Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- Seite 231 (sequence 3)
- Language
- German
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Zahler und ihr Wohlstand zeigt sich an der hohen Zunahme im Zu-! wachs von Rindern und Pferden und tut Gemeindevermögeu. ' Mit Bezug auf die „Arbeitsscheu" sagt der Verfasser, daß von; den 5/250,000 Inden Rußlands, die etwa 1,000,000 Familien darstellen, 290,000FatnilienväterHandwerter sind. Dem Ackerbau j mcnbctt sie sich mit Borliebe zu, wo sie dürfen, und im I. 1885! bewirthschafteten sie tioch an 2,000.000 Tessatinen Land. „Die Mai- Gesetze von 1882 verbietet! den Juden, Ackerbau zu betreiben, und i jetzt macht matt ihnen den Vorwurf, daß sie zu träge sind, um zum ' beschwerlichen Bauernhandwert zu greifen. Es ist gerade so, als ’ wetm inan einen Mann verhöhnen würde. daß er nicht schwimmen kann, indem inan ihm zugleich den Zutritt zinn Wasser verwehren würde. Gerade in Rußland findet man den Beweis jür die Liebe und Eignung der Juden zmn Ackerbau. Dies; zeigt sich darin, daß heute die Gutsbesitzer trotz des gesetzlichen Verbots mit Vorliebe an jüdische Bauern verpachten und sich, da teine Vertrüge abgeschlossen werden können, mit der mündlichen Ab- ■, machnng begnügen. Ein russischer Gutsherr sagte mir, daß er sein 1 Land auf diese Weise an Juden verpachtet habe, und daß er nie um i einen Pfennig der Pachtsunnne betrogen worden sei. Im Gouverj nement von Cherson allein besteht noch die um 1846 vom Kaiser : Nikolaus gegründete jüdische Ackerbau-Kolonie, welche mit den größten Schwierigkeiten zu kätnpfen hatte, die ihr von den Vollzugsorganen gegen den Willen des mildherzigen Monarchen auferlegt wurde. I lind trotzdem sind die Leute durchgedrungen. Sie zahlen heute! 2!,000 Seelen, und ihr Muth und ihre Ausdauer gereichen ihren! j russischen Vaterlande zur Ehre. Die starke BevölkernugSzunahme! unter den jüdischen Kolonisten hat aber neue Schwierigkeiten geschaffen.! Sie können nicht mehr Land erhalten, und der Acker, der zehn Leute ernähren konnte, ist nicht im Stande, fünfzig zu erhalten. Ich bejuchte diese Kolonisten und erschien ihnen wie ein Retter in der Roth. Ihre Ruhe, ihre Würde, die Weise, wie sie ihr Mißgeschick, den Hunger trugen, erfüllte mich mit "Achtung. Nie wurde ich nur um einen Kopeken gebeten, nie hörte ich ein zorniges Wort gegen die Regierung oder gegen das Land. Ich brauche nicht zu sagen, daß die Trunksucht dort keine Heimstätte hat. Mäßigkeit ist die unverbrüchliche Riegel, und die benachbarten russischen Dörfer lernen durch das ihnen gebotene Beispiel und im Verkehr mit jüdischen Bauern Mäßigkeit und Nüchternheit!" „Die Achtung und Fürsorge, mit welcher die Frauen von diesen Kolonisten behandelt werden, inuß Jeden überraschen, der mit denn gemeiniglichen Loos der Bauernfrauen im westlichen Europa vertraut ist. Tie Schönheit und geistige Gewecktheit der Kinder ist so allgemein, daß N!an sich gezwungen fühlt,dieS der liebevolleu Sorgfalt zuzuichreibe!!,mit welcherdie MütterJsraels von ihren Gatten tungeben werden. Der Eindruck, den ich unter diesen jüdischen Bauern gewonnen, war der der aristokratischen geistigen Eigenschaften, die ihnen Allen gentein ist. Ihr Ehrgefühl würde einen Burke zufrieden gestellt haben. Sie sind gut gegenüber den Frauet! uitb die liebevollsten Väter. Sie empfinden einet! Makel gleich einer Wunde, und der beste Beweis : sur ihre Ehrenhaftigkeit ist, daß ihr Wort von den Russen gleich einer Urkunde angenommeu wird. Ueber allen diesen Tugenden liegt außerdem ein gewisser Zug der Vornehmheit, der unwillkürlich die Ueberzeugung aufdrüngt, daß ihre Unpopularitüt, wenn man offen sein - will, ihrer angeborenen Ueberlegenheit über die angestamtnte russische Bevölkerung zngeschrieben ist." Hub darin findet Arnold White bcn einen Schlüssel zur Erllärung der Judenverfolgung in Rußland. Er sagt an einer andern! stelle seines hochinteressanten ''Artikels.