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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-05-20 · Heft 21 (20.5.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 21 (20.5.1892)
Date
1892-05-20
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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56. Jahrgang. Ar. 21. Lerlin. 20. Mai 1892. Der Gemeindebote. HZeikcrge zur „Allgemeinen Zeitung des ZrröenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. DentschlauL. * Berlin, 15. Mai. Das Oberverwaltungsgericht hat über die Frage der Heranziehung zu Synagogenbeiträgen entschieden. Der Rentier L., welcher im Jahre 1891 von Hamburg nach Berlin übergesiedelt war und hier zu den Abgaben der jüdischen Gemeinde für das vierte Quartal 1891 herangezogen wurde, klagte nach fruchtlosem Einspruch ans Freilassung von der Abgabe, weil er seit mehreren Jahren bereits beitragspflichtiges Mitglied der israelitischen Synagogengemeinde (Adass Jisroel) sei und in zwei Gemeinden beizutragen nicht verpflichtet sein könne. Gegen das abweisende. Urtheil des Bezirksausschusses zu Berlin legte L. Berufung ein und machte noch geltend, daß er Hamburger Unterthan sei, da er seine dortige Staatsangehörigkeit weder aufgegeben noch die preußische erworben habe. Das Oberverwaltungsgericht (11. Senat) erkannte am 5. April er. auf Bestätigung der Vorentscheidung, indem es begründend ausführte: Nach § 1 des Statuts für 23. Mai die Berliner jüdische Gemeinde vom 3|7 1800 fe*eu Mitglieder derselben alle innerhalb des Kommunalbezirks Berlin und den Zun: weiteren Bezirke des Berliner Polizeipräsidiums gehörigen Ortschaften wohnhaften Juden. Da der Kläger innerhalb dieses Bezirks wohne, gehöre er auch der beklagten Gemeinde an und sei in derselben steuerpflichtig. Auf die Frage der Staatsangehörigkeit komme es dabei gar nicht an. Ebenso wenig sei es von Erheblichkeit, ob Kläger thatsächlich, wie er behaupte, Mitglied der Gemeinde Adaß-Jisroel sei. Wenn er dieserhalb der allgemeinen jüdischen Gemeinde nicht hätte beitreten wollen, so hätte er das bei seinem Umzuge nach Berlin ausdrücklich erklären müssen. — Berlin, 16. Mai. Die unter dem Protektorat der Kaiserin Friedrich stehenden Baruch Auerbachschen Waisen-Anstalten veröffentlichen ihren 59. Jahresbericht. In dem Knaben-Waisenhause befinden sich 50, in dem Mädchen-Waisenhause 26 Zöglinge, die größtentheils den Unterricht in höheren Schulen genießen. Das erstere haben im Laufe des Berichtsjahres sieben Zöglinge verlassen, welche, soweit sie Schüler höherer Lehranstalten waren, sämmtlich die Einjährig-Freiwilligen-Berechtigung erlangt haben, die Mädchen-Anstalt drei Zöglinge. Beihilfen zur Selbständigmachung bezw. Verheirathung früherer Zöglinge — von denjenigen des Mädchen-Waisenhauses ist bis jetzt gerade die Hälfte verheirathet — und sonstige Unterstützungen gewähren Stiftungskapitalieu in Höhe von 281,835.42 Mk. Unantastbares Vermögen besitzen die Anstalten 741,581.13 Mk. bezw. 367,994.98 Mk. Die Ausgaben betrugen 49,603.89 Mk. bezw. 25,319.27 Mk., die Kosten der Verpflegung 11,449.36 Mk. bezw. 5590.15 Mk., d. h. 54 Pf. für den Tag und Kopf. Besondere Erwähnung verdient noch der als außerordentlich günstig bezeichnet Gesundheitszustand, die seit 1885 alljährlich wiederholte Einrichtung einer Ferienkolonie, in welcher die meisten Zöglinge die Sommerferien verleben, und der-für eine Anzahl Knaben eingerichtete Handfertigkeitsunterricht. Den Vorstand bilden neben dem Direktor Dr. Strelitz die Herren Louis Liebermann, Kommerzienrath Jacob Israel, Bert hold Marckwald, Louis Gradenwitz und Kommerzien- Rath E. Lohnstein. * Berlin, 15. Mai. Es wird uns von zuständiger Seite mitgetheilt, daß Herr I. Loewe, persönlich haftender Gesellschafter der Kommandit-Gesellschaft auf Aktien Ludw. Loewe u. Co., und Herr Oberstlieutenant Kühn, Direktor der Gewehrfavrik genannter Gesellschaft, den Strafantrag gegen den Rektor Ahlwardt gestellt haben. Hoffentlich wird die Angelegenheit nunmehr in Fluß kommen. Der Reichsanzeiger hat bekanntlich die Ahlwardtschen „Judenflinten" als