Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 bei dem ftefte in der „Gesellschaft der Freunde" im vorigen Winter einen sehr wannen, launigen Toast ausgebracht. Berlin, 9. Mai. Auknüpfend an unsere vor einigen Wochen an dieser Stelle gebrachte Mittheilung, das; der Kriegerverein zu Labes einen jüdischen Kameraden, der wegen U:nzuges die Stadt verlassen mußte, zun: Ehrenmitgliede ernannte, wollen wir heute eine interessante Thatsache hinzufügen. Ter in Berlin bestehende „Un i formirte Krieger-Verein ehemaliger Waffen geführten" hat bereits vor mehreren Jahren den Bäckermeister M. Jacob daselbst zum Lieutenant und Ehren- Major erwählt, was um so beachtenswerther, da derartige Ernennungen, weil das Offizierkorps berechtigt ist, die der preußischen ähnliche Uniform zu tragen, vorn Kriegsministerium unt> vom Polizeipräsidenten bestätigt werden muß. Daß der erwähnte jüdische Ehreu-Major bei den Kameraden sehr beliebt ist, davon legt ganz besonders alljährlich sein Geburtstag Zeugnis; ab. 'Auch in diesem Jahre am 8. Mai erschien bei ihm eine Deputation, bestehend aus dein Hauptmaun, einen: Lieutenant, einem Feldwebel und dem Dirigenten der Musikkapelle des uttiformirten Kriegervereins, welche dem Kameraden und Ehremnajor einen kostbaren .Kranz, dessen schwere, in deutschen Farben gehalterte Schleife eine sinnige und herzliche Widnulngsschrift enthielt, überreichten. Es ist gewiß erfreulich, hieraus zu ersehen, daß trotzdem und alledem die Intoleranz nod) nicht alle Bande karneradschaftlichen Geistes zerreißen konnte. Berlin, 10. Mai. In der „Boss. Ztg." berichtet eine Leserin: „In der Lützowstraße 44 befindet sich ein Dicnstbotenstift „Charlottenheim", das sich mit Vermiethen von Gesinde befaßt. Als ich jüngst einer Kinderfrau benöthigte, wandte ich niich an diese Anstalt und wurde von der Vorsteherin, einer älteren Tarne, empfangen. Dieselbe gab mir u. A. ein Tienstlntch zum Einblick, dessen Zeugnisse mir im 'Allgemeinen zusagten. Ta aber ein Zengniß fehlte, fragte ich die inzwischen herbeigerufene Kinderfrau nach deru Grunde dieser Unterlassurrg und erhielt die 'Antwort: „Ach, das war urrr eine jüdische Herrschaft!" Ich erwiederte, daß ich gleichfalls Jüdirr sei urrd gab der Kinderfrau ihr Buch zurück. Dieselbe wollte nun eintenten und verbesserte sich: „'Ach Gott, inan ninnnt's ja, wie man's findet", aber die Vorsteherirr fiel ihr in die Rede mit der Bemerkurrg: „ Wir v er m i e t h e rr :: u r a n ch r i stliche Herrschaften." Dieses selbe „Eharlottenheim" verschmäht cs gleichwohl nicht, bei „jüdischen Herrschaften" um milde Gaben zu betteln. * Berlin, In. Mai. 'Aach der ,,'A. R.-C." beschränken sich die Beschlüsse der konservativen Fraktion auf Folgendes: Die 'Absicht, die Judenfrage in das Programm aufzunehmen, wird voraussichtlich nur insofern zur'Ausführung kommen, als in dem Programm diejenigen Uebelftände scharf bekämpft werden sollen, als deren Urheber und Begünstiger man das Judenthum bezeichnet, als: Börsenwesen, Güterschlüchterei, I Wucher re. Ta ferner anzunehmen ist, daß Gesetze, welche sich direkt gegen die Juden wenden, bei der Zusammensetzung des Reichstages bei allen Parteien, mit 'Ausnahme der konservativen und Eeutrumspartei, keine 'Aufsicht ans 'Annahme haben, so soll in dem konservativen Programm empfohlen werden, mehr als bisher vor: der Möglichkeit Gebrauch zu machen, auf dem Verwaltungswege, ohne Erlaß besonderer Gesetze, ungeeignete Elemente von verschiedenen Kreisen des öffentlichen Lebens fern zu halte::. Es soll dabei hingewiesen werden auf die Praxis, welche sich bei der Armee und Landesverwaltung ausgebildet hat. Vorausgesetzt, daß sich die Darstellung bestätigt, wäre bei der Revision des konservativen Programms so gut wie nichts herausgekommen. Börseuwefeu, Güterschlächterei, Wucher re. bekämpfen alle Parteien ohne Ausnahme; es würde sich wunderlich ausnehmen, wollte eine Partei damit in ihrem Programm besonders viel 'Aufhebens machen. Daß man auf dem Verwaltungswege versteckten 'Antisemitismus treiben will, entspricht allerdings den Ueberlieseruugen der konservativen Partei besser, als die neuerdings zur Schau getragene Unabhängigkeit, aber eine Verpflichtung zum Hiutertreppen-'Antisemitislnus wird sich a::ch nur schlecht in das Programm einfügen lassen. * Berlin, ln. Mai. 