtsrath Stoll an den Sarg und legte als Zeichen der Liebe, Treue, : Verehrung und Freundschaft einen riesigen Lvrbeerkranz nieder. Hierauf; mibmete Herr Rechtsanwalt Dr. Merzbacher von Nürnberg dem Ber-! lebten einen warmen Nachruf und legte einen prachtvollen Kranz Namens l des Landesausschuffes der freisinnigen Partei r. d. Rhs., sowie des Verl eins „Freisinn" Nürnberg am Sarge nieder. Herr Kommerzienrat!)