Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- Seite 239 (sequence 11)
- Language
- German
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239 mnte Ansprache richtete: „Aber sie fiitb doch wohl eine Christin?" was sie zu seinem großen Leidwesen verneinte. Damit war für ihn >er Anlaß git einem lebhaften Gespräche gegeben. Cr lies die abgespielte und abgedroschene Melodie Stöckers gedämpft erklingen und iTbat sich bann meine Meinung über die Möglichkeit einer Verschwel' ging des Jndenthums mit denn Christenthum. Ich arüwortete, daß ne Zilkunftsmusik des weiland Hofpredigers bereits abgewirthschaftet!>abe und fügte hinzu, daß ich mir wohl keine Sehergabe anmaße, üeichwohl aber das Ansgehen des Judenthums in dem Christenthume iiv vollkommen ausgeschlossen erachte, da es nach dem allgewaltigen, heruen Gesetze der Entwickelung und des Fortschritts undenkbar sei, niß das beit ewig-einzigen Gott verkündende Judenthum zu Gunsten?er Dreieinigkeit. „Sie wollen also," brauste der Pastor entriistet ans, „Christus >Ile Bedeutung absprechen und ihn ans das Niveau eines alltäglichen dänischen HerabdrückenV Ruhig und gelassen eutgegnete ich ihm, Maß ich zu einer solchen Folgerung nicht die geringste Veranlassung ge-!-oten und nur erklärt hätte, daß das Judenthum sich nie und nimmer .nit der Dreieinigkeit und dem, was an ihr drum und dran hängt, nsrennden werde. Tie Erhabenheit Christi ist, fuhr ich fort, über jeben Iweifel erhaben, und es ist unbestreitbar, daß er den edelsten, gottegnadetsten Propheten augereiht werden muß, da er den Kern von er ihni überwuchernden Schale losgelöst und im Gegensatz zu der charisaischen Denk- und Anschauungsweise das Judenthum aus seinen iineren ethischen Gehalt, welcher in dem großartigen Satze „Liebe . rineit Nächsten wie dich selbst" gipfelt, zurückgesührt hat. Indem r aber den Glauben an einen Gott predigte, der aus Liebe die Welt -schaffen, der in Gnade dem reuigen Sünder vergebe, bnrd) Liebe l!e Menschen mit einander verbunden habe und mit seinem göttlichen seifte die frommen Herzen der Gläubigen erwärme, indem erlehrte, as Messiasreich, welches er zu gründen berufen sei, sei im Reiche er Geister, und in diesem seien nicht diejenigen die Ersten, die zu!nn Herr, Herr! sagten, sondern diejenigen, welche seinen Geboten er werkthütigen Liebe treulich nachkämen, indem er mit einem dnule den strengen Gottesdienst der Ceremonien und des Buchstabens, ilf welchem die Macht und Herrschaft der Priester und der Buchabengelehrten beruhte, durch eine Verehrung der Gottheit im Geiste wid in der Wahrheit ersetzt wissen wollte, ist er über das Judenthum acht hinausgegangen. Weit entfernt davon, sich zum Stifter einer nuen Religion aufzuwerfen, hat er vielmehr den jüdischen Satzungen wige Dauer wie den Bergen und Meeren zugesprochen. Mein Pastor antwortete: „Sie sind leider in einem schwerem brrthum befangen. Sie sind ein verblendeter Rationalist. Christus m! der wirkliche Sohn Gottes, er konnte nicht von einem irdischen Nenschen erzeugt sein. Er überragt weit die'-Propheten, ersteht unvergleichlich höher als Moses, weil er die höchste Wahrheit verkündet und für die frohe Botschaft der Liebe geblutet hat. Moses hat nur nlehrt, Christus hat seine Lehre mit dem Kreuzestode besiegelt." Christus hat also, fiel ich ein, nachdem er geendet, die Glorie des Lohnes Gottes nicht unwesentlich seinem Martyrium zu danken? Ich 'ächte nun, daß er nicht der Einzige war, welcher für seiner Ueber- M.mgnng gottergeben nnb opferfreudig in den Tod gegangen ist. Die äuqnisition, unseligen Angedenkens, hat, ob auch Papst Pius JX. traurigen Math besaß, den unheimlichen Don Pedro Arbues de 'N'ila, welcher sich in Saragossa den Beinamen eines „aeerrinnis pwsecutor haeresimn" verdiente, als leuchtendes Vorbild christlicher 'Besinnung und That heilig zu sprechen, unzählige Märtyrer auf dem äem Gewissen, welche den Ausruf entlocken: „Bei, eeee agnns qni »bslulit pemilii irmndi." Anio Paleario, der Verfasser des fettmtionellen Büchleins: „Beneficio di Christo rrocifisso", welcher an die Senatoren in Siena geschrieben hatte: „Mit Ruthen gepeitscht, mit dem Strick erdrosselt, am Feuer geröstet werden, das steht uns an, sobald nur wissen, es komme durch solche Marter die Wahrheit ans Licht", wurde gehängt und dann verbrannt. Giordano Bruno, der philosophische Genius Italiens, hat sein Leben auf dem Scheiterhaufen beschlossen, weil er eine heuchlerische Unterwerfung seiner auf der freien Forschung der Neuzeit beruhenden wissenschaftlichen Ueberzeugung unter das Dogma mit edler Wahrheitstreue verschmähte. Petrus Ramus hat seine Angriffe gegen die herrschende aristotelischscholastijche Philosophie und ihre Vertreter mit dem Tode gebüßt Savonarola bestieg den Scheiterhaufen, weil er eine Verbesserung der christlichen Kirche an Haupt und Gliedern und die Wiederherstellung der ursprünglichen Gleichheit unter den Menschen erstrebt hat. Huß und Hieronymus von Prag erlitten dasselbe Schicksal, weil sie die Wielif'sche Deutung der christlichen Lehre, welche von England in die Prager Universität verpflanzt worden war, freudig billigten. Und sind die Opfer der Bartholomäusnacht nicht Märtyrer ihres Bekenntnisses gewesen? Vollends aber ist die Geschichte des jüdischen Volkes seit der Diaspora das erschütterndste Drama der Weltgeschichte. Sie ist eine Kette von ausgesuchten Bedrückungen, von herabwürdigenden und demoralisirenden Quälereien, von Zwang, Verfolgung und massenhaften Abschlachtungen, ein Wechsel von Verbannungen und Zurückrufungen. Es ist, als ob die europäischen Nationen wetteifernd Alles aufgeboten hätten, um den Wahn zu verwirklichen, daß bis an das Ende der Zeiten den Juden das härteste Helotenthmn nach dein Rathschlusse des Himmels bestimmt sei und den Söhnen der Heiden der Beruf obliege, Büttelimb Henkersdienste an Gottes Lieblingsvolk zu verrichten. Man wußte sie nicht zu entbehren, man fand sie vielfach sehr nützlich und wollte sie doch nicht ertragen. Ihr Anblick schon wirkte herausfordernd auf den von keinem Zweifel berührten Gläubigen, welcher das Beharren des im hellen Lichte des Evangeliums wandelnden Juden bei seinem väterlichen Glauben nur als böswillige Verstockung erklären zu können vermeinte: „Doch Herberes prüfte meines Stamms Geduld: Man häufte Lästerung auf ihn, schwere Schuld: Sie schlachten Kinder zu der Osterzeit, Mit SchierlingssaftZiergiften sie die Bronnen, Und Hostienbrode sie mit frevlen Händen Und heilge Christusbilder'michtlieh schänden. Ob solcher Klagen lästerlich krsonnen. Wie Viele wurden da tzeui Tod geweiht! Gesetzlos über uns das' schwere Recht, Der Herre durste sprechen wie der Knecht." Und selbst in unserem aufgeklärten Zeitalter wagte und wagt es noch imnter die rohe mittelalterliche Hybris, welche ein Gemisch I von blindwüthigem Glaubenseifer, gemeitter Habgier und iustittkt- : artiger Rassenabneiguug ist, ihr Haupt zu erheben. Der unstete Wanderer Ahasver kann noch immer nicht zur Ruhe und zum Frieden eingehen. Das Blutmärchen thut noch immer von Zeit zu Zeit bald da. bald dort seine Schtildigkeit und wühlt die blutlechzende Leidenschaft weiter Kreise in erheblichem Grade auf, obgleich weder der Eifer der Kundigen unter den Polemikern christlichen Glaubens, noch der durch den Haß geschärfte Blick derjenigen Konvertiten, welche ihre i Anhänglichkeit an die neue Religion durch fanatische Judenfeindschast! erweisen wollten, aus der an Umfang geradezu ungeheueren und auf alle Einzelheiten des gottesdienstlichen wie des häuslichen Lebens genau eingehenden halachischen Litteratur irgend etwas anzuführen; vermocht hat, was im Mindesten zur Bestätigung der Blutbeschuldigung I dienen könnte. Hat doch sogar der durch seinen Streit mit Reuchlin : bekannt gewordene Talmud- und Judenfeind Johannes Pfefferkorn ' in dem „Speeuliim adhortationi.s Judaieae ad Christum" folgender-