Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1892)
- Date
- 1892-05-20
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
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Einfacher war ursprünglich bas Gebet für ben Wiederbeginn des Tages, “nx “iicv- Im Tempel noch gar nicht gesprochen, ward a später noch erweitert, wir werden bald sehen, wie. (Fortsetzung folgt.) 9 Shylock. -- -er nichlhistorijche Jude. t*i>ie Sonntags-Vorlesung von Dr. Joseph Krauskops, Rabbiner der Reformgemeinde K’nesseth Israel in Philadelphia"). Vor einigen Jahren wohnte ich zum ersten Male einer denkimirbigeit Vorstellung des berühmten Schauspiels von Shakespeare bei, das wie gewöhnlich ein überaus zahlreiches Auditorium angelockt batte. Bon Anfang bis zum Ende des Spiels war natürlich meine Aufmerksamkeit auf die Bühne und die seltsamen Vorgänge gefesselt, dir allen Lesern ja zur Genüge bekannt sind. Mit Bedauern sah iä> den Vorhang fallen und bas Ende eines Spiels, baß mir so vielen Genuß verschaffte. Der jüngst verstorbene Laurence Barrett iinelte die Titelrolle, und an jenem Abend war er ausgezeichnet. Aicht der Schauspieler, nicht der Sohn der keltischen Rasse war er nt jenem Abend, sondern die Verkörperung des ganzen jüdischen Aolkes, durch nnendliche Verfolgungen, durch unsägliche Leiden, Schmähungen und Verletzungen zu wahnsinnigem Durst nach Rache »»trieben. Unaufhörliches Beifallklatschen begrüßte seine Bemühungen, und die Thatsache, daß die Sympathie der Zuhörer, deren größter Theil aus Nicht-Juden bestand, dem Shylock zugewenbet war, fiel mir am meisten auf. Als ich bas Theater verlassen hatte, begegnete ich einer christltchen Freundin. Auf meine Frage, wie ihr das Stück gefallen habe, mviederte sie: „Offen gestanden, es gefiel mir gar nicht, denn ich befand mich den ganzen Abend in gedrückter Stimmung." „Und iveshalb?" fragte ich höchst erstaunt. „Weil ich Sie vor mir sitzend bemerkte," erwiederte meine Freundin, „und um Ihretwillen that es mir weh, den Juden in solcher Weise auf der Bühne dargestellt zu sehen, wie es diesen Abend der Fall war, und ich war deshalb herzlich iroh, als das Stück zu Ende war." Ich dankte meiner Freundin itir ihre Theilnahme, versicherte ihr jedoch, daß ich, statt einer Beleidigung, gerade die eloquenteste Rechtfertigung des Juden in dem -tücke wahrgenommen habe. Wie hätte man wohl die Leiden der »nbeit besser als durch die von Shylock erlittenen und ausgesprochenen darstellen können? Jene feindliche Rache, womit der Jude seine geschändeten Gefühle zu mildern sucht, ist der schwächste Theil des Ltückes. Ihre Unmöglichkeit erweist sich von selbst. Der Geschichtstenner muß wohl wissen, daß das Gesetz, vom menschlichen, religiösen »nd psychologischen Standpunkte aus, den fremden, kaum geduldeten veuetiaiüschen Juden des Mittelalters verhindert Hütte eine so öffentliche und grausame Rache unternehmen zu wollen. Der Shakewearomane muß wissen, daß in dem ursprünglichen Entwurf, aus welchem Shakespeare den seinigen entnommen hatte, die Charaktere umgekehrt erscheinen, daß dort ein Christ es ist, welcher darauf besteht, ein Pfund Fleisch vom Leib des Juden zu schneiden. Die *) Ins Deutsche übersetzt von Lewis Rau. Beifallsbezeugungen jenes Abends, die ausgesprochene Konsideration meiner Freundin galten mir als Beweise, daß das Publikum die Ungerechtigkeit gegen den Juden einzusehe» beginnt. Die Zeit wird koimne», prophezeite ich, wo die unhistorischen niid