Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- Seite 238 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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288 „Ihr meint/' sagte der alte Niederhuber lächelnd, „es ist schad, daß meine Marie kein Judenmädchen ist? ich Hab ebenso oft genug bedauert, daß Euer Jossef nicht als Christ geboren worden ist." „lassen wir Jeden bleiben, was er ist," sagte Jittesch, und wollen wir es nicht ändern! Mott hat es einmal so gemacht, und er weiß am besten, was er thnt!" Marie inachte sich reisefertig nnd nach einer kurzem Stunde befanden sich die beiden Fromm auf der Fahrt nach der Landeshauptstadt. Tie alte Jittesch und die schöne Marie saßen im Wagen neben einander und hattet! aus der Reise durch die Gespräche, die sie miteinander führten, genugsam Gelegenheit, sich gegenseitig kennen zu lernen. Und dies Gute hatte das Zusammensein der zwei Frauen jedenfalls, daß die Scheidewand, welche zwischen ihnen aufgerichtet stand, und welche aufrecht zu erhalten das einzige Ziel ihrer Reife war, von beiden Seiten mit Bedauern, ja mit Herzeleid angesehen wurde; denn mit einer solchen Schwiegertochter wie Marie, wäre sie eine Jüdin gewesen, hätte sich die alte Jittesch schon zufrieden gegeben; nnd auch gegen eine Schwiegermutter wie diese würde Marie nichts einzuwenden gefunden haben, wäre sie nicht gekommen, ihr den Geliebten ihrer Seele zu entreißen. Sie kamen nach Brünn; das Haus, wo Jossef sich befinden mußte, war bald gefunden; sie begehrten Einlaß und traten ein -. zu spät; denn derjenige, den sie suchten, befand sich in der Kirche, wo eben der Akt der Taufe begangen wurde! Die Mutter fiel in Ohnmacht, da sie die Rachricht vernahm. Marie und die Wirthschafterin des Geistlichen, welche die Auskunft ertheilt hatte, bemühten sich, die Ohnmächtige zu laben und ins Bewußtsein zurückzurufen. Nachdem die Frau sich erholt hatte, stand sie auf und sprach: „Es ist Alles gut! Gott hat es nicht anders gewollt. Es ist jetzt nicht mehr mein Sohn, ich habe kein Recht mehr an ihn. Er gehört jetzt Dir, ich kann ihn Dir nicht mehr nehmen. Ich aber kann ihn nicht Wiedersehen. Ich muß fort von hier, weg, weit weg von hier." Die alte Frau verließ die Stube, das Haus; sie ging hinaus auf die Krona und suchte die jüdische Garküche. Sie fand sie nach einigen! Suchen, ließ sich hier ein Zimmer auweiseu, wo sie den Sabbath über bleiben konnte. Sie verlebte den bittersten Tag ihres Lebens in der Fremde in trauriger Einsamkeit, und als der Sabbath vorübergegangen war, fuhr sie heim zu ihrem Gatten und ihrer Tochter. „Tu bist jetzt mein einziges Kind, Fintel-Leben," sagte sie, „wir haben unseren Jossef verloren. Es ist so gut, als wenn er gestorben wür." Bater und Tochter verstanden gar wohl, was das bedeuten solle, und setzten sich mit der Mutter auf die Erde, tun den Sohn und Bruder wie einen Abgeschiedenen acht Tage lang zu betrauern. Jossef aber war Christ geworden und fuhr mit seiner Marie, die ihm Niemand mehr streitig machen konnte, hinaus in das Dorf zu ihrem Bater, in seine neue Heimath. Lust und Fremde herrschte im Hause des alten Niederhuber. Ein doppeltes Fest war int Anzuge, die fröhliche Weihnacht kam heran und mit ihr die bevorstehende Verlobung von Josef und Marie. Biel hatte sich geändert in den acht Wochen, die seit den geschilderten Borgängen verstrichen sind. Tie Natur hatte ein ganz anderes Aussehen und auch die Stimmung der Leute auf dem Dorfe war. eine andere geworden. Zuerst wehte der Wind über die Stoppelfelder, das war die Zeit