Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Lerlin, 13. Mai 1892. .6. rchrgan,. «Ir. 20. tlttff ttfrtfllOttf* Weikcrge zur „Akkgernernen Zeitung des ZuöenLbums". Korrespondenzen und Machrichten. Deutschlau-. Berlill, 8. Mai. Unter dem Vorsitz des Herrn Justizrath Bl ao iu e r fand heute Vormittag eine Sitzung der 'Repräsentanten statt. ' s wurden die Berichte verschiedener .Kommissionen entgegeugenommen hd von der Versammlung gemäß den 'Ausführungen des Referenten mehmigt. Für weitere Kreise von Interesse dürfte der Bericht des errn Geh. Sanitätsrath Mareuse sein, welcher in seiner Eigenlast als Präses der im Januar gewühlten Kommission für das wische Krankenhaus über die Thätigkeit dieser Kommission der Ver- 'nunlung Rechenschaft ablegte. Leider waren die Darlegungen sowohl icies Referenten wie auch der übrigen Herren ans der Galerie nur lver verständlich, doch ging aus denselben hervor, daß der Referent ''ii geplanten Ergänzungsbau des Krankenhauses empfahl. Tie Veruunilung beschloß demgemäß, von dem zum Grundstück Dranienkurger- >aße ol gehörenden und der Gemeinde eigenthümtichen Terrain 70 madratmeter dem Krankenhattse zu überlassen. Des Weiteren schloß; sich auch darin den Ausführungen des Herrn Geheimrath M'arcuse l, daß die Marimalzahl der Betten, sowie der Tarif vom Vorstand (Gemeinschaft mit dem Direktorium des Krankenhauses bestimmt erden solle, und daß die bisher mit 5, 0 und 10 Mark täglich berechnen Grtrazimmer für 1890/04 mit 0, 8 und 12 Mark in Anschlag zu Tugen wären: bei Nichtangehörigen der hiesigen Gemeinde tritt noch u Zuschlag von 50 Pf. ein. lieber die 2lltersversorgungsmistalten galtet Herr Landsberger den Jahresbericht "Nach demselben uesen die Anstalten eine Mindereinnahme von 5000 Mark, dagegen eine rhöhung der Ausgaben um 7000 Mark auf. Dennoch durste der Regent den Status als einen günstigen bezeichnen, indem das Verntögen t 'Anstalten eine Vermehrung erfahren hat. Mit Entgegennahme des crichtes der Armenkommissiou iReferent Herr Louis Sachs) wird e öffentliche Sitzung geschlossen und folgt eine geheime Sitzung. GD Berlin, 10. Mai Betreffs der in der vorigen Nummer erahnten Verfügung des Kultusministers, welche eine Untersuchung darüber anordnete, ob und in welcher 'Art aus den höheren ahnten für den Religionsunterricht der jüdischen Schüler und Schülerinnen sorgt sei, tragen wir aus den Verhandlungen des deutsch-israelitischen Vmeindetnges unt er allem V orbehalt üder die Veranlassung zu leser Verfügung Folgendes nach: Eine jüdische junge Dame, die als rsieherin bei den Kindern eines sehr angesehenen jüdischen 'Arztes -ngagirt war, nahnr mit Schrecken wahr, daß ihre Zöglinge des Relgionsunterrichts entbehrten. Bei eingezogenen Erkundigungen glaubte e die Bemerkung zu machen, daß nach dieser Richtung überhaupt zu :ocnig geschehe. Dem Drange ihres Herzens folgend, entschloß sie sich — nett an den Kultusminister, damals noch Herrn Gras Zedlitz-Trützschter n schreiben Der Minister informirte sich über die Bittstellerin; er soll dieselbe auch selbst empfangen haben und das Resultat dieser Audienz urfte die vorerwähnte Maßregel sein. Wir wollen diese Gelegenheit, T welcher der deutsch-israelitische GemeindAag wieder erwähnt wird, rcht vorübergehen lassen, ohne die „Vossische Zeitung" an eine längst n Aussicht gestellte Erörterung zu mahnen. Sowohl der gedruckte Beütn des 2lusschuß-Vorsitzenden, als die Rede des Berichterstatters über Te Thätigkeit der Gemeinde-Unterstützungskommissioll nahnr Bezug ans >e Worte des Kaisers Wilhelm I.: „dem Volke muß die Religion ermatten bleiben". Auch wurde irr der gedachten Rede mit Anerkennung ervorgehoben, daß der Minister von Goßler iu seinem Vvlksschnlgesetz- 'ntwurs öffentliche Mittel für den jüdischen Religionsuntcrricht zur Ber- 'Ugung gestellt habe, obgleich noch wenige Monate vorher sein Kommissar ei einer Petitionsberathnng erklärt ha^< die jüdische Religion sei in Trennen nur eine konzesssionirt-gedntdete, und es sei daher unzulässig. für dieselbe Staatsmittel zu verwenden. 