uiimöglichen Theile des Stückes noch deutlicher hervortreten, während dessen geschichtliche Theile — das „Leiden" des Juden — als unabweisliche Zeugen für die schmachvolle Behandlung, der er sich unterwerfen mußte, Anerkennung finden und Genugthuung beanspruchen werde»; gerade so, wie die Beschuldigung, daß die Juden an der Kreuzigung sich betheiligt hätten, mit Bestimmtheit als falsch erklärt wurde, wie die Erkemitniß ihrer Unschuld sich erweitert und die Anzahl derjenigen sich täglich mehrt, welche, anstatt den Juden als rachesüchtigen Mörder eines Gottes zu verfolgen, ihm Tank zollen, daß durch ihn der Welt ein Mann gegeben wurde mit so guten und edlen Eigenschaften, welche fast als göttlich erscheinen. Nachdem ich mich von meiner Freundin verabschiedet hatte, wunderte ich mich, was sie wohl gedacht haben würde, wenn sie einer Vorstellung hätte beiwohnen müssen, wie man den Juden in alten Zeiten repräsentirte. Den Shylock auf der Bühne herum zappelnd, als eine abscheuliche Karikatur, mit gekrümmter Nase, höckerigem Rücken, langem, ungekämmtem Barte, mit zerfetztem und schmutzigem Mantel und mit noch andern grotesken Verunstaltungen, einen Augenblick die Zuhörer in unbändiges Lachen versetzend mit seinen lächerlichen Geberden und seinem kaum verständlichen näselnden Kauderwelsch, und den andern Augenblick sie zur Wuth aufreizend wegen seiner feindseligen Blutdürstigkeit. Und auch darüber wunderte ich mich, was sie gedacht haben möchte, hätte sie die Bühnenvorstellungen anderer jüdischer Charaktere gesehen, in andern Schauspielen, früher oder später geschrieben als der „Kaufmann von Venedig", Charaktere wie Barrabas in Marlowes „Juden von Malta", Charaktere, unabänderlich lächerlich und schändlich in Rücksicht auf ihre Schurkereien, ihr wucherisches Streben, ihren Geiz unb ihre List, die sich ihre eigene Niederlage bereiten; für die Bühne bearbeitet zur Belustigung der jauchzenden, lärmenden und pfeifenden Galerie und zum Widerwillen und Abscheu für die Zuschauer der unteren Räume. Ich sann nach, was sie wohl gedacht habe» würde, hätte sie gewußt, daß diese Darstellung heute noch existirt; daß in manchen Theilen der Welt der Bühnenschriststeller die Nachsicht des Piibliknms und dessen Sympathie erbitten nuis;, wenn er den Charakter eines edlen Jude» auf der Bühne darstellen will, wie z. B. in Cumberlands Prolog zum „Juden", welcher mit der Entschuldigung beginnt: „Zu Eurem Rechtssiun diesen Abend spricht Durch mich ein armer, glückvergess'uer Wicht, Dem Dichters Gunst noch niemals hat gewollt. Dem nie zuvor ein Beifill ward gezollt. Ein Plätzchen Eurer Herzen ruf' ich wach. Für jedes Opfer ungerechter Schmach " Daß der Verfasser vorstehender Zeilen den Ansspruch: „Dem Dichters Gunst noch niemals hat gewollt" zu weit ausgreifen ließ, davon überzeugte ich mich in der Vorstellung jenes Abends. Des Schauspielers Kostüm, sein Auftritt und seine Sprache, sein Feuer und Pathos lieferten mir keinen Beweis eines unbegünstigten Juden, auch nicht den Zuhörern, wie es schien, der Sympathie nach zu urtheilen, die sie dem Shylock zeigten. Daß der venetianische Jude seit lange her in falschem Lichte dargestellt wurde, ist nicht die Schuld Shakespeares, sondern die des Schauspielers. Die heut zu Tage verschiedene Darstellung des Charakters ist nicht die Folge einer Umschreibung des Textes, noch einer Abänderung im Plan d.s Stückes, sondern eines sorgfältigem Studiums der Geschichte und des Charak-