Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1892)
- Date
- 1892-05-20
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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250 Wie der Vogel sang. Bon M A. Goldschmidt. In der Nähe jener Stadt, welche zu den Inseln führt, hütete in einem Thal, welches mit Wasser und dem Schatten fruchtbarer Bäume, sowie mit Gras und lieblichen Blumen reich gesegnet ist, Elijah seines Vaters Schafe unmittelbar neben den großen Heerden Chajim Hakolbas. Noch kein Menschenalter war seit der Zerstörung Jerusalems vergangen: der Tempel und die Stadt waren eine öde Wüste, und kaum wagte man cs, näher heran zu treten, um „den Gräuel der Verwüstung" anzusehen. Nein, hier konnte kein Heiligthnm Gottes gewesen sein! Hier konnten Menschen nicht gewöhnt haben, sondern die Erde mußte sich geöffnet und Feuer und glühende Steine und fließendes Erz gespieen haben, und dann war Alles in schwarze, häßliche Masse» versteinert, die nur von menschlicher Trauer und göttlichem Fluch zu erzählen schienen. Aber wenn auch das Heiligthum Jehovas eine Ruine in der zerstörten Stadt geworden war, so hatte Israel doch eingesehen, daß der Tempel des Herrn sich nicht eher auf dem Berge Zion in seiner alten Herrlichkeit erheben könne, als bis er in den Herzen des Volkes erbaut sei, und nie war ein solcher Eifer in Israel gewesen, das Gesetz zu studiren, als nun, da ein so großes Wunder geschehen war. Denn Rabbi Jochanan, der Einzige, welcher noch das Gesetz erklären konnte, war in einem verschlossenen Sarg aus der belagerten Stadt getragen und hatte von dem Kaiser Titus die Erlaubniß erhalten, eine Schule zu eröffnen. Das Leben war aus dem Sarge hervorgekommen! Da eilten Alle, die es nur konnten, nach Jabnc (Jamnia), um den Rabbi zu hören oder einer seiner Schüler z» werden und das Wort des Lebens von ihm zu empfangen. Um diese Zeit war Elijah sechzehn Jahre und Zippora, die jüngste Tochter Chajim Hakolbas, vierzehn Jahre und sie liebten sich herzlich. Eines Tages, als sie bei einander waren und einen Brautzug mit Cymbeln und Flöten vorüberziehen sahen, sagte er: „O glücklicher Tag, Zippora, an welchem wir Beide unter den Baldachin geführt werden!-Wenn Dein Vater es nur erlauben wird!" Zippora lachte und antwortete: „Mein Vater wird froh sein, wenn ich nrich einmal verheirathe. Er wird's nicht hindern!" Elijah wurde nachdenklich! denn Zippora war schön und ihr Vater reich und brauchte wohl nicht lange nach einem Schwiegersohn zu suchen. Darum fuhr er nach einer Stunde wieder fort: „Dein Vater wird's nicht hindern, sagst Du. Fürchtest Du denn einen einen Andern? Ich kann's doch nicht sein und Du — Du liebst mich ja, Zippora; ist's nicht so?" Zippora antwortete: „Du darfst nicht betrübt werden und an mir zweifeln. Aber es würde mich sehr schmerze», wenn die Männer meiner Schwestern Dich Am Hoorez nennten. Dann könnte ich nie glücklich werden." Elijah's Brust hob sich in großer Geinüthsbewegung und er sagte: „Zippora, was verlangst Du von mir?" Sie antwortete mit feierlichem Blick: „Das Höchste! Du inußt größer werden als einer von den Männern meiner Schwestern." Da leuchtete es auch in Elijah's Augen auf und er brach in die Worte aus: „Ich habe nicht eher gewagt, diesem Gedanken nachzugehen, als bis Du ihn ausgesprochen! Das Höchste! Nun ist's gesagt! Wohlan, im Namen des allmächtigen Gottes!" Zippora reichte ihm ihre Stirn zum Kuß und sagte: „Drei Jahre will ich auf Dich warten, mein Herr und Bräutigam!" Elijah ging heim und sagte seinen