- „Der Hauptzweck, tvelchen die herrschenden Klassen mit der Unterdrückung der Inden verfolgen, ist die Selbstvertheidignng. Tie. Russen glauben, daß, wenn den geistesscharfen Juden freie Bahn gegeben würde, das heilige Rußland schnell von ihretn Geiste angesteckt sein würde. Sie berechnen, daß durch dst Juden, went! sie nicht unterdrückt würden, binnen acht Jahren jeder Posten im Staatsdienst, welcher der Mühe lohnt, die Armee und Marine ausgenommen, ausgesüllt sein würde. Ich glaube jedoch, diese Befürchtnttg ist etwas übertrieben. — Zu dieser Furcht vor den Juden, gesellt sich noch der ehrliche Glaubenshaß. Rußland will ein rein christlicher, russisch orthodoxer Staat sein; es will leinet! anderen Glauben und keine andere Nation innerhalb seinerGreuzen haben, und dleErsten, die gehen müssen, sind die in derAbstatntnung und im Glauben fretttdestett derFretnden, die Juden. Angst und Fanatismus sind daher die Wurzeln der jetzigen Judenverfolgung und Austreibung, die, wenn sie ganz durchgeführt wird, Rußland viel tosten wird. Denn Arnold White berechnet, daß die fünf Millionen Juden über 60 Millionen Rubel Steuern zahlet!, und daß die von ihtten gezahlten Zölle und Handelsabgaben sich auf weitere 40 Mill. belaufen, so daß die Vertreibung der Jndet! für Rußland einen Ausfälle von jährlich loo Mill. Rubel in bcn Staatseinnahmen bedeutet. Zur Armee stellen die Juden 15,000 Mann bei. Offiziere können sie nicht fein; aber sie sind wahrlich teine „genteitten" Soldaten! „Drei Generäle beschriebet! mir den nnerschütterlichett Mnth der Juden in den Kämpfen tun den Schipka-Paß", berichtet Arnold White. „Einmal wurden 25 Freiwillige gebraucht, tun eine Position zu ttehtneu, die mir mit dem Leben zu erkaufen war, und die ersten 10, die sich tneldeten, waren -. Inden!" Und doch werdet! sie vertrieben! Ter Lohn dafür, sagt Arnold White, wird dem Zaren und Rußland nicht erspart bleiben! H Warum und womit erhalten wir unsere Kinder dem Iudenthuw^' Von I. Wiener, Redakteur. « Schlup.> Kehren toir zu unseren Kindern zurück! Für die Antwort ans die Frage, warntn wir unsere Kinder nicht taufen dürfen, sollte, abgesehen von allen Protesten des religiösen Gewissens, in erster Reihe der Gesichtspunkt entscheidend sein, daß die Taufe imfcvev Kinder im Widerspruch steht mit den Aufgaben, welche die Eltern gegen ihre Kinder zu erfüllen habet;. Wir sollen ttach Btögtichkeit dafür Sorge tragen, daß unsere Kinder glücklich werden. Natnen, Ehre, Reichthnm töunen ihnen nicht innerliches Wohlbefinden geben. Wer sein Kind tauft, lauft aber Gefahr, ihm diese innere Harmonie zu zerstören, in seinem Kittde Disharmonien zu erzeugen. Wir haben vor allem auch die Aufgabe, unsere Kinder zu sittlicheu Menschen zu erziehen. Gewissetthafte Eltern hüten aber ihre Eltern vor nichts eifriger, als vor der Unwahrheit. Der Kampf utus Dasein und das touveutionelte Leben mag es dem Ertvachseueu nur zu oft aufzwiugeu, zur Unwahrheit seine Zuslttcht zu nehmen. Aber wie betroffen ist der Vater, wie schneidet es in das Herz der Mutter, wenn sie ihr Kind die erste Lüge aussprecheu hören, tutb welch' Seelenschmerz ist es für sie gar. ihr Kind für verlogen halten zu miiffen! Mit der Taufe ihrer Kinder züchten aber jüdische Eltern die Lüge in ihretn Hanse. Mil der Taufe wird das Bewußtseilt in den Kindern erzeugt, daß sie das Ehristeuthtuu beschworen haben, ohne an dasselbe zu glauben, werden 1 Tie in dem ersten Theil dieses Vortrages Ludwig Wiudllwrsl znge schriebene Aeußerung rührt vielmehr von August Reichensperger her. J.W.