Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- Seite 237 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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237 NS. Schicken Sie mir Proben von den theuerslen In* zu den lvohlfeilsten Sorten in Großformat durch die fahrende Post." Vor Februar oder Mürz 1779 wurde mit dem Drucke des Pentateuch wohl nicht begonnen; das erste Buch Moses verließ erst Anfang Mürz 1780 die Presse. U Keimweh. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) Tie Aufregung in der „Gusse" war unbeschreiblich. Jittescheu Reb Wolfs soll so etwas zukommeu! Sie soll uiüsseu um Freitag Abend aus der Gemeinde hinausfahren! Ihr hätt das einer vorher sagen sollen, das; sich ihr Jossef wird taufen lassen! einer jüdischen Mutter soll es begegnen! Sie wird das nicht überleben! Fm ganzen „Menorath-Hamoor" steht keine so merkwürdige Geschichte zu lesen wie die da, die sie selber erleben muß! Wer hätt von Jossef das gedacht! Er ist alleweil ein sein Kind gewesen) Wie man niemals etwas voraus wisse» kann! Stille Wasser sind tief! Gott soll geben, er soll einen plötzlichen Tod sterben, eh es dazu kommt! Die Eltern könnten dabei noch von Glück sagen! Wenigstens möchten sie die Schande nicht erleben, die er ihnen anthnn will! Ta soll man sehen, was Kinder sind! Da kann man sehen, was man sich an Kindern erzieht! Ein schön Gesicht laßt jo einen Jungen Pater und Mutter vergessen! Jittesch soll sich sage» müssen, das; sie über hundert Jahr, wenn sie sich in die Grub hineinlegt, keinen Sohn hintcrläßt, der ihr „Kaddisch" nachsagt! Jossef Ist schon in der Kindheit, in „Cheder" (Schule) ein feiner Jung gewesen, er hat niemals etwas lernen gewollt! Ans das Lernen kommt es nicht an; es giebt andere Jungen, die auch nichts gelernt haben, und bleiben doch, wer sic gewesen sind! Aber Reb Wolf hat ihn zu früh ms Geschäft genommen, und wenn einer beständig fort mit Ochsen mngeht, wird er am End selber ein Ochs! Gott soll hüten, was einein in der Welt alles passiren kann! Man erlebt viel, eh man siebzig Jahr alt wird. So und in ähnlicher Weise flogen die Reden hin und her, inrd machten sich die empörten Gemnther Luft über den ungeratheiren, nflichtvergessenen Sohn. Zn Hanse hatte Fintel statt der Mutter die Sabbathlainpe anzeznndet. Fleisch, Fisch und Wein hatte sie ans den Tisch gesetzt, s war aber kein erquickliches Sabbathmahl; Baker und Tochter saßen nhweigsam bei Tische. Der Gedanke an den entfernten Sohn und Bruder vergällte jeden Bissen, die Sorge um die in die Nacht hinauseilende Mutter und Gattin verbitterte jeden Tropfen des köstlichen "abctrniiks. Die Mutter aber fuhr hinaus ins Dorf, sie fuhr zum alten Aiederhnber und dessen Tochter. Sie mußte mit diesen Leuten sprechen, die ihr den Sohn rauben wollten. „Niederhnber!" begann Jossefs unglückliche Mutter, „ich komme ui Euch mit meinem schweren Herzen! Ihr sollt mir es erleichtern. Ihr seid Vater, und Ihr wißt, was man für ein Kind thnt, das einem ans Herz gewachsen ist. Was wollt Ihr mir anthnn! Niederhnber! Ihr seid ein alter Freund von unserem Hans, und wir kennen uns nicht erst seit gestern oder vorgestern. Ihr wißt, um was ich zu Euch lamm! Ich beschwör Euch, fußfällig bitt ich Euch! Gebt mir meinen ^ohn zurück!" „Gnte Frau!" sagte Meister Niederhnber, „ich habe das voraiisäesehen, wie es kommen wird, und ich kann