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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-05-20 · Heft 21 (20.5.1892) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 21 (20.5.1892)
Date
1892-05-20
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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242 Atheismus. Von Dr. Adolf Jellinek. Unsere Zeit liebt Stich- und Schlagworte, Kraftansdrücke, Uebertreibnnge». So sind z. B. Kapitalismus und Antisemitismus nichts als Schlagworte für einen vielnmsassenden Inhalt, je nach dem Standpunkte dessen, der sie gebraucht. Der Eine will verhüten, daß große Kapitalien in einer Hand sich sammeln, der Andere bekämpft den Reichthnm in dem Wahne, daß die Inden reich sind, während sie zu den Aermsten in ihrer Gesammtheit gehören. Dem Einen ist der Antisemitismus eine Raffenfrage, ein Kapitel aus der Zoologie, dem Anderen nichts als eine Judensrage, deren der alte Judenhaß mit seinem Gefolge der niedrigsten Leidenschaften sich bemächtigt. Das jüngste Schlagwort lautet: Atheismus. Wer nicht für die konfessionelle Schule schwärmt, wer nicht dafür stimmt, daß die Heranwachsende Jugend nach dem Dogma der Konfession streng geschieden werden müsse, wer überhaupt zu liberalen Grundsätzen sich bekennt, gehört in das Höllenreich des Atheismus. Das wurde im preußischen Landttage verkündet und sofort von den Organen des Vatikan bestätigt. Betrachten wir einmal den Liberalismus mit dessen Forderungen, Lehren und Zielen. Ist ein Mann, der die Fahne des Liberalismus hochhült, ein Atheist? Ich glaube: das Gegentheil, wenn wir auf das Wesen das Liberalismus näher eingehen. Der Liberalismus verlangt die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, denn alle sind Geschöpfe höheren Ursprungs, gottühnlich. Giebt es einen reineren Gottesglanben als denjenigen, kraft dessen der Anspruch erhoben wird, daß es einerlei Gesetz und einerlei Recht im staatlichen Gemeinwesen herrsche und die Angehörigen desselben nicht in verschiedene Kasten und Klaffen gespalten werden? Ter Liberalismus proktamirt den Grundsatz, daß kein Mensch verhindert werden dürfe, die Kräfte, die er besitzt, zu entwickeln, zu vervollkommnen und zu verwerthen, zu seinem eignen Wähle, zum Besten der Familie und zum Aufblühen des Staates. Ist das etwa ein atheistisches Verlangen? Gott hat den Menschen mit reichen Gaben, Anlagen und Talenten ausgestattet, damit er sie gebrauche, nicht aber, daß sie versumpfeir oder verkomme» sollen. Der Liberalismus verwirft jeden Gewissenszwang, jeden Glaubensdruck, jeden religiösen Fanatismus. Sind diese bösen Dämonen, welche so viel Unheil in der Geschichte gestiftet haben, die Herolde des Gottesglaubens? Will Gott etwa, daß Jedermann zu diesen Dogmen und zu diesen Glaubensartikel» sich bekenne? Erfordert die Unterlassung alles Schlechten, Gemeinen und Niedrigen die Ausprägung des Sittlichen durch Thaten im Verkehre mit den Mitmenschen. So wenigstens lehrt es das Judenthum, das nie den Völkern zugerufen hat, daß sie alle Juden werden müssen, wenn sie nicht von Gott verworfen sein sollen. Der Liberalismus entrollt das Banner der Humanität, fordert alle Menschen auf, sich um dasselbe brüderlich zu schaaren, human zu denken, zu fühlen und zu handeln, alle Institutionen des Staates human zu gestalten. Ist diese Humanität etwa eine Geburt des Atheismus, sind Humanität und Gottcsglanbe Gegensätze? Der Liberalismus ist ein Sendbote des Friedens in der Gesellschaft. Er perhorrcszirt politische und konfessionelle Hetzereien, welche die Gemüther verbittern, die Veredelung der Mensche» hindern, die fortschreitende Entwicklung hemmen. Ist die Liebe zum Frieden auf Erden ein Teufelswerk und nicht vielmehr der Ausfluß eines höheren Gottesbewußtseins? War der Gottesglanbe im Mittelalter etwa der rechte und erste. Sind Scheiterhaufen, Verfolgungen ans Religion, grausame Strafen, Folter und Marter als Beweismittel für die Wahrheit, glänzende