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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-05-13 · Heft 20 (13.5.1892) · p. Seite 232

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 20 (13.5.1892)
Date
1892-05-13
Page
Seite 232 (sequence 4)
Language
German
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bie Kinder Tag ein, Tug uns in Bezug auf bas, was dem Menschen baS Heiligste ist, in Bezug auf ihre religiöse Ueberzeugung, an die Lüge gewöhnt. Gedeihen sulche Kinder sittlich, so haben die Eltern keine» Theil an dieser Entwickelung; wenn sie sittlich verkommen, Lumpen an Gesinnung und Ueberzeugung werden, tragen hingegen die Eltern die volle Verantwortung dafür. Wenn Eltern erklären, das; sie ihre Kinder aus Zärtlichkeit lausen, um ihnen das Leben, die Zukunft zu erleichtern, so ist diese Zärtlichkeit meist vielmehr eine Maske der Gesinnungslosigkeit. Ihrer Eitelkeit, ihrem Ehrgeiz oder ähnlichen unsittliche» Motiven bringen solche Eltern ihre Kinder zum tapfer dar. Und man begehe nur nicht die andere Heuchelei, vorzugeben, das; man die Kinder taufen lässt, um sie von den Fehlern zu befreien, die den Juden anhasten sollen. Ich komme auf diesen Punkt noch zurück. Aber — um ihn auch hier zu berühren — welches sind denn die hauptsächlichsten Fehler, die den Juden zum Borwurf gemacht werdend Die Juden sollen nach Reichthum streben. Aber gerade den E-rwerb von Reichthnm zu erleichtern, ist in so vielen Fällen der letzte Zweck der Taufe. Oder es wird den Juden ihre Eitelkeit unb ihr Ehrgeiz vorgeworfen. Eine höhere Stellung erjagen zu können, ist ein ztveites Hauptmotiv der Taufe. Die Juden sollen aber auch feige sein! Ist nicht gerade die Taufe oft ein Ausfluß feiger, das Verharren beim Judenthum ein Akt muthiger Gesinnung? Wenn wir aber von dem Wunsch erfüllt sind, unsere Kinder dem Judenthum zu erhalten, so drängt sich die fernere Frage auf, welche Mittel wir für diesen Zweck anzuwenden haben. Auch hier liegen die Dinge für den strenggläubigen Inden leichter. Er fesselt seine Kinder an das Judenthum schon durch das Ceremouienwesen, das, wenn eS auch zum Theil Beschwerliches an sich haben mag, gerade Kinder anmuthet unb an den angestammten Glauben bindet. Gefeit dagegen vom Judenthum abzufallen, sind allerdings auch die Kinder der Strenggläubigen nicht. Beispiele solchen Abfalles finden wir bereits in weit zurückreichenden Annalen. Rabbi Gerschvn, auch Meor Hagola, Leuchte des Exils, genannt, ein Mann des 11. Jahrhunderts, der 100 Rabbiuen zu einem Konzil zusammenbernfen hatte zur Erörterung religiöser Fragen, sah seinen Sohn dem Judenthum abtrünnig werden und beklagte dies mit zwiefacher Schiwah, mit zwei Trauerwochen. Ein Sohn des Chacham Jsaae Bernays in Hamburg erstieg die Staffeln des akademischen Ruhmes als getaufter Jude — und wie viele Beispiele liegen uns näher, die wir lieber übergehen! Aber immerhin ist die Aufgabe, die Kinder dem Judeuthruu zu erhalten, noch schwerer für diejenigen Eltern, welche die äußeren Formen von sich abgestreift haben, mag das aus Ueberzeugnug oder aus Gründen geschehen sein, die vor einer ernsten Kritik weniger bestehen können. Diesen Kreisen fehlt das äußerliche, aber gerade auf die Jugend stark wirkende Mittel des Ceremonienwesens. Ilm so dringender bedarf es da anderweitiger Wege, welche die Kinder solcher jüdischer Eltern dem Judenthum zu erhalten vermögen, und es bedarf derselben doppelt und dreifach in einer Zeit, in der starke Anreize dafür vorhanden sind, unsere Kinder dem Judenthnm abwendig zu machen. Wer ein Widerstrebe» dagegen empfindet, die jüdischen Ceremouien zu üben und seine Kinder üben zu lassen, wird aber, wofern er seine Kinder dem Judenthnm erhalten z» sehen wünscht, um so weniger in den Fehler verfallen dürfen, in seinem Hause Ceremonien zu Pflegen, die dem Christenthum angehören. In manchen Punkten macht das Zusammenleben mit unseren christlichen Mitbürgern ohnehin Konzessionen unsererseits an Institutionen des Christenthums rnwermeidlich. Daß