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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-05-20 · Heft 21 (20.5.1892) · p. Seite 251

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 21 (20.5.1892)
Date
1892-05-20
Page
Seite 251 (sequence 11)
Language
German
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251 sein könnte, als sie ihn bnt, nnch Jabnc zu gehen nnd das Höchste zu suchen und ihm versprach, drei Jahre zu warten, deshalb dankte er dem Mann nnd eilte fort. Als er dann wieder zum Versannnlungssaal kam, sah der Rabbi ihn abermal an und sagte: „So ist's gut." Und unmittelbar darauf näherte sich ihm ein Schammus (Diener der Synagoge oder des Rabbi) mit seinem Stabe nnd lud ihn für den Abend zum Rabbi ein, sobald die Sterne scheinen würden. Als Elijah allein war, warf er sich auf sein Angesicht und sprach: „Mein Gott! Wie bist Du barmherzig nnd hilfst mir, die Versuchungen zu überwinden und würdigst mich einer so großen Ehre, da ich ja doch nur durch Dich stark gewesen bin. Mein Gott! Mein Gott!" Am Abend nahm der Rabbi ihn mit sich auf des Hauses Dach und zeigte ihm den Himmel und das Heer der Sterne und erzählte ihm von ihren Wanderungen um die Erde und von dem Wechsel der Jahreszeiten und der Feiertage, und als Elijah, hingerissen von der Majestät und Weisheit des großen Gottes, nach dem fragte, was hinter dem Glanz der Sterne verborgen sei, da konnte der Rabbi seinen Schüler freilich nicht in die Geheimnisse der Ewigkeit hineinführen, aber er versuchte doch, den Schleier ein wenig zu heben und sagte dann, weiter komme Niemand. Da fragte Elijah: „Rabbi, woher kommt'? denn und wanim ist's so, daß sich die Seele so sehr darnach sehnet, die verborgene Herrlichkeit Gottes zu schauen, wie sie dieselbe ja auch einst schauen wird, aber gerade hier unten in dieser Welt des Todes, wo die Sehnsucht so groß nnd mächtig ist, gerade hier ist eine enge Grenze gezogen und sogar, wie Ihr sagt, auch für die Auserwählten. Warum ist's so?" „Darum, mein Sohn, weil wir zwei Aufgaben haben," antwortete der Rabbi. „Wir müssen unsre Seele mit der Erkenntnis; des Höchsten sättigen, aber wir müssen auch für die Erde leben, fruchtbar sein und uns' mehren und die Freuden der Erde genießen, soweit der Herr es erlaubt. Aber weil Mir von der Erde sind und wieder zu Erde werden, darum kann unser Geist, der von Gott ist, sich nicht frei und ungehindert zu ihm emporschwingen. Nur wenn ein Sterblicher sich ganz rein halten könnte von allen Begierden, nur dann würde er Gott schauen." Elijah durfte nicht mehr fragen, aber bewahrte die Worte, welche er gehört hatte, in seinem Herzen, ohne zu bedenken, daß hier die dritte Versuchung sich ihm nahte. Von dem Tage an ward er des Rabbis liebster Schüler und nach drei Jahren erklärte dieser feierlich, indem er die Hand auf das Haupt desselben legte, daß Elijah ben Meir Rabbi Elijah wäre, und eine große Schaar von Freunden nnd Bewunderern begleitete den neuen Rabbi auf seinem Wege in die Heimath. Und als er sich dieser näherte, ging Chajim Hakolbas ihm mit all' den Seinigen entgegen. Es wurde auf Hörnern und Flöten geblasen und junge Mädchen schlugen Tambourins. Chaim Hakolbas führte seine Tochter Zippora verschleiert an der Hand und sie trat mit Elijah unter den Baldachin. Die Ringe wurden gewechselt, das Glas ward zertreten und Elijah's Vater und Mutter segneten ihn und die Stunde, in welcher er von ihnen gezogen war. Als die fröhliche Hochzeitsschaar wieder znrückgekehrt war, suchte Elijah einen Augenblick allein zu sein und ging in einen kleinen Hain, welcher hinter dem Hause lag. Er betete: „Allmächtiger, barmherziger