Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- Seite 235 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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235 Gin praktischer Korschlag zur Förderung der Wege der hebräischen Sprache. Von I. Singer in Paris. Nach einem ziemlich langen Zeiträume erlaube ich mir wieder einmal die Gastfreundschaft Ihres Blattes in Anspruch zu nehmen. Man zerbricht sich seit schier 50 Jahren in allen für die Erhaltung des Judenthums sich interessirenden Kreisen den Kopf darüber, wie man das leider so tiefgesunkene Stlldinm der hebräischen Sprache wieder neu beleben konnte. Vielleicht geben die folgenden Zeilen den Anstoß zu einer Gesammtbewegnng, fähig, jenen Zweck mit einem Schlage zu erreichen. Es bestehen meines Wissens in fast allen größeren Umversitäts- - städten, welche zugleich einigermaßen beträchtliche Kultusgemeinden in sich schließen. Stiftungen itub Anstalten, welche die Studenten jüdischer Konfession in ihren Studien unterstützen. Wer, wie ich, überzeugt ist, daß nicht so sehr unsere Börsenkönige, Großindustriellen und Großgrundbesitzer, sondern vielmehr unsere hervorragenden Gelehrten, Künstler und Schriftsteller beu eigentlichen Stolz des Judenthulns bilden und diesen: zur Stellung verhelfen, die sich dasselbe innerhalb des Kulturlebens der Gegenwart errungen hat, der braucht nicht erst hoch und heilig zu betheuern, daß nach seiner Ansicht jeder Pfennig, der zur Unterstützung eines armen mtb zu schönen Hoffnungen berechtigenden jüdischen Studirenden verwendet wird, nicht nur in das Budget der np*l5S‘ sondern auch gleichzeitig in das des Kiddusch-Haschem gehört. Kümmern wir Juden uns nicht lim die Schlagworte unserer Zeit, wie „Bildungsproletariat", „Ueberfüllung der Aemter" u. dgl., welche nur den Ausdruck einer allerdings verschiedenen Richtungen angehörenden Reaktion sind. Unsere uralte Parole lalltet und muß in aller Zukunft lauten: „Bildung ist Macht". vsd) sage uralt, denn sie stammt von Moses her, der in seinem berühmten Ausspruche, daß die Völker Israel nicht wegell seiner ullluerischen Starke (mib ich füge hinzu: wegen seiner Finanzmacht), sondern ob der Weisheit seiner Gesetze bewundern werden, jenem großen Geballten, vielleicht zrun ersten Male in der Weltgeschichte, eine klare Forin verliehen hatte. Voll dem eiilstigell Reichthlllil und Prunk der jüdischen Graildell Spaniens sind nur noch wenige Spuren erhalten; doch die Werke des Maimonides, Gabirol, Abravanel :c. sind uns geblieben und bilden dem Stolz der jüdischen Litteratur Mld dadurch des Judenthums überhaupt. Die Schlösser nnb Paläste unserer heutigen Financiers werdeil schon lange nt c-tiuib zerfallen oder in anbcre Hände übergegangen sein, nnb von all' den jüdischen Millionären der Gegenwart wird vielleicht nur noch der Name des Hauses Rothschild, wegen des phänomenalen t-influsses, den dasselbe während so vieler Jahrzehnte auf den Weltmarkt geübt hat, im Gedächtnisse der Nachwelt fortleben; aber die Werke von Zunz mld Jost, Luzzatto und Rappaport, Geiger und Philippson, Steinschneider nnb Cassel und so vieler anderer uilserer Gelehrten werden stets Zeuglliß dafür ablegen, welche Stellung diese ehemaligen Bachurim der jüdischen Wissenschaft iwlerhalb des Kreises der übrigen Zweige des menschlichen Wissens zu verschaffen mußten. Mein Ideal wäre es, daß jeder jüdische Knabe, der dazu die Zähigkeiten besitzt, vor seinem Eintritt ins praktische Leben nnndestens das Abiturientenexamen ablege, damit er in seinen Mußestunden Gnen Horaz und Seneca, Sophokles und Plato, oder seinen Shakespeare und Tasso, seinen Voltaire Pud Victor Hugo in den Priginalsprachen lesen und sich so von Zeit zu Zeit aus der schwülen Sphäre der Geschaftspraris in das Reich der Ideen erheben könnte. Aber ich möchte