Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1892)
- Date
- 1892-05-20
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
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US irgendwo in einer strombettartigen Nertiefnng, mag sie ein Bergstrom gehöhlt oder ein Gletscher auf seiner Wanderung zurückgelaffen haben, Sand und steiniges Gerolle in fortwährender, mtr manchmal stockender Bewegung gesehen wurde, jedenfalls war es der fließende Sand, der steinerne Wellengang, der den Kern des Wunders abgegeben hat und sicher auch in der Benennung des Flusses hervorgetreten sein muß. Ich zweifle daher nicht, daß der ursprüngliche Name, den der später so sagenberühmte Fluß bei den Juden in Palästina geführt hat, TU der Sandfluß gewesen ist. Die arabische Benemumg des Flusses hat uns aber des bloßen Vermuthens überdies noch enthoben; das arabische ^2^8 N81 läßt uns noch deutlich die ursprüngliche hebräische Bezeichnung erschließend. Für ein des Hebräischen und Aramäischen gewöhntes Ohr erklang aber in - diesem Namen zugleich ein anderer Sinn, der die sagenbildende Kraft des Volkes geradezu herausforderte. Es war nicht der Sandfluß, was man aus diesem Namen heraushörte, sondern, was besonders durch die religiöse Verwendung des Ausdruckes Sin nahe lag, der Wochen-, der Werkeltagsfluß. Von dieser Apperception zur Bildung der Sage von dem Flusse, der beit Sabbath hält und heiligt, indem er nur au den Wochentagen seine Arbeit verrichtet, war kaum ein Schritt. Die Zeit, in der diese Umdeutung oder dieses sagenerzeugende Mißverständniß erfolgte, läßt sich kurz als die hellenistische bezeichnen, da der veränderte Name, der dieser veränderten Auffassung entsprach, ein griechisches Gepräge trägt. Aus dem Werkeltagsflusse wurde ein Sabbathfluß, der Sabbation oder, wie das bei' der Aufnahme semitischer Worte in die klassische Sprache dem Lippenlaute B häufig vorangehende M, das in so vielen europäischen Idiomen den Namen des Sabbath verändert hat-), seine Benennung entschieden hat, der Sambation. Statt die Arbeit des Flusses an den Wochentagen hervorzuheben, sollte die nette Bezeichnung seine Ruhe am Sabbath hervorheben und so jede Zweideutigkeit, welche früher das Homonym vott Sand und Werkeltag verursachte, zugleich vermeiden. Aber auch der neue Name litt an einer Unbestimmtheit, die darin lag, daß er nichts darüber aussagt, ob der Fluß nicht etwa nur am Sabbath fließe, an den übrigen Tagen der Woche aber ruhe. Denn nur so erkläre ich mir die bekannte Auffälligkeit bei Josephus, der vom Sambation eben das Fließen am Sabbath hervorhebt3). Solche willkürliche oder unwillkürliche Wortdeutungen als Ursprünge vielverbreiteter Sagen hat die Wissenschaft schon vielfach ermittelt. Man braucht nur an die Erklärungen zu denken, die z. B. die bekannte Sage vom Müusethurm bei Bingen im Rhein oder, um eine kirchliche Sage heranzuziehen, die von den 11,000 Jungfrauen in Köln*) gefunden, um den Ursprung der Sambationfabeln in dem so leichten und natürlichen Uebergang des Sandflusses in einen Werkeltagsfluß ztt finden. 0 Bacher, Die Agada der Taunatten I, 298 n. 1. -) Grünban i verweist a. a. O. 827 n. 3 trefflich auf /Auno^ tvutwvov rjfv Ambubaja ----- 82128 Sambuca und otqißrzij 8222, auf die Eigennamen ----- by21‘T', 'Atißazorti ----- pp2iT Denselben Ursprung zeigt uns auch das M in Samedi, im deutschen Samstag das aus Sambazdag entstanden ist, und das ungarische Szvmbat. :]) Vgl. bereits Schudt, Jüdische Merkwürdigkeiten!I 262 und Simson Eohen Modon in Kobez al Jod IV, 69 ff. \) S. E. Müller in Zeitschrift für den deutschen Unterricht V, 168. U -4fr FEUILLETON Kermweh. