Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- Seite 240 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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240 inanen über sie seinen Stab gebrochen: „Hier möchte ich ein weit verbreitetes, aber nichtiges Gerede über die Juden widerlegen, damit wir Christen nicht lächerlich werden. Man sagt gemeinhin unter den Christen, das; die Juden Christcnblnt nöthig hätten und deswegen kleine Christenkinder tödteten. Theure Christen! Glaubt das nicht! Cs widerspricht der Heiligen Schrift und dem Gesetze der Natur und Vernunft. Daher muß ich in dieser Angelegenheit die Juden nertheidigen, nur mit einer Einschränkung. Es ist glaublich, daß Juden gesunden sind und vielleicht noch gefunden werden können, welche Christenkinder heimlich bis auf den Tod verfolgen, jedoch nicht wegen einer Nothweudigkeit, ihr Blut zu haben, sondern aus Haß und um sich an den Christen zu rächen, wie sie einst, da sie mehr Macht als letzt hatten, Christum, die Apostel und seine Schüler und Gläubigen öffentlich verfolgt haben. Seid daher nicht in Unruhe! Fliehet und vermeidet also die lächerliche, falsche, und wenn ihr es genau betrachten wollt, uns Christen nicht wenig zur Verachtung gereichende Rede. Bleibt bei der Wahrheit, indem ihr solchen Wahn fallen laßt, o Christen! Wir wollen nicht etwas erdichten, was falsch ist und uns keine Ehre macht!" Mein Reisegenosse blieb mir die Antwort auf meine Auseinandersetzung schuldig. Possirlich war es jedoch, wie der hochwiirdige Herr, welcher zuerst als Schleppträger Stöckers aufgetreten war, sich plötzlich von dem schönen Worte der Sophokleischen'Antigone: „Nicht mitznhassen, mitzulieben bin ich da", durchdrungen zeigte. Salbungsvoll gab er mir zu bedenken: „Seien Sie überzeugt, daß mir au Ihrem Heile und an dem Ihrer Glaubensgenossen viel gelegen ist. Ich betrachte die Juden als irregeleitete Brüder und bedauere von ganzer Seele, daß sie Augen haben und nicht sehen. Tagtäglich sende ich heiße Gebete zum Allerbarmer, daß er sie erleuchte. Folgen Sie daher meinem aus dem Grunde meines Herzens kommenden Rothe. Cntschlageu Sie sich aller Reflerioneu, lesen Sie andächtig die Passionsgeschichte unseres Herrn Jesu Christi, werfen Sie sich inbrünstig vor dem Bilde des Gekreuzigten nieder, und der heilige Geist wird auf Sie herniederschweben und in Ihrem Busen das Feuer der Verzückung entzünden. Ter Herr wird sich freuen, wenn der verlorene Sohn in den Schoos; des Vaterhauses zurückkehren wird." „Salzburg," rief der Schaffner und öffnete die Eiseubahnkoupees, als diese ekstatischen Worte verklungen waren. Ich war ihm sehr dankbar, denn er überhob mich einer entschiedenen Abfertigung des Proselytenmachers. U Fittrrarische Mittheilimgim. Nahida Remu: Das Gebet in Bibel und Talmud. Berlin IEmil Apolaiit. Tie beiden Borträge, die die geschätzte SchriftsleUerin jüngst im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" mit so großem Beifall gehalten, sind nunmehr in eleganter Ans gaumig im Druck erschienen. Eine überraschende und erfreuliche Mittheilung, die der Verleger im Vorwort macht, ist die, daß Frau Remy ein großes, dreibändiges Werk: „Tie jüdische Volksseele" vorbereite, dessen erster Theil schon im Herbst erscheinen soll. Diesem ersten Bande sind auch die beiden Vorträge über das Gebet in der Bibel und Talmud entnommen- Darf man von diesem 'Abschnitt ans das ganze Werk schließen, so haben mx eine in jedem Betracht wichtige Publikation zu erwarten. Seit vielen Jahren beschäftigt sich die Verfasserin mit eingehenden Studien über Juden und Judenthum: sie hat alle zugänglichen Duellen fleißig stndirt, sie kennt das Leben, die Geschichte und die Litteratur der Inden — und was über 'Allem ist: sie hat eine innige Liebe zum Judenthnm, eine große Achtung vor seinem geistigen Schaffen. So ist diese christliche Frau in ihrer 'Art in der That eine einzigartige Erscheinung, der wir unsere aufrichtige Bewunderung nicht versagen können. Es kommt dazu, daß Nahida Remv eine nicht gewöhnliche schriftstellerische Begabung besitzt, von der sie schon in 'Aovellen, Romanen und Dramen vollgiltiges , Zeugniß abgelegt hat. Alle diese Eigenschaften und Fähigkeiteil hat s> 1 auch in der Arbeit über