Eltern, er wolle nach Jabne gehen, und diese stellten sich, — wenn sie ihn auch nur schwer als Hirten ihrer Schafe entbehren konnten — doch nicht zwischen ihn rmd den Herrn, sondern segneten ihn und gaben ihm einen Zehrpfennig mit auf den Weg. In Jabne waren viele tausend Schüler, und wenn sie Alle um ihren Lehrer herumsaßen, ward der Einzelne leicht übersehen. Daher geschah es, daß ein halbes Jahr verging, ehe der Rabbi seinen Blick auf Elijah gerichtet hatte; aber als das eines Tages am Eingang zuni Versammlungssaal geschehen war, stand der Rabbi still und sagte zu ihm: „Was suchst Du?" Elijah konnte kaum ein Wort hervorbringen, weil er über die große Ehre, daß der Rabbi mit ihm gesprochen hatte, fast erschrocken war, aber er antwortete doch: „Das Höchste!" Der Rabbi fragte: „Wie betest Du?" Elijah antwortete: „Ich bete zum Herrn, daß er den Tempel wieder aufbauen lassen und sein Volk segnen und mich nicht in Versuchung führen wolle!" Da sagte der Rabbi: „Der, welcher das Höchste sucht, darf die Versuchung nicht fürchten, sondern darum bitten, daß er ins Feuer der Prüfung komme, um bewährt zu werden." Am selben Abend betete Elijah mit bebenden Lippen zu seinem Gott, er möge ihn in Versuchung führen, aber ihm auch Kraft geben, dieselbe zu überwinden. An einem der nächsten Tage kam der Mann, auf dessen Dach das Zelt Elijah's stand, vor dem Hause zu ihm und sagte: „Mein Bruder, Du kannst Gott und mir einen großen Dienst erweisen, wenn Du mich gegen einen bösen Mann schützest. Ich habe ihm 100 Sekel Silber bezahlt, versäumte aber, Zeugen heranzuziehen, und nun läugnet er den Empfang des Geldes. Wahrhaftig, es kann Gott nicht Wohlgefallen, daß der Anschlag eines so schändlichen Betruges gelingt, und da Du die Wahrheit nun weißt, kannst Du sie bezeugen und ich will Dir für Deine Hilfe 30 Sekel geben." Elijah antwortete: „Wie kann ich bezeugen, Etwas gesehen zu haben, was meine Augen nicht gesehen haben?" Der Andere antwortete: „Du sollst ja nur die Wahrheit bezeugen, die Du kennst. Oder zweifelst Du etwa daran, daß ich die Wahrheit gesagt habe?" „Ich zweifle nicht, aber ich kann doch nur bezeugen, was meine Augen gesehen und meine Ohren gehört haben." Als Elijah am andern Morgen zum Versammlungssaal kam, sah der Rabbi ihn scharf an und sagte: „So ist's gut." Elijah pries und dankte Gott, daß die Versuchung nicht schwerer gewesen, und daß er ihm einen so leichten Sieg gegeben habe. Einige Zeit später kam sein Wirth wieder zu ihm und sagte: „Ich habe über Eure Weigerung, als Zeuge für mich aufzutreten, nachgedacht und ich erkenne an, daß Ihr, strenge genommen, Recht hattet. Ihr seid ein braver Jüngling und ich will Euch wohl. Ihr könnt einen Dienst von mir fordern." Elijah antwortete, daß er nichts verdient habe und nichts begehre. Da sagte der Andere: „Was würde aus uns werden, wenn >vir nichts bekämen, als was wir verdient hätten! Ich sage Euch, Viele von uns würden dann nicht einmal das trockne Brod haben, geschweige frisches Waffer und saftige Früchte! Kommt, ich weiß, daß Ihr nach drei Jahren, wenn Ihr Rabbi geworden seid, Chajim Hakolbas schöne Tochter heirathen werbet. Aber warum noch drei j Jahre warten? Ich bin ein Freund des Rabbi, der Euch in drei Monate» das Zeugnitz der Reife ertheilen wird, und dann könnt Ihr j heimziehen und mit Zippora glücklich werden." Wie ein Blitz fuhr der Gedanke durch Elijah's Seele, daß er schon nach drei Monaten zurückkehren und Zippora heirathen könne; aber dann dachte er daran, daß das ihre Meinung nicht gewesen