Verläumdungen hingestellt und mitgetheilt, daß der Staatsanwaltschaft die weiteren Schritte anheimgegeben worden sind. j * Berlin, 17. Mai. Die antisemitischen Blätter haben sich in i neuester Zeit vielfach auf Herrn Morris de Jonge als ihren Gewährsmann berufen. Die „Kre^zztg." veröffentlicht eine ganze Reihe von Aufsätzen aus seiner Feder. Inzwischen hatte Herr Morris de Jonge auf Grund seiner maßlosen Ausfälle gegen die Juden eine Stelle als Redakteur der „Hann. Post" erhalten. Diese Stellung hat Herr Morris de Jonge jetzt aufgegeben. In einer Zuschrift an die „Weser-Ztg." erhebt er gegen die Auffassung, als sei er entlassen worden, weil das Reichsgericht seine Revision in dem sattsam bekannten Prozesse wegen Beleidigung des Geheimraths Dr. Baer verworfen habe, Einspruch und j fügt hinzu: „Vielmehr habe ich mich zu dieser bereits am 21. April erfolgten Kündigung lediglich und ausschließlich deshalb entschlossen, weil ich zu der Ueberzeugung gelangt bin, daß die Behandlung, die der Judenfrage seitens der antisemitischen Parteien und insbesondere seitens der antisemitischen Presse zu Theil wird, eine unchristliche und deshalb sittlich verwerfliche ist, und ich es für meine Gewissellspflicht halte, diese Auffaffllng in Zukunft auch öffentlich zu vertreten." Die Antisemitell habeli mit ihren Heiligen merkwürdiges Unglück. Berlin, 9. Mai. Die Wuth über die deutliche Abfertigu ilg der „Nordd. Allg. Ztg." veranlaßt die antisemitische „Neue Deutsche Zeitung" in Leipzig zu folgendern Ausbruch: „Wir wollen auch nicht nur die Kohn und Levy von der Börse verjagen, sondern auch die Müller ulld Schulze, Pindter llnd Caprivi urrd wie sie sonst heißen mögen." Und im Wiener „Deutsch. Volksbl." ist zu lesen: „Wir wissen wohl, daß Herrn Caprivi seine Verluste bei dem Juden Sommerfeld durch Juden wieder ersetzt wurden, dies kann aber doch unmöglich der Grund des so entschieden bekundeten Prosemitismus in seinem Organ sein." Jede Erörterung könnte den Eindruck dieser Leistungen nur abschwächen. * Dessau, 17. Mai. Der „Anhaltische Staatsanzeiger" bringt heute j folgende offizielle Mittheilung: „Bei Gelegenheit einer Audienz, welche! Se. Hoheit der Herzog den Herrell Landesrabbiner Dr. Weiße ulld > Kommerzienrath H. Sonnenthal aus Dessau in Ballenstedt am 15.Mai d. I. j zu ertheilen die Gnade hatte, haben Höchstderselbe seine Mißbilligung j über die antisemitischen Agitationen und Versammlungen j geäußert und zugleich die Erwartung ausgesprochen, daß! die seit jeher in Eintracht lebende Bürgerschaft Dessaus I diesen den Klassenhaß erzeugenden Bestrebungen fernj bleiben werde." Soweit der „Staatsanzeiger". Wie man uns j ferner mittheilt, ist bereits am Montag eine Antisemiten-Versammlung! in Dessau aufgelöst worden. Der Herzog von Anhalt hat stets, wie seine erlauchten Ahnen, sich als einer der humansten Fürsten bewährt. Er schließt sich der Reihe erhabener Fürsten, wie Kaiser Friedrich, die Großherzöge von Baden und Hessen, würdig an. Sein Großvater, Herzog Friedrich Franz hat die erste interkonfessionelle Schule, das Philanthropin, zu Mendelsohns Zeiten ins Leben gerufen Breslau, 13. Mai. Nachdem die Gefängn ißv er waltu n g zu > Jauer eine rituelle Verpflegung der jüdischen Gefangenen am Pesach-! feste auf Grund des Gefängnißreglements für unzulässig erklärt hatte! wandte sich der dortige Kultusbeamte Herr Feibel beschwerdeführend i au das Justizministerium und erhielt unter dem 12. April durch die l hiesige Staatsanwaltschaft folgenden Bescheid: „Ihre an ben Herrn j Justizminister gerichtete Beschwerde vom 5. April 1892 über den anbei! zurückfolgenden Bescheid des Herrn Vorstehers des Königlichen Gerichtsj gefäugnisses zu Jauer vorn 4. April 1892, ist nur zur Prüfung und! weiteren Veranlassung überwiesen worden und eröffne ich Ihnen auf Grund j der stattgehabten Prüfung, daß ich den Gefängnistvorsteher ersucht habe dem Strafgefangenen während des Passahfestes die Selbstbeköstigung nach jüdischem Ritus unter 'Beobachtung der betreffenden Vorschriften zu gestatten."

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