Gott! Ehe ich aus dem Paradiese trete und wie andere Sterbliche meine Frau in meinen Arm nehme, habe ich eine große Bitte an Dich. Laß mich nur einen Schimmer von dem Höchsten sehen oder nur einen Augenblick ein Wort aus der Ewigkeit hören! Allmächtiger Vater, der Du den Durst der Thiere stillst, habe Erbarmen mit dem brennenden Durst meiner Seele nach Dir und Deiner Herrlichkeit und laß einen Tropfen derselben wie den Thau der Morgmröthe auf mich fallen, selbst ans die Gefahr hin, daß ich sie entbehren muß, wenn ich einmal nnch Deinem Willen von dieser Erde gerufen werde." Da hörte er dicht über sich einen Vogel singen. Der Ton war flötend und zwitschernd wie anderer Vogelsang, aber sehr wunderbar, und dann kam ein Ton, welcher Elijah auf eine Woge zu heben schien, und die Woge schien Elijah wieder mit einen; von den Sephiroth verwandt zu sein, welche einst am Anfang der Zeiten von ihm, dem Einzigen, von Metatron ausströmten, als die sieben Welten mit all' ihrer Freude und all' ihrem Schmerz erschaffen wurden. Darauf kam ein anderer Ton und in diesem glaubte Elijah einen Wiederhall der Hymne zu hören, welche die Engel ihm selber, Adonnai, sangen, als die Schöpfung vollendet war. Das hörte Elijah, aber in diesen beiden Tönen hörte er noch mehr, als sich aussprechen läßt. Dann schwieg der Vogel. Elijah lauschte noch einen Augenblick und sagte: „Herr, ich danke Dir, nun bin ich fast gesättigt!" Er kehrte in das Haus zurück, um zu seiner Braut ju gehen und ward sehr überrascht, als er bemerkte, daß Alles still geworden war und daß kein Licht mehr brannte; aber da er annahm, daß es ein Scherz der fröhlichen Hochzeitsgäste sei, wollte er ihre Freude nicht stören und klopfte an die Thür des Hauses an. Niemand antwortete, so daß er dachte: Sie haben sich versteckt und lachen und wollen mich zum Besten haben, — worauf er stärker klopfte Da hörte er eine fremde Stimme: „Wer ist da?" Elijah antwortete: „Ich bins, schließt mir auf, daß ich zu meiner Braut gehen kann!" „Hier im Hause ist keine Braut, Fremder," antwortete die Stimme; „störe nicht die Ruhe der Nacht!" Elijah merkte nun, daß er sich wirklich verirrt habe, was ihm freilich höchst merkwürdig erschien, und sing an ein Haus zu suchen, aber er konnte es nicht finden. Der Morgen brach an und voller Angst und Schrecken über sein vergebliches Suchen und über den fremden Blick, mit welchem seine väterliche Heimath auf ihn zu sehen schien, ging er zur Synagoge, und als er auch hier nur fremde Gesichter sah, brach er in Thrünen aus lind rief laut seines Vaters und seiner Mutter Namen. Es antwortete Niemand, aber Alle blickten verwundert und bedenklich auf ihn. Da trat ein alter Mann herzu und sagte: „Wer ist der, der die Freunde meiner Jugend ruft?" „Ich bin's! Kennt Ihr mich nicht? Ich ward gestern getraut! Wo ist meine Braut? Wo ist meine Verwandtschaft? Wo sind meine Freunde, wo ist mein väterliches Haus?" „Wie hieß Deine Braut?" fragte der Alte, und als er die Antwort gehört hatte, brach er in die Worte aus: „Allmächtiger Gott, so seid Ihr der Elijah, welcher auf so geheimnißvolle Art vor siebzig Jahren verschwand?" „Siebzig Jahre"! rief der Bräutigam und faßte sich an den Kopf. „O, das ist ein grausamer Scherz — sagt, daß Ihr es nicht so meint! Führt mich zu meiner Braut! Um Gottes willen, hört auf, meiner zu spotten!" „Ich will Euch führen," sagte der Alte, brachte ihn zum Friedhof und zeigte ihm dort seiner Eltern Grab und auch das Grab seiner Braut. Das letztere hatte einen Stein mit einer Inschrift, welche auf das geheimnißvolle Verschwinden ihres Bräutigams hindeutete.

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