Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1892)
- Date
- 1892-05-20
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
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244 wieder frei sich selbst angehörte. Man schreibt diese Anordnung, toie manche andere Einrichtung, den Männern der sogenannten großen Synode zu. Ueber diese Behörde, ihre Einsetzung, ihre Wirksamkeit, ihre Auflösung ist uns gar nichts überliefert, und Alles, was von ihr gesagt wird, ist Nermnthung. So halte ich meine Vermuthung für ebenso berechtigt wie jede andere. Ich meine aber, unter diesem Ausdrucke nDJ3 ftWK Männer der großen Synode sei zu verstehen: Alles, was seit Esra bis in die erste Makkabäerzeit zur Erhaltung des Judenthums und zur Feststellung der jüdischen Religionslehre gethan ist. Jeder Vorthcil der späteren Juden gegen ihre Väter unter den Nachkommen Davids ist jenen Männern zu verdanken, deren Namen wir nicht kennen. Es ist eine Zeit von etwa 250 Jahren, die sich unserer Geschichtskeuntniß ganz entzieht, und die für das Judenthum so wichtig ist. Es geht auf allen Gebieten so: vieles ist uns dermaßen bekannt und vertraut, daß wir vergessen zu frage», woher es komme. In den 5 Büchern Moses sind 5845 Verse enthalten. Diese Zahl ist leicht zu behalten; sie ist hebräisch buchstäblich genau gegeben 5, 8, 40, 5 in den Buchstaben des Wortes n&P!T die Sonne, n ,N ,!2 ,N- Sie brauchen also nur daran zu denken, daß die Lehre Moses die Sonne unserer geistigen Welt ist. Jenes Wort bedeutet auch Wärme, Gluth, nämlich der Sonne. Die Thora giebt ja unserem Leben Licht und Wärme. Nun also, 5845 Verse! und wie viele sind darunter von wunderbarer Schönheit und tiefster Bedeutsamkeit! Wer hat denn nun von diesen 5845 Versen den Vers „Höre Israel" als Fahnen- Jnschrift der Juden auserlesen? Wer? Die Männer der großen Synode. Und wer hat die Propheten und die Psalmen gesammelt? Abermals die Männer der großen Synode. Und sie haben unseren Gottesdienst dem Hauptinhalt nach gegliedert — unserem sage ich; denn wie die Abgeordneten des Volkes mit den Priestern, so beteten die Juden überall im Lande, und so thun im Wesentlichen auch wir heute noch. Die meisten Psalmen, poetische Ergüsie frommer Gemnther, die religiöse Lebenserfahrung de? Dichters aussprechend, sind auch nur zum stillen Gebet des Einzelnen geeignet. Nicht wenige der Psalmen aber sind ganz ursprünglich zum öffentlichen Lcvitengesang bestimmt gewesen, und so wurde» sie auch im Tempel gesungen. Doch allen Gebeten voran ging, nachdem bei Sonnenaufgang das Morgeuopser gebracht war, das Lesen des Schema und die Tefillo; und elfteres ward des Morgens von drei, des Abends von vier Segenssprüchen eingerahmt, wie auch heute noch. Jene unbekannten Männer der großen Synode waren cs auch, ivclche die allgemeine Formel für unsere Segenssprüche schufen: „Gelobt seiest du Ewiger unser Gott, König der Welt, der Du" dies oder das thust oder gethan hast oder „uns befohlen hast", dies oder das zu thun. Außer dieser Formel bezeichneteu sie das Thema für die längeren Gebete; aber sie waren noch fern davon, die Ausführung dieses Themas auch dem Wortlaute nach festzusetzen. Vielmehr blieb die eigentliche Fassung der Gebete »och Jahrhunderte schwankend und dem Betenden überlassen. Daher merkt man namentlich klar, was nach der Zerstörung des Tempels zum älteren Text hinzugefügt ward. Dazu kam noch die Abneigung der Juden, nachdem der biblische Kanon einmal abgeschlossen war, neben dieser heiligen Schrift irgend etwas Religiöses schriftlich aufzuzeichncn. Erst im fünften und sechsten Jahrhundert n. Ehr. mit der Niederschrift des Talmud wurden auch einige Gebete, und zuerst gerade nicht die hauptsächlichsten, niedergeschriebcn; ein eigentliches, vollständiges Gebetbuch ward erst im 9. Jahrhundert gemacht. So lange die jüdischen Gebete, anfänglich nur solch ein blos ideelles, dann aber solch ein nur mündlich fliegendes Dasein hatten, ' j konnte zwar Jeder in der Stille beten, wie es ihm sein Herz eingab; j der öffentliche Gottesdienst der Gemeinde aber konnte nur