Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- Seite 236 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Hielten Male die Bedeutung der hebräischen Sprache für dasJudenthum auseinanderzusetzen. Ich will daher hier nur einen Gesichtspunkt hervorheben, welcher bei dieser Art von Erörterungen wieder in Betracht gezogen zu werden Pflegt. j Tr. M. Steinschneider, einer der Nestoren der jüdischen Wissenschaft und den inan mit Recht den Polyhistor des modernen Judenthums nennen könnte, ist bekanntlich der Ansicht, das; man bestrebt j sein müsse, die jüdische Wissenschaft in den Rahmen des reinen i Universitätsstndiums einznfügen, und er ist daher ein prinzipieller i Gegner der Rabbinerseminare wie der verschiedenen, speziell der! Pflege der Wissenschaft des Indenthums gewidmeten Anstalten. In dem crsteren Punkte stimme ich vollkommen mit Dr. Steinschneider > überein. Und ich bin der Ueberzeugung, das; durch die systematische! Ausführung meines Vorschlages ein großer Schritt zur Erreichung des Steinschneider'schen Ideals gemacht werden würde. Die Hörer und Schüler unserer Rabbineranstalten besuchen an unseru Uiuversitüteu nur einige spezielle Vorlesungen; das Hebräische zählt nicht zu denselben, da man ja diese Sprache gründlich an den theologischen Seminarien, die sie besuchen, lehrt. Der Professor der hebräische» Sprache und Litteratur erfreut sich daher nur weuiger Zuhörer. Anders stände es darum, wenn die betreffenden israelitischen Gemeinden, Stipendienverwaltungen :c. den Fortgenuß der den jüdischen Studirendeu auf Grund ihrer Kenntnis; des alten Testaments bewilligten Wohlthaten von der Note des Kolloguieuzeugnisses aus der hebräischen Litteratur abhängig machten. Dams würden wir Studirende der Jurisprudenz, Medizin, Philosophie :c. in Schaare» in dem akademischen Lehrsaal für hebräische Litteratur antreffen; der Privatdozent würde bald zum Extraordinarius und dieser, wenn er Christ ist, oder wenn die diesfallsige Regierung über konfessionelle Borurtheile erhaben ist, selbst wenn er dem Judenthum angehört, bald zum Ordinarius befördert werden. Auf diese Weise bekämen wir durch einen moralisch-finanziellen Hochdruck die Errichtung von staatlich besoldeten Lehrkanzeln für die Wissenschaft des Judenthums an allen Universitäten, und es wäre so in schöner Weise eine Anknüpfung an die Traditionen ans der Zeit Reuchlins gefunden. Da fünf Sechstel unserer jüdischen Studenten der unbemittelten Klasse angehören, so kann man mit einiger Phantasie voraussehen, welche günstigen Folgen die Einnahme meines Vorschlages für die künftige Entfaltung unseres Gemeiudelebens hätte. Im Rathe unser Gemeinde säßen „Arische n’waunim“ und wir brauchte» nicht die Schande zu erleben, daß es sehr viele Gmeindevorsteher giebt, die nicht im Stande sind, ein Kapitel aus Jesaias zu übersetzen. Man sollte doch endlich zur Einsicht gelangen, daß das Judeuthum im Grunde weit eher eine religiös-wissenschaftliche, als eine Wohlthätigkeitsiiistitution ist. Das Budget für Pflege und Förderung der jüdischen Wissenschaft ist in unseren Gemeinden entweder Null oder doch so minimal, daß man mit demselben nichts Ernstes anfangen kann. Ein Beispiel: das Jahres-Budget der Alliance'Israelit« Universelle, welches viele Hunderttausende beträgt, enthält zur Ermuthigung der jüdischen Wissenschaft 4000 Frcs., sage viertausend