mir Eure Lage vorstell! Meint aber nicht, das; ich Euch Euren Sohn gebe» kann! Ich Hab; ihn Euch nicht genommen!" „Aber Eure Tochter hat ihn genommen," sagte die Frau. „Ich nicht »nd meine Tochter nicht! Euer Sohn hat freiwillig gehandelt. Keiner von uns hat ihn gezwungen, keiner von uns hat; ihm zngeredet. Er selber hat den Entschluß gefaßt. Bon uns könnt I Ihr den Sohn nicht fordern, wenn er selber nicht sich Elich zurückgiebt." j „Er selber? wo ist er? zeigt ihn mir! nur ein Wort laßt mich l mit ihm reden! nur einen Blick laßt mich ans ihn werfen, und er! wird sich mir znrückgeben, wenn Ihr ihn mir nicht vorenthalten thnt."! „Geht zu ihm, gute Frau! ich will Euch sagen, wo er ist; ich b will Euch genau angeben, kvo Ihr ihn finden könnt! Geht zu ihm, l sprecht zu ihm, ich will es nicht hindern, und wen» er zu Euch znrück-! kehrt, ich wcrd ihm daraus keine» Vorwurf machen!" „Und wird cs auch Eure Tochter nicht?"! „Marie!" rief der alte Niederhnber, indem er statt einer Ant-! wort ans diese Frage die Thür öffnete; „Marie! komm da ein bissel j herein!" i Marie trat in die Stube. j „Da ist die Mutter von Deinem Geliebten," sagte Niederj Huber, „sie verlangt ihren Sohn von Dir zurück. Du siehst, Du j zerstörst das Glück und den Frieden einer Familie, wenn Du ihn! nicht heransgiebst; bedenk, das; Tn meine Tochter bist, und handle, j wie es sein muß."! „Herallsgeben soll ich ihn?" fragte Marie, „Hab ich ihn denn j unter Schloß und Riegel gesetzt?" j „Versteh mich recht!" fuhr der Vater fort," „herausgeben sollst! Du ihn, das heißt: herausreißen! hcrausrcißen aus Deinem Herzen,; da, wo er drinnen sitzt. Entsagen sollst Tn; zeigen sollst Du einer j Mutter, das; die Pflicht Dir höher steht als die Liebe." i „Nichts steht mir höher als die Liebe, und aus meinem Herzen! kann ich ihn nicht herausreißen; er wird ewig darin bleiben, und! kein Anderer wird seine Stelle einnehmen; aber entsagen will ich ihm. Ich will mich nicht dränge» zwischen Mutter und Sohn, und-" „Das mein ich," sagte der alte Niederhnber, „das ist mir genug, mehr brauchst Dn nicht zn reden, jetzt gilt es zn handeln." i Marie schaute den Vater fragend an.! „Dn wirst jetzt zeigen, Marie," sagte der alte Niederhnber, „daß! das, was Du hier gesprochen hast, nicht nur in die leere Lust hinein-; gered ist, daß Dn cs ernsthaft und aufrichtig meinst!" „Aufrichtig, Pater!" sagte Marie. „Gut, ich weiß es, mir brauchst es nicht zn sagen: aber dieser Frau da, der Mutter Deines Geliebten zeig es, das; Dn's meinst, wie Du sprichst! Du lvirst mit ihr nach Brünn fahren und wirst sie selber zu ihrem Sohne führen, und wirst ihm znrcden, daß er mit seiner Mutter heimkehren soll, wie es sich gebührt, und wenn er nicht will, so — —" „Er wird wollen, Vater, er wird cs," sagte Marie, „ich kenne sein Herz, und was es ihm auch koste» wird, er wird das Opfer bringen,! ich steh gut dafür." Jittesch umarmte die Tochter des alten Niederhnber mit Zärl-! lichkcit. „Ja," sagte sie, „er wird es thun! er wird cs thnn, wenn Dn. mein Kind, es ihm befehlen wirst, und Wunder nimmt cs mich nichl, daß er seine Eltern Dir hat opfern wollen. Ach, wenn nur etwa? in der Welt anders war, ich möcht Dich ja gern als meine Tochter annehmen, jch möcht Dich ja gern ihm geben; aber was können wir dafür? Wir haben die Welt nicht gemacht, und wir inüffen sie l nehmen, wie sie ist!"