wir und unsere Kinder den Sonntag mehr oderweniger als Ruhetag anerkennen und begehen, ist eine ziemlich unabweisbare Folge der sozialen Verhältnisse, unter denen >vir leben. Gerade tveil Zugeständnisse dieser Art sich zum Theil nicht vermeiden lassen, sollen wir uns indes hüten, bewußt oder unbovußt hierin weiter zrr gehen, als es die Verhältnisse unbedingt gebieten. Aber die Zeit drängt, daß ich positiver sage, >vas wir unseren Kindern schuldig sind. Zunächst haben wir unsere Kinder mit der Fähigkeit auszurüsten, den Angriffen entgegenzutreten, die gerade vor Kindern so oft gegen das Jndenthum gerichtet werden. In falsch verstandener Zärtlichkeit, die vielmehr Unzartheit und Lieblosigkeit ist, in einer Scheu, die der Vogelstranßpolitik gleicht, wagen es häufig jüdische Eltern kaum, ihren Kindern zu sagen, daß sie Inden sind, und geben sie so wehrlos den gehässigsten Anfechtungen preis- Unsere Kinder'' sollen vielmehr die guten Lehren des Judenthums kennen, und sie sollen diejenigen zu widerlegen verstehen, die da behaupten, daß das Jndenthum schlechte Lehren enthalte. Ueberlassen wir nilsere Kinder de» Vorstellungen, welche ihnen das öffentliche Leben aufdrängt, so müssen sie glauben, das; das Judenthnm der Moral überhaupt entbehre, oder daß die Moral des Judenthums doch nicht der Rede Werth sei. Da wird immer nur von christlicher Moral gesprochen, als ob das Judenthnm diesen Begriff nicht kenne. Wie wenige unserer Kinder wisse», wenn vor ihnen behauptet wird, daß erst das Christenthum die Idee der Menschenliebe in die Welt gesetzt habe, zu entgegnen, daß vielmehr im Pentateuch schon das Wort zu lese» ist "yiES 71-NK1, „Liebe Deine» Nebeumenscheu, wie Dich selbst", ja, das; die Bibel auch Menschenliebe dem Feinde gegenüber predigt, indem es heißt: „Wenn Dein Feind hungert, gieb ihm Sprite zur Nahrung, und wenn ihn dürstet, mögest Tu den Durst ihm löschen", oder indem den Menschen jenes andere Wort zugerufen wird, dessen sittlicher Inhalt vielleicht noch höher steht: „Beim Sturze Deines Feindes freue Dich nicht, und bei seinem Straucheln juble nicht Dein Herz!" Welche Verlegenheit entsteht für unsere Kinder und nicht blos für diese, wenn als Beweis für die Grausamkeit des Judenthums die Formel „Auge um Auge, Zahn um Zahn", angeführt wird! Und doch läßt sich darauf so leicht ertviedern, daß damit nur Auges- und Zahneswerth gefordert wurde, und daß es verkehrt ist, das alte Testament, das neben der Sittenlehre zugleich die einzelnen Strafgesetze enthält, ohne Weiteres mit dem neuen Testament zu vergleichen, das sich auf" die Aufgabe beschränken durfte, den Menschen die idealen Forderungen der Sitttenlehre zu predigen, weil für das Strafgesetz anderweitig gesorgt war. Und warum sotten weiter unsere Kinder nicht gegen die Vorwürfe gewappnet sein, die aus dem Talmud hergeholt werden, warum nicht vorbereitet sein für die Antwort, daß in den Jahrhunderten, in denen schwere Leiden, grausame Verfolgungen über das Judenthum hereingebrochen waren, auch der Mund der Rabbiuen von der Herbheit und Schwere solcher Schicksale überging, daß aber selbst in jenen Zeiten die Uebung der Menschenliebe und die Erfüllung der Sittenlehre gegen Jedermann gefordert wurde! Warum soll unsere Jugend nicht erwiedern können, daß kein Jude eine schlechte Handlung an einem Christen oder an wem sonst immer mit talmudischer Lehre rechtfertigen, ebenso wenig aber ein Christ dem Juden ein vorurtheilsvoll klingendes Wort des Talmuds zum Vortvurf machen darf! Unsere Kinder sollen auch um die Eigeuschasteii der Judenheit Bescheid wissen. Auf der einen Seite sollen sie über die guten Eigenschaften unterrichtet sein. Alis der anderen Seite mögen sie sich auf den Beweis verstehen, daß die . Fehler, die den Juden nachgesagt werden könne», durch die Verfolgungen erzeugt worden sind, denen das Jndenthum ansgesetzt gewesen ist. Oder soll die Ausnahmestellung, zu der das Judenthnm verurtheilt wird, aucki

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