Francs, von denen 1500 Frcs. auf das Abonnement rein politischer und speziell jüdischer Zeitschriften entfallen. Ich erlanbe mir hiermit die im Comite Central der Alliance sitzenden Gelehrten, sowohl diejenigen Frankreichs als des Auslandes, aufznfordern, dahin zu wirken, daß diesem Uebelstaude so rasch als möglich abgeholfen werde. Das gute Beispiel muß stets von Oben ansgehen. Was sollen Private thun, wenn öffentliche jüdische Anstalten dem jüdischen Gelehrten mit einem Non possunuis die Thüre vor der Nase Zuschlägen? Ich persönlich war so glücklich, für meine Encyklopädie bisher selbst nach dieser Richtung hin beträchtliche Resultate zu erreichen; aber Jedem ist es nicht gegeben, mit solcher Hartnäckigkeit, wie ich es durch fünfzehn Monate gethan habe, auf feinem guten Rechte zu bestehen, bis ihm dasselbe auch wirklich zu Theil geworden. ♦ FEUILLETON Zwei ungedruckte Briefe Moses Mendelssohns. Von Dr. M. Kaoferling. Von den neun Kindern, welche Moses Mendelssohn geboren lvurdcu, starb das älteste Töchterchen, als es elf Monate war; ein anderes Kind starb ebenfalls im zartesten Atter. Wann dieses Kind von hiuueu schied, ist nirgends angegeben und erfahren wir erst ans einem bisher ungedruckten Briefe, den Mendelssohn au seinen Verwandten Joseph Meyer, auch Joseph Schmalkalden genannt, in Hamburg gerichtet hat. Derselbe lautet: „Berlin, den 4. Tischri 5549 lden 25. September 1778). Mein lieber R. Jospe! Ihre werthe Gratulation zum neuen Jahre habe nicht früher beautlvorten können, weil in den Tranertagen um meine jüngste Tochter — nTHH TD V2'- — gewesen. Dieselbe hat sich nur kurze Zeit hier aufgehalten, aber die wenigen Tage waren Schmerzeustage. Möge Gott uns langes Leben und Frieden schenken! llebrigens war es mir sehr angenehm, aus Ihrem lieben Briefe zu ersehen, daß Sic sich noch wohl befinden und die Berliner noch nicht völlig' aus den Gedanken gelassen Habe». Der Allgütige möge Ihnen Ihre Jahre verlängern und alle Ihre Händewerke segnen. Ihr stets dienstfertiger Moses Dessau. Meine Frau grüßt und gratulirt gleichfalls." Das Kind starb also kurz vor Rosch Haschanah, in der zweiten Hälfte des September 1778. Der zweite, ebenfalls an Joseph Meyer in Hamburg gerichtete Brief betrifft die Peutateuch-Uebersetzung. Moses Mendelssohn ließ seinen Pentateuch bekanntlich auf eigen: Kosten drucken. Mühe machte ihm das Unternehmen genug; er j hatte die Sammler der Prünumeranteu zu bestellen, den Druck zu j überwachen, die Versendung zu besorgen. Auch das Papier lieferte : er selbst, wie sich ans folgendem Briefe ergiebt. j „Berlin, 27. Marcheschwan 5539 (den 17. November 17781 j Mein lieber R. Jospe!! Sie haben Bekanntschaft mit dortigen Buchdruckern und Papier z Händlern. Könnte ich nicht durch Sie erfahren, was für Sorte gul> i Papiere vom größten Format dort zu bekommen sind? Ich wollte i solche zum Drucke meiner min TDin ND2N in Groß Octau j brauchen, also müßte das Format nothweudig groß sein, aber nickii; zu dick und nicht zu hart, sonsten druckt sich nicht gut darauf ab.! Vielleicht kann ich durch Sie Proben bekommen von allen Sorten i groß Format, die dort zu haben, auch durch Sie erfahren, am j welchen sich am besten drucken läßt, nebst dem genauesten Preis dabei. : Bitte die Mühe zu excusiren und mit der nächsten Post mir zu aul j Worten. Ihr stets dienstfertiger j Moses Dessau.