Zeugnisse für den herrschenden reinen und lauteren Theismus? Wir sind liberal, weil wir gottgläubig sind, und ziehen es vor, von den Besten und Edelsten in Deutschland anerkannt als von den Männern der „Kreuzzeitung" gepriesen zu werden. Dieser Partei ist das Verlangen nach Recht und Gerechtigkeit, nach Gleichheit und Brudersinn, nach Frieden und Humanität Atheismus, die Leugnung ihres Gottes, eines intoleranten fanatischen Gottes. Wohl ist der Geist, der im Liberalismus weht, ein jüdischer, der von den Höhen des Judenthums in die Geschichte vor Jahrtausenden einströmte. Er proklamirte einerlei Gesetz und einerlei Recht für alle Bürger, hob alle Kasten- und Klaffennnterschiede auf, sanktionirte keine Standesprivilegien, verlieh dem Menschen die Freiheit zur Entfaltung und zum Gebrauch seiner Kräfte, offenbarte einen Gott als den Schutzherrn der freien Bewegung, welcher die ägyptische Knechtschaft aushob und ein freies Volk berief, um daffelbe über Recht und Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Humanität zu belehren. Daraus kann aber nimmermehr gefolgert werden, daß der Liberalismus verwerflich sei. Das Judenthum ist keine Religion des Atheismus, der Liberalismus daher nicht atheistisch. Man kann den Liberalismus bekämpfen, darf ihm aber nimmermehr das Stigma des Atheismus anfdrücken. O Der Juden tägliches Gebet. Ein Vortrag. Von Prof. Dr. H. Steinthal. sin das! löschte, h ans eine: eigenem > glück An Gott begi den nach war, wie berühmte pries er i Llerblich« Der verz und los? rnüs aber er ti feit, Keü alles selb seines tie war ein i imö Que 'timt ja, iniö liimä aber, wir sprechen. Etwc Anderes -egenssp:;i: Gott Wer des Lebens Inhalt und Zweck im Genüsse, in der Lus! erkennt, der >vird gar bald gewahr werden, daß sich sein Leben nichl nach seinen Wünschen gestaltet, und er wird dasselbe wie eine von Würmern zerfressene Frucht von sich werfen — immerhin noch glücklich, wenn er nicht noch obenein Schande und Schmach auf sich geladen hat. Die Gemeinde Israel aber hat seit Jahrtausenden ei» bald mehr bald weniger hartes und rauhes Schicksal erfahren und hat dennoch, unbekümmert ob aller Trübsal, frohe Feste gefeiert, und jedes Fest, wie es im Kreisläufe der Jahre wiederkehrte, mit dem Segensspruch eingeleitet: „Gelobt sei, der uns diesen Tag hat erleben lassen"; und beim Hochzeitsmahl nun gar, da Pries der Jude den Gott, in dessen heiligen Räumen die Freude wohnt. Der Jude hat Schiller wohl verstanden, wenn dieser ideale Sänger sein Lied an die Freude, „die Himmlische", dichtete. Betrachtet man die jüdischen Segenssprüche, man sollte meinen, die Juden hätten immer in Freuden und in Erfüllung aller Wünsche gelebt. Sie, denen mau verwehrt hatte, Landbesitz zu haben, die man von allem Leben in der Natur ansgeschloffen hatte, denen man frische Luft und hellen Sonnenschein nicht gönnen mochte: sie dankten Gott für Alles, was die Naturanfchauung Erfreuendes und Erhebendes darbietet. Kam das Frühjahr mit seinen hervorsprießenden Blättern und Blüthen. mit denen sich die winterdürren Bäume und Sträucher bekleideten: so dankten sie dem allmächtig Allgütigen, der in seiner Welt nichts untergehen läßt und mit seinen Schöpfungen den Menschen erfreuen will. Es schien ja Monate hindurch, als wäre es mit dem Wachsthum vorbei; aber wozu hatte denn der Jude jeden Sabbath Nachmittag des langen Winters ’3“ia gesagt? Da hatte er gelernt, wie sich Gott seiner Schöpfung, und der Mensch der ihm durch die Natur gebotenen Wohlthaten erfreut. Und so dankte er Gott beim Anblick jedes schönen Naturgebildes und jeder erhabenen Naturerscheinung, bei Donner und Blitz und beim Regenbogen, beim Genüsse jedes Wohlgeruches und jeder erquickenden Frucht; und auch llchtigcr Hebungen ans Gott G.kenntni Uns«: Wahres di Allgemein oller söge iöeseutlick »k Besch, dl- Leben iur die T iti'mmt ji Unse Gzcngnis alters; c entstände. 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