Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-05-13 · Heft 20 (13.5.1892) · p. Seite 233

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 20 (13.5.1892)
Date
1892-05-13
Page
Seite 233 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227931-3227952--48825-3269482
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

darin zu,» Ausdruck kommen, daß seine Fehler nicht auf ihren Ursprung geprüft, verstanden und damit verziehen werden sollen, während doch sonst das compicndrt' c’est. pardonner gilt und selbst dem Verbrecher mildernde Umstände zugcbilligt werden? Die uachthciligeu Eigeuschaslcn, deren wir uns bewußt sind, sollen nicht etwa von uns beschönigt werde». Im Gegentheil, wir selbst haben allen Grund, Vergehen, die sich Juden zu Schulden kommen lassen, doppelt streng zu beurtheileu. Wissen wir doch, daß unter dem Unrecht, das der Eine begeht, die ganze Gemeinschaft leiden muß. Aber von den Anderen darf eine milde Benrtheilnng gefordert werden, die selbst die größte Schuld an den Fehlern tragen, welche nach ihrer Meinung eine Eigenthümlichkeit des Judenthums bilden, und die ihre» Haß gegen uns verdoppeln, wenn sic uns von jenen Fehlern befreit sehen. Hören nnsere Kinder, daß den 'Juden der Vorwurf gemacht wird, Vorliebe für den Schacher und Wucher und Abneigung gegen die idealeren Berufe und die Beschäftigung mit den Handwerken zu haben, so sollen sie dafür gerüstet sein, zn widerlegen, was an diesen Behauptungen lügenhaft ist. Und sie sollen ferner darauf entgegnen können, daß die Zeiten der Verfolgung die Juden auf den Erwerb und zwar den Handel hingewicsen hatte», ja daß die Gesetze früherer Zeiten darauf ausgingen, dem Juden den Hang zum Wucher aufzndrängen, daß die Inden aber trotzdem zu allen Zeiten die Hinneigung zu wohlanständigen Erlverbszweigeu und zu den idealsten Berufe» bekundeten und darin Hervorragendes leisteten, wie sehr auch die Feinde des Jndenthums bemüht waren, das zu erschweren »nd selbst unmöglich zn machen. Ganz »nd gar fehlt es selbst nicht an christlichen Zeugnissen hierfür. In dem in diesen, Vortrag schon erwähnten Londoner Meeting erklärte der Bischof von Ripon: „Wenn gesagt wird, die Juden sind so »nd so, daun darf auch nicht verschwiegen werden, daß die Christen dahin gewirkt haben, sie so zn machen. Wer hat in den frühesten Zeiten unserer Geschichte den Inden alle Gelegenheit zur Ausübung eines Gewerbes genommen? Und ist cs nicht wahr, daß unsere City- Gilden vor 500, 000, 700 und 800 Jahren den Inden solche Hindernisse in den Weg gelegt und theilweise sie geradezu veranlaßt habe», Wucherer zn werden? De» Engländern war es »ach kanonischem Recht verboten, Geld gegen Wucherzins anszuleihen; aber sie verichafftei, sich den Vortheil der Darlehen dadurch, daß sie die Juden für sich thnn ließen, was ihre eigene» Gesetze nicht erlaubten, selbst » ihn». Wenn etz heißt, die Inden sind schlecht, so müssen wir beschämt dastchen, denn ,vir haben in dieser Hinsicht kein reines Gewissen." So das klassische Zeugniß des englischen Bischofs. Wird den Inden aber die Art und Weise zum Vorwurf gemacht, wie sie sich zur Geltung zu bringen, und >vie sie sich in den Vordergrund zu rücken suchen, so läßt sich darauf erwiedcrn, daß die Zurücksetzung, der die Inden ausgesetzt waren und noch ausgesetzt sind, sie dazu reizten und nöthigten, die Aufmerksamkeit ihrer Nebenuienschen mit gesteigerter Energie auf sich hinzulenken. Hören unsere Kinder den Inden Feigheit zum Vorwurfe machen, so soll ihnen gegenwärtig sein, daß Inden zu allen Zeiten die heldenmüthigsten!Haien vollbracht habe», »nd daß, wenn Muth nicht in den, Sinne von Raufbolden gemeint wird, Juden bis auf den heutigen Tag an Tapferkeit hinter den Mitgliedern anderer Glaubensbekenntnisse nicht zurückgestanden haben, obgleich es de», Inden nieist versagt ist, denjenigen Berns mit Erfolg zn iiben, welcher geeignet sein soll, den Tapferkeitssinn an, meisten zn fördern. Ja, unsere Kinder sollen von dem Bewußtsein erfüllt sein, daß sie sich nicht blos nicht des