Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1892)
- Date
- 1892-05-20
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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249 Die goldene Fessel wurde gelöst, Marie ans ihrer Schleierhaft befreit, und Braut und Bräutigam stürzten einander mit Wonnegefühl in die Arme. Nun fetzte sich die fröhliche Gesellschaft zu Tische und das doppelte Fest der Weihnacht und der Verlobung wurde in Heiterkeit und Freudigkeit des Herzens gefeiert. Die Verlobung geschah nun freilich nur pro forma, denn versprochen waren die Beiden ja längst, aber an diesem Abend sollte zu Ehren des heiligen Christ auch der förmliche Verlobungsakt begangen werden. Man aß und trank nach Herzenslust. Der Strom der Freude schwoll immer breiter und breiter an, je mehr die begeisternde Kraft des Weines die Gemüther in Aufregung'versetzte, und so kam es nach vielen heiteren Scherzreden endlich auch an die Trintsprüche. Der alte Niederhuber war der Erste, der das Glas ergriff und sich zu einem Trinkspruche erhob. „Pst! still! der Meister will reden!" ries Honza der lärmenden Gesellschaft zu. Es ward stille, und der Meister begann: „Meine Kinder, Josef rind Marie! ich werde dieses Glas auf Eure Gesundheit trinken, auf Euer Wohl, auf das Glück Eurer Zukunft! Ihr habt Euch lang im Geheinien gern gehabt, aber Ihr habt Eure Liebe still im Herzen herumtrage» gemußt, und keiner hat sie sehen gedurft und keiner hat davon etwas wissen gedurft. Eure Liebe >var ein Verbrechen, und doch war sie auch keins. Eine Mauer war zwischen Euch; diese Mauer besteht nicht mehr. Ihr habt Euch gesucht und habt Euch gefunden. Josef, Du hast dabei eine große Kraft bewiesen, aber Marie hat es nicht weniger gethan. Du hast Dich fest gehalten und; bist nicht abgewichen von Deinem Entschluß, wie Du ihn einmal gefaßt hast, aber Marie hat gezeigt, daß sie keinen Zwang auf Dich ausüben gewollt hat. Sie war bereitwillig, das größte Opfer zu bringen, sie hat verzichten gewollt, ihr Herz hat dabei geblutet, ich weiß es, und sie hat es doch gethan. Dazu gehört Kraft, Kraft gehört da dazu so viel, daß ich nicht weiß, wem von Euch Beiden mehr Lob gebührt. Nehnit mein Lob darum alle zwei. Eure Kraft und Stärke, die Ihr bewiesen habt, ist mir eine Beruhigung für das Glück Eurer Zukunft; denn das, was man mit solcher Anstrengung erkämpfen muß, was der Mensch nur durch den äußersten Kampf sich erwerben kann, das muß ihm hoch stehen im Preis, das muß ihm lieb lind werth sein für das ganze Leben, und darum seh ich getrost Eurer Zukunft entgegen. Ihr werdet fest an einander halten, wie es auch kommen wird. Ihr werdet Eure Vergangenheit nicht vergessen, Ihr werdet nicht vergessen, unter welchen Kämpfen Ihr Euch gegenseitig erworben habt, und darum werdet Ihr auch glücklich sein. Also trink ich dies Glas, und die ganze Gesellschaft wird es mit mir, auf Euer Wohl, auf Eure Gesundheit, auf das Glück Eurer Zukunft! Hoch, der Bräutigam und die Braut." „Hoch der Bräutigam uild die Braut!" wiederholten alle Anwesenden, die Gläser klirrten an einander;'Jeder beeilte sich, mit dem Sprecher sowohl als mit den beiden Brautleuten anzustoßen, und Alles leerte sein Glas bis zur Neige, selbst die alte Brigitte strengte sich au und that diesmal mehr, ais sie zu leisten vermeinen konnte; ja, sie ließ sich ihr Glas, das sie zum große» Theile geleert, sogleich wieder füllen und erhob sich, dasselbe hoch emporhaltend, um dem Beispiele des alten Niederhuber zu folgen. „Ich kann nicht viel reden," Hub sie an- „Das ist eine Verläumdung!" sagte Honza, und zwar so, daß man es hören konnte. Alle Anderen riefen es ihm nach: „Das ist eine Verläumdung! Mutter Brigitte muß uns eine große Rede halten Sie kann es! Wir wissen es! Sie muß! Sie muß." „So laßt