das schwierige Thema des Gebets glänzen - bewährt. Sie zeigt uns, wie die Bibel das Gebet auffaßt, wie sie fn > damit in Gegensatz stellt zu der 'Auffassung anderer Religionen; sie sühn uns in die Hallen des Talmud ein, von dem sie in kurzen Zügen eii - sehr hübsche Charakteristik giebt, und mit großem Geschick greift sie ander Fülle vor: Sentenzen und Aussprüchen die wichtigsten und schönste.! heraus, die die Allschauungen der Rabbinen über den Werth und d Bedeutung des Gebets wirksam illustriren. So ist ihre Arbeit nicht nu interessant und lesenswerth, sondern auch werthvoll und wichtig für d Erkenntnis des Geisteslebens lmd der Weltanschamnlg jener vielgeschmäht) talmudischen Periode. Wir empfehlen die genußreiche Lektüre all) : Männern und Frauen, die sich über diesen Gegenstand unterrichte wollen, auf das Wärmste! K. 9 Miscellrn. * Die A fgHauer. Seitdem der Emir von Afghanistan sieh für de: Freund Englands erklärt hatte, erlangte die Frage über die Afghanen r London neues Interesse, wie man ans folgender Betrachtung de „Jewish World" ersehen wird. Sind die AfgHauer jüdischen Ui sprungs? Diese ziemlich triviale Frage ist kürzlich von Hen Dr. H. W. Bellew, den: früheren Militärarzt des bengalischen Heere i auf ganz neuer Basis erörtert worden. Dr. Bellew glaubt, daß d ■ afghanische Legende, welche behauptet, daß dieses Volk von den Israelit stannne, in der That etwas Wahres enthalte. Man wird sich erinner; daß diese Legende die Abkunft der Afghaner auf Saul — oder wie s : ihn nennen, Sarni, den König Israels — zurückführt. Die Sage b richtet, daß, obgleich Saul und seine io Söhne in der Schlacht siele zwei verschiedene '.Wütter nach seinem Tode zwei Söhnen am selben Ta... das Leben gaben. Einer von diesen hatte einen Nachkommen, 'Afghau genannt, welcher in Salomons Heer General war und den Tempel üb. wachte. Er selbst hatte 40 Söhne und sein Bruder 18, während ib Nachkommenschaft in 'Anzahl die irgend eines anderen Stammes d> Hauses Israel übertraf. — Als Nebukadnezar Jerusalem angriff in zerstörte, verwies er die Nachkommenschaft Afghanas in das entfern Land Ghor — wörtlich übersetzt die Berge — und nach Kohi Firoza wo sie sich niederließen und mit der Zeit ihre Herrschaft bis über c benachbarten Stämme ausdehnten. Das wäre der afghanischen Legen. gemäß der Ursprung der Afghaner. Nun kann unstreitig bewiest werden, daß diese Geschichte unwahr in, denn vor dem Uebertritt d sogenannten 'Afghaner zum Mohamedanismus durch Mohamed v> . Ghuzni, war das Land von einer wirklich indianischen Bevölkerung 1 wohnt, die zum größten Theil dem buddhistischen Glauben angehör).. Nichtsdestoweniger glaubt Tr. Bellew, daß ein Kern von Wahrheil - . der Legende enthalten sei, und in sofern sie die Urahnen der Afgham: . als Juden bezeichnet, mag sie auch Recht haben. Dr. Bellew basst: : diese Idee auf die Thatsache, daß mit dem Uebertritt der sogenannt. 'Afghaner zum Mohammedanismus die damals herrschende Jndiam Rasse verschwand und ein Gemisch vieler Nassen ihre Stelle unter d > Herrschaft eines Volkes einnahm, das deutlich semitische Züge zeig: I Was sich möglicherweise ereignete, war Folgendes: Dadurch, daß o : Juden häufig als Sklaven in fremde Länder verschleppt wurden, nah:.: ihre Verbreitung einen immer größeren Umsang an und endete mit d.! Auswanderung isolirter Familien oder kleiner Gemeinden nach Mitte i Asien. Einige ließen sich vielleicht in Afghanistan nieder und blieb! unter den Landbesitzern als Vasallen, Handelsleute oder auch als Sc' daten. Als die Araber das Land überschwemmten, fanden sie die A könnnlinge dieser Juden, welche die Tradition des Monotheismus beit halten hatten, am bereitwilligsten, ihren eigenen Glauben zu verlas' und den ihrigen auzunehmen, welche)! sie als ihren eigenen geläutert-. - betrachten konnten. Hierdurch erhoben sie sich aus der Stellung d! Knechtschaft zu der bewaffneter Proselyten und wurde)! das herrsche)!! Geschlecht unter den benachbarten Stämmen. Diese Anschauung ist se: j sinnreich und könnte durch Analogien unzweifelhafter Authentizität an! der jüdischen Geschichte erhärt^ werden. K. Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Berantwortllch für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.