auch, daß den Schriften jener Geistesheroen die Werke des großen Moses und unserer unsterblichen Propheten, Dichter und Philosophen sich hinzugesellten. Denn ich halte es gerade-; zu für eine Schmach, wenn ein gebildeter Jude griechisch und j lateinisch, französisch, englisch und italienisch versteht und nur mit Mühe die hebräische Sprache zu buchstabiren vermag. Ich gehöre nicht zu jener Partei unter uns, welche in ihrer edlen Begeisterung für das heilige Idiom unserer Väter so weit geht, im Falle des Gelingens des palästinensischen Kolonisationsprojektes die! Errichtung einer Universität in Jerusalem mit hebräischer Unterrichts-! spräche auzustreben. Es hängt dieser Gedanke, oder besser gesagt,; diese schwärmerische Hoffnung mit einem in sich geschloffenen Jdee- - komplex so innig zusammen, daß ich mich, um weitläufige Erörterungen; zu vermeiden, hier damit begnügen müß, den Lesern dieses Blattes die Gestalten der am Zionsberge in hebräischer Sprache die Lehren Darwins und Haeckels Vortragenden Professoren und der ihnen intt)‘d;enbcn Studenten aus dem Morgenlande nur in der Vogelperspektive vorzuführeu. Ich glaube, daß bis auf Weiteres selbst die konservativsten Elemente des Judenthums sich gleich mir mit der Erfüllung des oben formulirten Wunsches zufrieden geben würden, d. i., daß jeder gebildete Jude seine Thora, seinen Jesaias und seinen Jehuda Halevi im Originaltexte zu lesen im Staude sei. Dieses Ideal könnte allmälig erreicht werden, wenn man den Grundsatz aufstellte, und das ist der Grundgedanke meines Vorschlages, keinem jüdischen Stndirenden, unter welchem Vorwände immer auch nur ein Pfennig aus irgend einer j üd ischen Stiftung oder Kasse verabfolgt werde, bevor er vor eine r ad hoc einzuse tzenden Kommission den Beweis geliefert habe, daß er die Bibel in der Ursprache zu lesen verstehe. Mögen zarte Seelen nicht den Einwand erheben, baß ein solcher inoralischer Zwang die Würde des Studiums der heiligen Sprache beeinträchtigen könnte, und wie derlei Phrasen immer lauten mögen. Die Akademien der Wissenschaften und alle übrigen gelehrten Gesellschaften, wenn sie hierzu in der Lage sind, schreiben in regelmäßigen Zeiträumen Preise, also Geldbelohnungen aus, um die Gelehrten zur Lösung einer gestellten Aufgabe d. i. zur Förderung der Wissenschaft anzuregen und aufzumuntern. Der Erwerb des Gelbes, sobald dasselbe das Aequivalent einer dem Gemeinwohle förderlichen Mühewaltung repräsentirt, hat nicht nur nichts Entehrendes, sondern gereicht im Gegentheil dem Betreffenden zur größten: Ehre. Ich finde also gar nichts Unzukömmliches in dem Gedanken, daß die Geineinden, also Institute, welche die Interessen des Judmthnms zu wahren berufen sind, bei der Vertheilung ihrer Wohlthaten diejenigen begünstigen, welche ihre Liebe zum Judenthum durch ein erfolgreiches Studium der hebräischen Sprache bethätigt haben. Der Knabe ans dem Gymnasium oder der Realschule kann sehr leicht und ohne sich im Mindesten zu überbürden, im Laufe von acht Jahren die 24 Bücher der Bibel burcharbeiten. Der Religionslehrer der betreffenden Anstalt wird den Schülern bei dieser Pnvatlektüre gewiß recht gern mit Rath und That beistehen. Durch Befolgung d. i.zunüchstdurch prinzipielle Billigung nieines Vorschlages, tüirb it. A. die traurige Thatsache immer mehr zur Seltenheit werden, daß selbst fromme, für die hebräische Litteratur begeisterte Männer in den Schulzeugnissen bei ihren Kindern eher eine schlechte Note in der hebräischen, als eine solche in der griechischen oder lateinischen Sprache verschmerzen. Ich als Philologe schütze gewiß diese beiden letzteren Idiome sehr hoch, aber in meiner Eigenschaft als Jude steht mir die Sprache der Psalmen höher als diejenige Pindars. Es wäre unnütz, vor den Lesern dieses Blattes zum so nnb so