'Aachden: .Zeitungen und Personen, je nach dem Maße ihres 'Anstandsgefühles ur.i> ihrer Wahrheitsliebe, sich gegen und für die Ahl wardtschen Lügen über die Löwesche Gewehrfabrik ereifert hatten, bringt numnehr der „Reichsauzeiger" die folgende Erklärung: „Zu den in der'Ahlwardtschen Broschüre „Neue Enthüllung:': Judenflinlen" enthaltenen 'Angaben, welche geeignet sind, ganz falsch. Vorstellungen über die Beschaffenheit eines großen Theils unserer In fanteriebewaffnung zu erzeuge::, und zu den über diese Broschüre ii: mehreren Zeitungen stattgehabten Besprechungen wird Nachstehendes ver öffentlicht: 1. Die Kommanditgesellschaft auf Aktien (Ludwig Löwe. Berlin» war kontraktlich verpflichtet, das Material zu dem Haupttheü des Gewehrs — dem Lauf — von der königlichen Gewehrfabrik Spandar in Fora: von Laufstäben zu beziehen. Die der Firma gelieferten Laus stäbe sind identisch mit den seitens der drei königlichen Gewehrfabriker verarbeiteten. Da von der Beschaffenheit des Laufmaterials wesentlich die Kriegsbrauchbarkeit der Waffe abhängt, so liegt in dem vorerwähnte: Ulnstande eine Sicherheit für die Leistungslüchtigkeit der Löweschen Ge wehre; auch haben sich bis jetzt nach etwa 1 ( 2 jährigem truppenmäßige: Gebrauch dieser Waffen besondere Mängel nicht bemerkbar gen:achl. Während der ganzen Dauer der Fabrikation dieser Gewehre habe: ferner Kontrolbeschüsse seitens der Gewehr-Prüsuugs-Kommission ftal 1 gesunden, und haben sich bei diesen Beschüssen keinerlei Anstände ergeben 2. Die Firma Löwe war durch Kontrakt verpflichtet, bis ult. Januar 189j die letzten Waffen der ihr übertragenen Lieferung von 425,000 Gewehre, abzugeben, nicht wie in der Broschüre gesagt ist, an: 1. Januar 189^, Mitte Januar d. I. sind die letzten Gewehre der genannten Fabrik ab genommen worden. 0. Der Firm: Löwe ist nicht ein. Gewehrpreis von j 58 Mk. gezahlt worden, wie die Broschüre behauptet, sondern ein erheb! lieh niedrigerer. Unter Zugrundelegung des Gewehrpreises in den köuig z liehen Fabriken kann die Firma Löwe etwa 2 bis 4 Mark au jeden . Gewehr verdient haben, nicht 80 Mk., wie der Verfasser der Brosch:::; behauptet. 4. Gegen die Angeschuldigten, soweit sie der Militairgerichtc ' barkeit umerstellt sind, ist gerichtliche Untersuchung eingeleilet. 5. Tein! Staatsanwalt ist von der Sache Mittheilung zugegangen mit den: 'An heimgeben, seinerseits die erforderlichen Schritte zu thun." Anßerdc:; hat die Aktiengesellschaft Ludwig Löwe u. Cie. gegen 'Ahl:vardt den! Strafantrag eingereicht. Bei der Moral der 'Antisemiten ist zu ci i warten, daß dieselben Herrn Ahlwardt bei nächster Gelegenheit zm. Kandidaten für den Reichstag aufstellen werben Berlin, 0 Mai. Ter Vorstand des konservativ-antisemitischen Bürgervereins „Blücher" halte sich dazu hergegeben, in einer Petitiw die Lügen, die Herr Ahlwardt über die Zusaunnensetzung dn städtischen Schuldeputation verbreitet hat, zu sruktisiziren und in eine,! Eingabe an den Magistrat und die Stadtverordneten zu verlangen, tun. i da Herr Ahlwardt behauptet, daß d e zur Leitung des städtischen Schn!! wesens berufene Deputation unter 24 Mitgliedern nur 18 Christen zäh! daß ihr Vorsitzender Atheist sei u s. w., die nächsten Gelegenheit wahrgeuonnuen werden, „um in die Schuldeputation christlich denkend Männer hineiuznwählen und ihnen wenigstens die Majorität zu ve: schaffen, den Vorsitzenden der Deputation aber zur Niederlegnng sein. 'Amtes zu veranlassen." — Ter Petitionsansschuß hat den 'Aothhelfe:; Ahlwardts gründlich heimgelenchtct und konstatirt, daß die Petition t Thatsache:: entstelle. Die Schnldeputation besteht zur Zeit mit t'o. 7 Lchulinspektoren aus 80 Mitgliedern, welche bis auf drei insgesamt-, einen: der beiden christlichen Bekenntnisse angehören. Unter letzteren b findet sich nur ein den gesetzlichen Vorschriften gemäß von der 2tab: verordneten-Versammlung gewählter Bürger-Dcputirter und ein StcM rath jüdischen Glaubens, auf dessen 'Abordnung die Versammlung kein, Einwirkung hat, sowie ein Dissident. Daß der Vorsitzende (Geh. 94. gierungsrath Stadtrath Schreiner!) aber kein 'Atheist ist, glaubte b.. Ausschuß kaum erwähnen zu sollen. Er einpsiehlt, da sie unwahre une ungehörige Behauptungen enthält, einfach zur Tagesordnung über;: gehen. TT BreSlau, 8. Mai. Ter Verein israelitischer Lehrer in Schlew u::d Posen hält seine vierzehnte ordentliche General-Versannnlung an' Sonntag den 5. Juni und Montag den 0. Juni J892 in Breslau nkleinen Saale der neuen Börse « Graupenstafte I I ) ab. 'Auf der Tage: ordnuug stehen n 'A.: Diskussion über: Tie Nothwendigkeit der j:4 Fortbildungsschulen. - - Vortrag des Herrn T i n tner-Bunzlau: Ein Bl:ck in das Erziehungswesen der älteren .Kulturvölker. — Vortrag des Hern'. Tr. L. Neustadt-Breslau: lieber Jugendgottesdienst. 'Am (>. Jmu hält außerdem die Unterstütz::ngskasse dieses Lehrervereins ihre or deutliche Generatversannnlung ab.