'Auch nach denn Zedlitzffchen Entwurf — der übrigens am Tage der Rede, dem 27. März, bekanntlich schon zrrr ewigen Ruhe bestattet war — solle der Unterricht iu der jüdischen Religion, die in den Motiven als eine „anerkannte" ausdrücklich bezeichnet war, auf öffentliche Kosten ertheilt werden. Ten Lesern unserer Zeitung sind diese Thatsachen keine neuen, da auch nur dieselben j seiner Zeit Hervorgeboben haben. Wir wiederholen auch gern, wie wohtj thuend es uns berührt, in der Aera des Antisemitisnms zwei aufeinander^! folgende preußische Kultusminister, beide von unzweifelhaft konservativer 1 Farbe, bemüht zu sehen, der jüdischen Religion gerecht zu werden. Der - gedachte Redner hatte ausdrücklich hervorgehoben, daß, da die Statuten l des deutsch-israelitischen Gemeindebundes politische Erörterungen ver! bieteil, er die Materie lediglich vom Standpunkt des Berwaltungs dezernenten aus behandeln könne. Den Wunsch, daß der Zedtitz'sche! Entwurf wieder auslebeu ruöge, oder auch nur ein Bedauern über das j Scheitern desselben haben wir aus jener Rede nicht heraushören können.! Eine anderweite Erwähnung des Volksschulgesetzes fand in der ganzeil i Verhandlung nicht statt. Trotzdem brachte am 20. März die „Vossische! Zeitung" einen scharfen Artikel, worin sie von „unduldsamem und! glanbenseifrigem Pfaffenthum" sprach, die Mitglieder des Gemeindetages I mit Wunderrabbis und spanischen Inquisitoren aus eine Linie stellte und! diejenigen, die gesagt hatten: „die Religion muß t>cm Volke erhalten j werden" als Eiferer bezeichnete. Am nächster: Tage sah sich allerdings die „Vossische Zeitung" veranlaßt, eine Entgegnung des Herrn : Dr. Hirsch Hildesheimer zu bringen. Sie bemerkte dazu - am No. März! —„wir werden Gelegenheit haben, auf die Streitfrage zurückzukommen."! Es sind inzwischen 5 Wochen verstrichen, ohne daß die „Vossische Zeitung" auf die Streitfrage, nämlich die Debatte des Gemeindetages über den obligatorischen Religionsunterricht, zurückgekommen ist, deren Resultat sie übrigens falsch aufgefaßt hatte. Die ..Vossische Zeitung" müßte doch wissen, daß sie mü ihren 'Artikeln nicht der Drthodorie Abbruch that, sondern dem deutschTsraelitischeu Genieiudebund, von dein ne selbst behauptet, daß er eine Schöpfung des liberalen Judenthums sei ■ und dessen Leiter sie ermahnt, iu der bisherigen Richtung fortzufahreu. * Berlin, 1". Mai. Sanitätsrath Dr. Eduard Mühsam ist am Sonntag hier verstorben. Er hat nahezu dreißig Jahre taug in Berlin die ärztliche Thätigkeit ansgeübt. Er kam am Ende der fünfziger Jahre; nach Berlin, in der 'Absicht, hier Philosophie zu studiren. 'Nach kurzer I Frist aber ging er zur Heilkunde über. 1802 erwarb er hier mit einer : 'Abhandlung über die Wirkung der Schwefelsäure ans den Organismus,; insbesondere ans die 'liieren, den medizinischen Doktorgrad. Nachdem er; sodann die ärztliche Staatsprüfung abgelegt hatte, ließ er sich in Berlin! als Arzt nieder. Am Ende der sechziger Jahre war er eine Zeit lang i Hilfsarzt an der medizinischen Poliklinik der Universität, damals unter i Professor Josef Mayer. Dr. Mühsam ist nur 51 Jahre alt geworden. Berlin, lo. Mai. Der jüngst verstorbene berühmte Ehemiker : A. W. v. H offmann war ein entschiedener Gegner des Antisemitismus. : Als solcher zeigte er sich namentlich während seines Rektoratsjahres! >87)180, wo die Juden hetze ihre üppigsten Bliithen zu treiben begann, l Während er auf der einen Seite den Statuten des „Vereins deutscher i Studenten" wegen seiner bildnngsfeindlichen, an das finstere Mittelalter! erinnernden Tendenz seine Genehmigung versagte, suchte er, nachdem be! sagter Verein doch durch einen Appell an den damaligen Kultusminister j Herrn v. Puttkamer das Licht der Welt erblickt halte, auf jede Weise z die Entstehung eines Gegenvereins zu fördern und übernahm das Protektorat über die iu diesem Sinne gegründete „Freie wissenschaftliche Bereinigung". Für seine humane Gesinnung zeugt ja auch die Thatsache, daß er gelegentlich der Goldenen Hochzeit der Eltern seines jüdischen Assistenten, dieselben, arme Schneidersleute, in ihrer vier Treppen hoch gelegenen Wohnung iu der Linienstraße persönlich beglückwünschte. H. war ein persönlicher Freund unseres Professor Lewandowski und hat