Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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§. Dresden, 20. April Die Lügen des Herrn Ahlwardt wachsen in demselben Maße, wie er sich von Berlin entfernt, sich also der Kon-;rote entzieht. So sprach der Herr Rektor a. D. (aller Deutschen^) gestern un „Tivoli" und hielt feine Zuhörer für beschränkt genug, um ihnen ns Märchen aufzubindet;, daß in Berlin von OiiO Rechtsanwälten 5f)0 ,sut)eu seien, sowie daß 40 Proz. des Berliner Grundbesitzes in den fänden der Juden seien. Und Ahlwardt hatte sich in seinem Publikum acht getäuscht; denn sie jubelten ihm Beifall siir diese allerneueste Eut-!'üllnng. Daß diese Zahlen natürlich nur in dem Hirn des Erfinders 'er „Judenflinten" aber nicht in der Wirklichkeit existiren, bedarf für eden Vernünftigen keiner Erörterung weiter. Chemnitz, 0. Mai. In dem benachbarten Torfe Neukirchen hat -in' einigen Tagen der vormalige Pastor I)r. Tauneil aus Bielefeld, oelcher neuerdings als antisemitischer Wanderprediger auch Sachsen bereist, ine gründliche Niederlage davougetragen. Der Erfolg seines antisemitischen Vortrages bestand nämlich darin, daß die von ca 800 Personen besuchte Versammlung mit allen gegen 5 Stinnnen eine Resolution annah;;;, die :ch mit größter Entschiedenheit gegen den Antisemitismus insspricht. Weeze, 20. April. Gestern wurde unser Ort nochmals mit einer iht bekannten antisemitischen Versammlungeu beglückt, worin Zerr J)r. med. König aus Witten als Redner auftrat. Diesmal war ie Parole: „Ter Antisemitismus und sein Gegner." Herr Tr. König /.ahm vorerst die Inden „hoch", fühlte sich indessen auch bewogen, das velb der Persönlichkeit zu betreten. Einer seiner Gegner hatte es nämlich gewagt, die von ihm produzirten haarsträubenden Wuchergeschichten u bezweifeln und hat ihn dann auch in dieser Hinsicht thatsäehlich der mge und der Verleumdung überführt. Herr Tr. König konnte sich trotz iler möglichen Versuche doch von dieser Sache nicht rein waschen, amentlich nicht bei denjenigen Zuhörern, die mit dem Aktenmaterial ekannt waren. Das finanzielle Ergebnis; der Versammlung muß bei > Pfg. Entrde sehr schwach gewesen sein, denn der Zuhörer waren icht viele, augenscheinlich zum großen Theil noch 2Neugierige. Es cheint, daß diese Versammlungen auf die Dauer für der; Redner nicht iehr lohnend bleiben K. Hannover, im Mai. Der Verein f ü r A l te rs v e r so r g u n g lld 5krankenpflege tritt mit einem Geschäftsberichte für die Jahre >88—1891 vor die Oeffentlichkeit, der ein erfreuliches Bild seines wohltätigen Wirkens in unserer Gemeinde giebt. Er ist zwar in engster Verbindung mit dem Wohlthätigkeits-Verein, der einen jährlichen Beiag von 1000 Mark beisteuert nnb der Anstalt unentgeltlich einen 'Arzt 4lt, wogegen ihm die kostenlose Aufnah tue seiner Kranken zugesichert nd das Recht der Entsendung zweier Tirektionsmitglieder in den Vorand gewährt ist, steht jedoch int klebrigen ganz selbstständig und hat >gar durch Allerhöchsten Königlichen Erlaß bereits im Jahre 1800 die Rechte einer juristischem Person erhalten. Tie Einnahtnen des letzten wahres belaufen sich auf 11,740.14 Mk. und die Ausgaben auf!,125.94 Mk. Die Wohlthat des Vereins genossen während dieses wahres 51 Personen, von dinen sechs Kranke christlichen Bekenntnisses rarem. — Wir schließen hieran den Bericht über den seit 44 Jahre;; 'gehenden israelitischen 5kraukenpflegeverein, der es ursprünglich sich zur 'lnfgabe gestellt, unverheiratheten, allein stehenden jungen Männern in Krankheitsfällen Hilfe xtnb Unterstützung zu gewähren. Derselbe zählt 21 Mitglieder, 47 sind unterstützt worden.!<. Hildesheim, im Mai. Zur Wahl eines Landrabbiners rat der Regierungspräsident Tertnin auf den 80. d. M. angesetzt. Tie 2nnagogengemeinde Hildesheim hat auf Grund der ihr im £ 05 der atmoverschen Ministerialbekanntmachung vorn 10. Januar 1844 znasitandenen Befugnist das Recht, drei befähigte Kandidaten vorzuschlagen, md es sind von ihr die Herren Distriktrabbiner Tr. I. Cohn aus Vnrgkuustadt, Rabbiner Dr. I. Theodor aus Bojanowo und Stadt- und Bezirksrabbiner Dr. A. Lewinsky aus Weilburg auf die engere Wahl gestellt. Mit Genehmigung des Herrn Oberpräsidenten ist das 'behalt zunächst auf 8000 Mark festgesetzt, das bis zu 8000 Mark iteigt. Oesterreich-Änylirn. Prag, 0 Mai. Nach neuesten Vorschriften finden die Maut r itätsprüfungen in ganz Böhmen an demselben