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.. Der kurze Wintertag dehnte sich durch die ungeduldige Erwartung des Abends zu ungewöhnlicher Lange. Dazu kam noch, das; Marie nirgends zu finden war. Er hatte sie nicht aus dem Hause gehn gesehen, und doch war sie nicht da. Es wußte keiner zu sagen, wo sie hingegangen, noch wo sie sei. Der Vater konnte keine Auskunft geben, Honza meinte, sie werde wohl nicht davon gelaufen sein! Und mit der alte» Brigitte war nun heute schon gar nichts anzufange». Die hatte Hände und Füße voll zu thun, sie ließ Niemanden auch nur einen Blick in das Geheimniß der zweiten Stube werfen, denn sonst war es um die Ueberraschung geschehen gewesen. Der Abend kam heran; Marie war noch immer nicht da. Die Nacht brach herein, Finsterniß hatte sich über die Erde ansgebreitet, Brigitte hatte bereits die Lichtlein an dem Christbaum angezündet, und nun öffnete sie die Thüre. Herein traten in die zweite Stube der alte Niederhuber, Josef, Honza 'und noch einige andere Verwandte, die zur Begehung des Christabends eingeladen waren. Josefs Auge wurde geblendet von dem ungewohnten Lichtglanze, der ihm da entgegenstrahlte. Nun ging es ans Austheilen der Bescheerungen. „Das ist für Dich, Matthis!" sagte Niederhuber, indem er das rothe Westchen von einem Zweige des Christbaums herunternahm, „das Westel gehört Dir und der lebzeltene Reiter da noch dazu. Du mußt ihn aber nicht gleich aufessen, sonst bringt Dir das Christkindel ein andermal nichts mehr! — Da diese Bänder und Schleifen sind für Dich, Annamirl, Du bist ein kleines, gefallsüchtiges Dingerl, die werde» Dir gut stehn, wenn Du sie als Kopfputz trage» wirst. Kein Mädel auf dem Tanzplatz hat schönere Bänder aufzuweisen, und Du kannst Dich damit auch in der Kirche sehen lassen! — Tu, Christel, bist ein naschhaftes Ding, drum Hab ich Dir diese Aepfel da vergolden lassen, damit Du nicht gleich hineinbeißen sollst. Aber daß Du Dich nicht zu beklagen brauchst, so hängt für Dich auch das schöne Fürtuch da, es ist auch echter Stoff, der die Färb hält und i» der Wäsche nicht allsgeht! — Für ein' Burschen, lvie Dli bist, Honza, der viel auf den Beinen sein und tüchtig auftreten muß, gebührt sich etwas Tüchtiges, und darum Hab ich Dir dies paar Stiefel machen lassen, die Du da stehn siehst. Der Schuster hat Dein Maß und ich Hab sie deshalb ganz gut ohne Dein Wissen bestellen können. Jetzt schau Dir sie nur einmal recht an, was da auf den Sohlen für schöne Sachen drauf gemalt sind! — Unsere alte Brigitte wird für diesmal mit diesem Kopftuch da vorlieb nehmen, welches ich erst anhängen muß; denn sie selber hat den Christbaum Hergericht uild hat wahrscheinlich sich selber vergessen! — Doch Sapperment! hat denn das Christkindel unserem Joses gar nichts gebracht? He, Brigitte! ist denn für unseren Josef kein Chcistgeschenk da?" — „Leicht möglich," sagte Brigitte und hob einen Schleier zurück, der über eine» Gegenstand ansgebreitet lag. Und siehe da, unter dem Schleier war Marie verborgen, Marie, die man den ganzen Abend vermißt, gesucht und nicht gefunden hatte. In ihrem Brautkleide angethan saß sie da mit einem goldenen Kettlein an einem Zweige des Christbaunies angebunden. „Ei der Tausend!" ries der alte Niederhuber.—„Marie!" rief Josef mit Entzücken. — „Das hat ihm das Christkindel gebracht," sagte die alte Brigitte stolz auf ihren Einfall, „ich glaub, er wird nlit der Beschecrung zufrieden sein." — Und lvie sollte er nicht. Wer war glücklicher als er. Wo gab es auf der weiten Welt für ihn ein lieberes Angebinde, als hier die augebnudene Marie.