Judenthums zu schämen brauchen, .andern daß sie darauf stolz sein dürfen. Thatsächlich aber weiß ein großer Theil unserer Jugend vom Judenthn», so gut wie nichts, und daher können wir in unseren Tage» oft Zeuge des traurigen Schauspiels sein, unsere Jugend, statt daß sie unsere Feinde abwehrt, mit ihnen fraternisiren zu sehen. Superklug und idcallos stimmt der Eine und der Andere dem Antisemitismus zn und weiß darin einen berechtigten Kern zu finden. Als ob der Antisemitismus darauf ausginge, die Inden zu bessern und nicht vielmehr zu demvralisiren. Ja, selbst da, wo Besserung unter „ns noth thäte, wird sie der Antisemitismus, weil seine Motive als verdächtig und Veriverflich gelten, eher hintanhalten, als fördern. Unserer Aufgabe gegen unsere Kinder werden wir erst dann ganz gerecht, wenn wir sie mit Begeisterung für das Jndenthun, erfüllen. Und die Geschichte des Judenthunis ist so reich an Stoff, der gerade die Jugend zu euthilsinsmiren vermag. Zumal die nachbiblische Zeit ist so recht dazu angethan, die Gemüther von Kindern ztck'fesseln. Diese Geschichte zeigt, welche Fülle von Gelehrten, Philosophen, Aerzten, Dichtern das Judenthn», anfzuweisen hat, wo es sich »nr einigermaßen der Freiheit erfreute; daß es aber auch unter Druck und Verfolgung sich große Verdienste um die Pflege der Wissenschaft erworben hat. Und um wie viel mehr noch spricht das Gemüth der Jugend die Geschichte dieses Martyriums selber an, das Schicksal all' Derer, welche Demüthigungen und selbst die Qualen von Folter und Scheiterhaufen lieber über sich ergehen ließen, als daß sie ihrer Uebcrzengnng untre» wurde»! Eine solche Fülle glänzender und eindrucksvoller Erscheinungen bietet die Geschichte des Jndenthums dar, daß derjenige in Verlegenheit geräth, der, wie ich hier, nur wenige als Beweis dafür anführc» will, welche Mittel sich uns darbieten, den Geist und das Herz unserer Kinder für das Judenthn,,, zn gewinnen, an das Jndenthun, zu fesseln. Wie glanzvoll >var jene Periode des elften »nd zwölften Jahrhunderts, als die Sonne der Freiheit über den spanischen Inden schien! Da vermochte sich Sainnel Hanagid aus einem dürftigen Handelsgeschäfte zu der Höhe emporzuschwiugcn, daß sich in seiner Person der Talmudgelehrte, Psalmendichter und Staalsminister vereinigten. Da sangen Samuel Gabirol und Juda Halcvi jene Weisen, so gedankentief und zart empfunden, daß sie fortlebcn werden von Geschlecht zu Geschlecht, wie selten auch in unseren Tagen diejenigen jüdischen Häuser sind, die sich an den großen Dichtern des Jndenthums erfreuen und erbauen. Und welche imposante Persönlichkeit vermögen wir unseren Kindern in Mainwnides vorzuführen! Geht auch der Inhalt des berühmtesten seiner Werke, des Moreh Nebuchim, über den Gedankenkreis von Kindern hinaus — welche Verdienste er sich erworben, indem er die Kenntnis; der griechischen Philosophie verbreitete, wie sein Ansehen in die entlegensten Länder und in die fernsten Zeiten hineinragt, das macht auch auf die Kinder schon einen großen, erhebenden Eindruck. Und wie fruchtbar für unsere Zwecke erscheint die Geschichte der Krenzzüge! Wohl lernen unsere Kinder von den Kreuzritterfahrten, und ihr Herz mag sich an der Heldenhaftigkeit der Kreuzfahrer entflammen. Daß die wahren Helden jener Zeit unsere Vorfahren gewesen sind, auf welche die Horden der Kreuzfahrer, geldgierig und blutdürstig, losstürzteu, das bleibt unseren Kindern vorenthalten. Sie lernen wohl, daß, wenn das Mittelalter eine sternenhelle Nacht zu neunen sei, die Sterne in diesem Dunkel die Krenzzüge bilden. Daß die Kreuzzüge vielmehr zu den traurigsten Kapitel» der Weltgeschichte zählen, „nd daß dieses Dunkel nur erhellt wird durch die Strahlen, welche von der Märtyrerkröne unserer Vorfahren darauf geworfen werden, hören unsere Kinder nicht, lind ist nicht ferner Moses Mendelssohn so recht die Persönlichkeit, die jugendlichen Gemüther für sich einznnehine»! Wie der dürftige Knabe seinen Weg von Dessau nach Berlin nahm und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.