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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-05-13 · Heft 20 (13.5.1892) · p. Seite 234

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 20 (13.5.1892)
Date
1892-05-13
Page
Seite 234 (sequence 6)
Language
German
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der jüdische Komptoirschreiber, jeden Augenblick davon bedroht, ans Berlin ansgewiesen zu werden, die Litteratur, die jüdische wie die deutsche, mit unvergänglichen Werken bereicherte, sich die Anerkennung bei einer ganzen Welt und selbst den Höchststehenden zu erringen wußte, und mit seinen rein menschlichen Eigenschaften die Höhe erreichte, das; Lessing in ihm das Bild für die Idealgestalt des Menschen, für seinen Nathan gegeben fand! Und an dieser Geschichte des Indenthnnls, an einer solchen Litteratur sollte sich unsere Jugend nicht erwärmen und begeistern tonnen! Wie konnnt es denn, dasi das Interesse unserer Kinder von der griechischen und römischen Geschichte so sehr gefesselt wird die dem Gernüth des Kindes so viel weniger zu gewähren vermögt' Wir lassen eben den fruchtbaren Stoff, den unsere Geschichte für die Erziehung unserer Kinder darbietet, brachliegen. In dein weltgeschichtlichen Unterricht, den unsere Kinder erhalten, wird ihnen für die Kenntnis; der jüdischen Geschichte so gut wie nichts geboten. In der Geschichte des Alterthums must das Judenthum weit hinter Griechenland und Nenn zurücktreten, und der späteren Geschichte des Judenthnms wird in diesem Unterricht überhaupt uid)t mehr gedacht. Die Möglichkeit, unseren Kindern diesen Stoff zuzusühren und ihn auf sie wirken zu lassen, bietet zu einem Theile die Predigt dar, die in diesem Ziele eine der wirksamsten Aufgaben suchen sollte. Besonders aber hätte der Religionsunterricht dafür zu sorgen, die Geschichte des Judcirthums in einer das Gernüth unserer Kinder ansprechenden uiid anregeiideii Art vorznführerr. Ter Religionsuliterricht würde auf diese Weise die Herzen uiiserer Jugend leicht zu gewinnen unb zu begeistern vermögen, imb zwar auch diejenigen Kinder, welche die Äußerlichkeiten des Juderrthurrrs in ihrem Elternhause nicht inehr beobachtet sehen. Man kann in unseren Tagen oft den Eirrwand hören, das allgemeine Wissen, das sich unsere Kinder anzueignen haben, stelle an ihre Zeit bereits so große Ansprüche, daß sie nicht auch noch mit dem jüdischen Religionsunterricht belastet werden dürfen. Irr vielen Fällen wird das nur als einer der Borwände auzusehen sein, mit denen diejenigen, die ihre Kinder dem Judenthum sich entfremden zu sehen wünschen, sich oder Andere täuschen wollen. Im Ernste kann jener Grund nicht aufrecht erhalten Werdern Die Lehrpläne unserer Schulen werden natlrrgernäß nach dem Bedürfnisse der Mehrzahl der Schüler, also der christlichen Kinder, festgestellt; wenn es sich nun mit den den christlicher! .Kindern obliegenden Aufgaben verträgt, daß ihnen Religionsunterricht ertheilt wird, so ist nicht einzusehen, warum das nicht auch für unsere Kinder zutreffen sollte. Andere jüdische Eltern lassen sich in Bezug auf den Religionsunterricht ihrer Kinder allerdings noch viel Schlimmeres zu Schulden kommen, indem ihre Kinder an dem christlichen Religionsunterricht theilnehrnen. Diese Handlungsweise verdient die strengste Verurtheilung. Es ist ohnehin schon schwer, zu verhüten, daß rnrsere Kinder in dem weltlichen Unterricht, den sie genießen, und in ihrer Lektüre Begriffe und Vorstellungen in sich anfnehrnnen, die sie dem Judenthum entfrernden; die Gelegenheit hierzu aber direkt anfzusuchen, ist gewissenlos, und wenn dies mit Bezug auf die Kinder in ihrem jüngeren Lebensalter damit entschuldigt wird, daß sich hier der Religionsunterricht auf die biblische Geschichte