von einen, j Vorbeter geleitet werden, der eine besondere Befähigung dazu hatte, j und der von der Gemeinde dazu eingesetzt war, der TUSt j Dieser allein sprach das Gebet laut; das Volk hörte andächtig z» und sprach sein „Amen", das am Schlüsse des Gottesdienst zu einer vollen Formel ausgedehnt ward, wie: „Gelobt sei der Ewige, der Gott Israels, von Ewigkeit in Ewigkeit, Amen und Amen"; oder noch ausführlicher, wie solche Formeln schon am Ende jedes Buches der Psalmen verzeichnet sind. Wenn nun ein Gebet in einer gewissen Form, welche es durch irgend einen Vorbeter erhalten hatte besonderen Beifall fand: so ward diese Form auch von andere». Vorbetern angenommen und erhielt allmählich allgemeine Bestätigung Manche Gebete für besondere Tage, oder gar nicht für den öffentlichen Gottesdienst bestimmt, stainmen von berühmten Lehrern, wclchc von den Schülern gehört, ausgenommen und verbreitet wurden, und so auch iu unser tägliches Gebet eindrangen. Die Verschiedenheiten, wie sie in der Zeit, da das Gebetbuch noch nicht vor Augen lag, sich natürlich ergeben mußten, sind auch später nicht völlig geschwunden; und neue Abweichungen, Zusätze. Auslassungen und Aenderinige», welche nicht blos das Wort, sondern auch den Sinn berühren, traten später durch die Abschreiber und endlich die Drucker noch hinzu. Dies gilt selbst von unfern eigentlichen Kerngebeten, z. B. auch von Kaddisch und Keduscha; und ich kann Sie versichern, v. A., da», manche Aenderung des Ihnen von Kindheit her geläufigen Texter, welche unsere modernen Rabbinen vorgenommen haben, auch von, rein philologischen Standpunkt aus betrachtet, Korrekturen waren indem diese Männer nur zur alten, ursprünglichen Lesart zurück griffen. Oder wollen Sic ivirklich daran festhalten, daß jeder Aiinhag i unantastbar sei? ' Dies, v. A., mag über die Entstehung unseres Gebetbuches genügen. Nur noch ein recht klar vorliegendes Beispiel, wie einzelne Ausdrücke von Autoritäten sich zu langen Gebeten gestalten. Von zwei Rabbinen aus dem ersten Geschlecht der Amoraim, also in, 3. Jahrhundert n. Ehr. lebend, ist uns überliefert, daß der Eine. R. Chanina, Freitags vor Sonnen-Untergang gesagt habe: „Kommi und laßt uns der Königin Sabbath entgegen gehen", und daß de, Andere, R. Jannai, gesagt habe: „Komm Braut, komm Braut." - Diese beiden Worte haben einen Dichter des 10. Jahrhunderts zu | dem Lieblingsliede aller jüdischen Vorbeter 'TH roS begeistert. Betrachten wir nun den Inhalt unseres täglichen Gebetes. 0» hat zwei Mittelpunkte, um welche sich alles Einzelne gruppirt. Zuerst das Schema mit den drei dazu gehörigen Stücken au» den Büchern Moses. Hiermit wird das Bekenntniß ausgesprochen, auf welchem unsere Religion beruht. Aber nicht blos ein unthätiger Glaube an den einzigen Gott wird init Worten bekundet; sonder» es wird damit die freiwillige Hingabe der ganzen Kraft des Geiste» und Gemüthes an das göttliche Gebot versichert, und auch die Hoffnung auf die einstige Anerkennung des einzigen Gottes von der gesammten^Menschheit befestigt. Dieser Kernpunkt unserer Andacht wird Abends und Morgen» von zwei Gebetsprüchen eingeleitet. Noch zuvor aber wird Abend» der Vers Bim KIT gesprochen: Der Mensch, sich demüthig seiner Sündhaftigkeit bewußt, erhebt sich durch Vergegenwärtigung der göttlichen Langmuth. Nun erst wird Gott als der Urheber der Naturordnung gepriesen. Während sonst unsere alten Gebete nach Form und Inhalt nur in edler Prosa sich bewegen, zeigt sich hier erhabene poetische Anlchauung. Im ersten Stücke des Abendgebcte» heißt es: „Gelobt seiest du Ewiger unser Gott' Herr der Welt, auf dessen G Pforten ordnet, ginsterni Tag und ordnung Ein des Tag t» später Ähl (viue Sv' Vor würdiger bei. das hatte. 8 Aufrnerkl die aller ich den vielen 6 ipielte d ch'icht de uii jener Volkes, ^chrrrähr getrieben und die ^cheil ai mir am Als lachen Fr enviedert befand i weshalb^ bemerkte, mir weh sehen, wi froh, ali für ihre leidigurrc Stüde 1 gilben b darstelleri schändete Stückes, lenner n lind psyc chenetiani liehe un wearorm welcherrr unrgekehr steht, er *) L