der Herbststürme. Das war auch die Zeit der Stürme in den Herzen Josefs und Mariens. Dann siel das welke Laub von den Bäumen und die Beste und Zweige wurden kahl und leer. So siel auch zur selben Zeit ein Zweig von seinem Stamme, ein Sohn von dem Hause seiner Eltern, ein Mitglied der Gemeinde von dem Glauben seiner Väter ab. Es fingen an sich die Winterfröste einzustellen und das Leben der Natur begann zu erstarren. So erstarrte auch die Liebe eines Sohnes zu seinen Eltern, und das Herz der Eltern und der Schwester verhärtete sich gegen den abgefallenen Sohn und Bruder, und schloß sich zu, fest und fester. Dann kam der erste Schnee. Weiße Flocken sielen vom Himmel nieder und die ganze Landschaft bedeckte das weiße Kleid des Winters. Das westte gar manche Bilder in dem Herzen Josefs und Mariens. Auch sie arbeitete an einem weißen Kleide, an ihrem Hochzeitskleide, sie fühlte sich unschuldig und sie durfte sich in das Weiß der Unschuld hüllen. Aber Josef konnte das weiße Brautkleid, das seine Geliebte am Hochzeitstage schmücken sollte nicht ohne Rührung betrachten, denn er gedachte eines weißen Gewandes, in welchen! er seinen Bater an jedem Osterabend sitzen gesehen, es war das Sterbekleid, in bcnt der Bater dereinst wird bestattet werden, und er konnte nicht an seine Hochzeit denken ohne Gedanken an den Tod des von ihm so kies gekränkten Vaters. Es stellten sich auf den Fenstern auch die Eisblumen ein; Blumen, die keine Blumen sind, die keinen Duft haben und die nur die Sehnsucht nach den wirklichen, duftenden Blumen um so stärker wachrufen. Werden die Blumen, die er nun zu pflücken im Begriffe stand, werden es wirkliche Blumen sein? Blumen, duft verbreitend und erquickend mit ihrem Hauche? oder werden sietrüge risch sein und falsch, ohne Tust und sehnsuchterweckend im Herzen gleich den Eisblutnen an dem Fenster? — nein, das Juunergrün der Tanne, des fröhlichen Weihnachtsbaumes, den Brigitte im zweiten Zimmer aufstellte, zur festlichen Begehung des Christabends, es be lebte seine Hoffnung und seine Zuversicht. Josef sollte heute zum ersten Male die Weihnacht feiern, das Christkind lein sollte ihm zum ersten Male eine Bescheerung bringen; er sah es allen Gesichtern seiner Umgebung an, daß ihn! eine Ueberraschnng bereitet werde, und an dem Christbaum sollte er am Abend die Gabe des Christkindein Empfang nehmen; er gab sich den Eindrücken des Augenblicke-' willig hin und sah mit Frohgefühl dem schönen Festabend entgegen. lFortsetzung folgt.» d Mon Zell am See nach Salzburg. Von Tr. Bernhard ünz. Herrlich spiegelte sich die über der „Perle Salzburgs" und bei; sie umsäumendeu Bergen und Gletschern ausgehende Sonne in dein blaugrüuen See, als ich vor einigen Tape» mit meiner besseren Hälft' dem Bahnhöfe zuschritt, um nach der alten Jnvavia zu fahren Natnrtrnnken besetzte ich eine Ecke des Eiscnbahnwaggons, von de; aus mir kein einziges der flüchtig vorübergehenden Wunder der Ge birgsgegend entgehe» konnte, während meine von den mühsame; Hochtouren etwas abgespannte Frau mir gegenüber Platz nahm. Tod der Mensch denkt nnd die — Theologie lenkt. Bevor das Dampr ros; sich in Bewegung setzte, stieg ein behäbiger, wohlgenährter Here mit glattrasirtem Kinn ein, lies; sich an meiner grünen Seite nieder tauschte einige Höflichkeitsphrasen mit uns aus nub stellte sich sodam; als königlich sächsischer Pastor vor, worauf auch wir das Bisir lüfteten Ans seine Frage, ob auch ich Protestant sei, erwiederte ich, das; ich mi-i; zur mosaischen Religio» bekenne, woraus er an meine Frau die seli