Termin statt. Als i solcher war vom k. f. S\ultu>ininiftertiiin die Zeit vom 81. Mai bis j 5. Juni bestimmt und bereits publizirt. Auf die Vorstellung des hiesigen! Rabbiners Dr. A. 5kisch wurde dieser Termin - innerhalb dessett das i jüdische Pfingstfest fällt — für gattz Böhmen abgeändert. Großbritannien. " London, 7. Mai. In England herrscht bekanntlich Besorgnis; vor einer Zunahme der Einwattdernng mittelloser Iudeu atts i R uß land. Im Unterhause erklärte nun gestern der erste Lord des Schatzes Balfour auf eine Anfrage, er kenne den vielseitig im Lande kuudgegebenen Wtmsch nach einer Methode zur Behandlttng der Frage der Einwonderung solcher Fremder, die voraussichtlich denn Lattde zur Last fallen würden; er gebe auch zu, daß verschiedene Umstände, darunter die Aktion auswärtiger Regierungen, die Auswanderung vom Festlande 'nach England wesentlich beeinflussent und zuküttftig in noch stärkerer Weise beeinflussen dürften. Tie Sache biete viele Schwierigkeiten, der! Minister des Innern erwäge jedoch sorgfältig eine tut Hanse einzu : bringende Vorlage, die der Regierung hinreichende Gewalt zttr Behandlung des Gegenstandes gewähre. Italien.; Rom, 5. Mai. Das Hinscheiden des am 5. April verstorbenen römischen Senators Isaee o Pesa r o Mauro g<»nato hat merkwürdige Erscheinungen zu Tage gefördert, die dem Hingegangeuen, dem König reich Italien und dem Judenthum zur höchsten Ehre gereichen. Tie ge sammle italienische Presse, ohne Unterschied des politischen Standpunktes, widntele dem einstigen Finanzntinister in Venedig, dem Vizepräsidenten des italienischen Parlamentes ttnd dem römischen Settator Nachrufe, voll der unbeschränktesten Anerkennung. Alle Parteiunterschiede verschtvandeit und verstummten an dem Sarge Maurogönatos, alle Journale wett-! eiferten tuiteinattder, dett Staats- und Finanzmann zu preiset;, seine Uneigennützigkeit, feinen leuchtenden Charakter, seine patriotische Hingebung an seit; italienisches Vaterlattd, seine Bescheidettheit und seine Hmnanität zu rühmen. In Rom, wo noch vor eitlem Vierteljahrhnndert der Jude den kautn glaublichett Attsnahmsgesetzen ttuterworfen war, wurde das ^lndenken MaurogOnakos gefeiert. Voran ginget! der.König Humbert und die 5königin Magherita, indettt sie der Familie des Verstorbenen ihr Beileid ausdrückten. 5könig Humbert hat einen Juden zum Finauzminister, dessen Tochter er am Tage ihrer Vermählung reichlich > beschettkte, nnb beweist den Töchtern Maurogünatos sein königliches Bei! leid. Wahrlich ein Ereignis;, daß ttmtt vor einem Vierteljahrhnndert kaum für möglich gehalten häkle! Dem königlichen Beispiele folgen nicht blos die italienischen Minister, Senatoren tttib Deputirte, sondern auch die Stadt Rout, das Oberhaupt des römischen Muuieipiums. 'Au; kürzesten uttd prägnantesten charakterisirte unfern Tvdten die in Mailand erscheinetlde La Perseveranza, indem sie schrieb, die Grabschrift des berühmten Greises, der uns verläßt, könne lautet;: „Ruhe in Frieden! Tu hast Dich wohl verdient gemacht um das Vaterlattd und die Menschheit". Dieser so allgemein verehrte Staatsmann war ein treuer und begeisterter Bekenner des Judenthums. 'An; Versöhnuugstage war er einer der Ersten im Gotteshanse und unterstützte den Vorbeter beint .Xmlaliebet. Unlilmiti.;; Lodz, 8. Mai. Attt 5. d. M. ist es in unserer Stadl anläßlich : der Arbeitsniederlegung in sämmtlichen Fabriken auch zu bedauerliche;;! 'Aus schreitun get; g egen die Inden gekommen, Nachdem am Tage bereits mehrere Fabriket; demvlirt worden waren, zogen ntit Einbruch der Dunkelheit etwa 20,000 Arbeiter in die 'Altstadt, welche fast aus-; schließlich von Juden bewohnt ist, und versuchten, verschiedene Läden zu plündern. In dem Laden eines jüdischen Schlächters, welcher sich zur : Wehr setzte und einen christlichen Arbeiter erstach, etttspant; sich eine blutige Schlägerei, welche auf der Straße ihre Fortsetzung fand: die , Juden setzten sich tapfer zur Wehr und vertheidigten ihr Eigenthum, i indem sie die Häuser verrannnelten uttd die Angreifer aus den Fenstern! mit Steinen bewarfen ttnd mit Revolvern bedrohten. Die Tumultuanten rissen das Straßenpflnster auf und begannen die Häuser durch Steinwürfe z;r detnoliren. Unbegreiflicher Weise erschien kein Militär, welches das Leben und Eigenthum der jüdischen Einwohner hätte schützen können. Drei jüdische Einwohner verlöret; bei diese.; wüstet; Szenen ihr Leben,