beschränkt, so versteckt sich auch hinter dieser Entschuldigung Charakterlosigkeit oder die Unkenntnis; der Thalsache, daß der christliche Religionsunterricht nicht einmal eine objektive Kenntnis; der Bibel, in ihrer Ursprünglichkeit unb — wie soll ich sagen? — Harmlosigkeit, zu bieten vermag, weil das alte Testament als Vorverkündiger des neuen Glaubens gedeutet und gelehrt wtrd. Jener anderen Behauptung gegenüber, daß der Religionsunterricht unsere Kinder zu sehr belastet, darf erklärt werden, daß derselbe, wenn er vor Allem das Ziel verfolgen soll, in unseren Kindern Liebe zum Judenthum zu wecken imb sie demselben zu erhalten, an unsere Kinder nicht gar so große Ansprüche zrr stellen brauchte. Es müßte nur die geeignete Auswahl getroffen rverden in Bezug auf das, was aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Litteratur die Herzen unserer Kinder für das Judenthum zu gewinnen vermag. Würde ein Religionsbuch eristiren, welches es verstände, in dem hier angeführten Sinne zu wirken, so könnten gerade die Erholungsstunden unserer Kinder dazu benutzt werden, ihnen Interesse und Eifer für das Judenthurn einzuflößen. Wenn unsere Kinder sich nicht loszureißen vermögen von den Büchern, die ihnen die Geschichte von Rom und Hellas vorführen — urn wie viel leichter rnüßte sich eine Geschichte des Judenthums schreiben lassen, in deren Lektüre unsere Kinder sich begeistert vertiefen! Besitzen wir ein solches Buch? Ein Buch, das auch in der Form der Darstellung den gesteigerten Ansprüchen unserer Tage genügte unb sich im Besonderen auch an das Interesse der weiblichen Jugend wendete, der es einmal Vorbehalten sein soll, die Erziehung der folgenden Generation zu übernehmen? Wie es an den Lehrern zu fehlen scheint, welche die Vorbildung dafür besitzen oder erhalten, die Aufgaben des Religionsunterrichts in diesern höheren Sinne zu erfassen und zu üben, ebenso muß leider auch die Frage, ob ein solches Religionsbuch vorhanden ist, verneint rverden. Hier ist eine klaffende Lücke vorhanden, die irn Interesse unserer Kinder unter allen Umständen ausgesüllt werden müßte. Vereine, welche sich die Erhaltung des Judenthnms angelegen sein lassen wollen, die Vorstände der jüdischen Gemeinden, insbesondere der großen, sollten es als ibre Aufgabe betrachten, die Herausgabe eines solchen Buches zu fördern. Dasselbe könnte den Anhängern der verschiedenen Richtungen innerhalb des Judenthums Befriedigung gewähren, die für ihre besonderen religiösen Bedürfnisse durch andere Mittel zu sorgen vermöchten. Ein solches Buch, dessen Inhalt volksthümlich und zugleich belehrend sein könnte und müßte, wäre in erster Reihe ein Buch für unsere Kinder. Es würde aber auch als Hausbuch für die Erwachsenen ein dringendes Bediirfniß befriedigen. Denn verhehlen wir es uns nichts Wenn wir mit Eifer dafür Sorge tragen sollen, daß unsere Kinder dem Judenthum erhalten bleiben, müssen wir selbst von Liebe zum Judenthurn erfüllt sein. Die Eltern aber wird freilich lediglich die Lektüre eine solchen Buches, uud würde auch das beste geschaffen, mit dieser Liebe nicht zu durchdringen vermögen. Ta, wo der Erwerbe trieb, Ehrgeiz und Genußsucht die einzigen Leitrnotive des Daseins sind, wird immer wieder die Frage sich dreist hervorwagen, ob wir für uns und unsere Kinder nicht besser daran thurr, bcm Judenthurn abwendig zu werden. Tie Treue gegen das Judenthurn hat zur Voraussetzung, daß uns idealere Regungen erfüllen. Sind wir aber von solchen durchdrungen, dann werden wir auch di, Mittel zu finden wissen, unsere Kinder nicht blos dem Judenthurn zu erhalten, sondern sie sogar für das Judenthurn zu begeistern Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg! O

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