mich doch nur zu Wort kounnen," rief Brigitte. „Ihr schreit ja und macht einen Heidenlärm, daß ein ehrlicher Christenmensch sein eigeiles Wort nicht hört." Es war wieder stille und Mutter Brigitte begann von Neuem „Ich kann nicht viel reden! Der Honza und Ihr alle mögt sagen, was ihr wollt, Ich kenn mich besser als Ihr mich kennt, und darunl bleib ich dabei und sag, ich kanil nicht viel reden! Das heißt so reden, was man so reden nennt. Freilich, reden in den Tag hinein, von dem und von jenem, obs heut schönes Wetter ist, und obs morgen Regen geben wird, lind was der Nachbar Franz für ein paar schöne Pferd kauft hat, und daß die Schneider-Toni noch immer im ganzen Dorf die Schönste sein will, und daß der Eörg gern die Marie kriegt hält, und daß er darum lmseren Josef nicht leiden mag und alle das Zeug, das ist freilich keine Kunst, das trifft ein Jeder, und das reff ich auch. Das Reden mein ich aber gar nicht. Wenn ich sag, ich kann nicht viel reden, so mein ich reden, wie unser Meister Niederhuber jetzt geredt hat, reden, daß es Hand und Fuß hat, reden, wo man sich dabei gar eigene Gedanken machen muß, das heißt, wenn einer ein' Kopf hat, und kein dummer Kerl nicht ist, reden, daß einem dabei das Herz gerührt wird, und daß einein dabei die Augen, übergehen, wie mir bei des Meisters Reden. Das mein ich! Versteht Ihr mich jetzt? und darum Hab ich gesagt, ich kann nicht viel reden, weil ich mich im Voraus entschuldigen muß." Mutter Brigitte machte eine Kunstpause und diese hatte die gehoffte Wirkung; denn die Anwesenden stinlinten sämmtlich darin überein, daß Mutter Brigitte reden könne, reden in jedem Sinne dieses j Wortes, und forderten sie auf, mit ihrem Trinkspruche fortzufahren, j oder eigentlich gesagt — zu beginnen.! „Das will ich," sagte Mutter Brigitte, „ich lvend' mich mit I meinem Trinksprüchel an Euch, Meister Niederhuber. Ihr kennt mich! besser, als das junge Volk da, was uns nachwachst. Ich bin zl> Euch gekommen als eine arme Magd, da Ihr Eure Frau, Gott Hab sie selig, erst kurz da hereingeführt hattet. Ich bin da gewesen und bin ihr beigestanden in ihrer Noth, tvie Eure Marie da zur Welt ist kommen, und ich bin es gewesen, die Euer Leid mitangesehen, da sie Euer Weib haben weggetrageu, und sie eingeseukt haben in das Grab draußen auf dem Kirchhof. Ich bin es gewesen, die Euch über den Verlust getröstet hat, und die Euch versprochen hat, was Euch damals am meisten Sorg gemacht h.t, von Euch zu nehmen; ich Hab Euch versprochen, mich der kleinen Marie anziniehmen, als ivie wenn ich ihre Mutter wär, und Euer Haus nicht zu verlassen, und ivas ich versprochen Hab, das Hab ich — sagt es selbst, Meister, ob es nicht richtig ist — was ich versprocheil Hab, das Hab ich treulich gehallen, und keiner kann sagen, daß es anders ist." „Aber Mutter Brigitte," sagte Honza schelmisch; „Ihr wollt ja den Trinkspruch dem Meister Niederhnber halten und nicht Euch!" „Laß sie," sagte Meister Niederhuber und wischte sich verstohlen eine Thräne vom Gesicht, die eben die Wange herunterlief. Mutter Brigitte ließ sich dadurch nicht irre machen und sagte zu Honza: „Nur Geduld, nur keine Eil! es brennt ja nicht. Jugend; hat keine Tugend. Zum Meister Niederhuber werd ich scholl noch kommen, laßt mir nur Zeit, und wenn Du's nicht erwarten kannst, so trink Dein Glas in Gottes Namen früher aus und schenk Dir noch einmal von frischem ein. Es kommt uns Gott sei Dank nicht an ans ein Glas mehr oder weniger; aber Du brauchst nicht z^ meistern; ich weiß schon, was ich zu sagen Hab und was nicht. Ich kann nicht viel reden, aber was zur Sach gehört, das lveiß ich so gut wie einer, und wenn ich von Meister Niederhuber reden soll, so werd ich doch mn besten wissen, wo ich anzufangen Hab und wo ich aufhören soll." (Forts, folgt.)