Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1892)
- Date
- 1892-05-13
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
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230 Dir Wahrheit über die russrschen Juden.! 11. G. Lvudvn, 10. Mai. j > In der „Contemporary Review" veröffentlicht Arnold! White, der Russenfreund unb Kenner Rlißlands, betn bei seinen j Reisen in dem geheiligten Zarenreiche ein nur wenigen Ausländern! bewiesener Borschub geleistet wurde, einen höchst beachtenswerthen Artikel über die Inden in Rußland, der ein merkwürdiges Streiflicht auf die Wahrheit der wider die russischen Juden erhobenen Anklagen wirft und die Motive ihrer Ausweisung in ein gleich Helles Licht stellt. | Wir Lassen absichtlich die Einleitung des bemertenswerthen Artikels wörtlich folgen, da sie erkennen laßt, daß Arnold White durch- - aus nicht auf einseitigem Standpunkte steht, sondern die Frage unparj teiisch in der Absicht erörtert, „die Wahrheit über die russischen Juden"! festzustellen. Er schreibt:! „Der Widerruf des Edikts von Nantes verursachte keine all- ' gemeinere Bewegung oder führte zu schnelleren Aendernngen in Eng-! land, als die Maigesetze und der hierauf folgende Auszug der Juden > aus Rußland in andere Lander hervorbringen wird. Was die Wir-! kung dieser Veränderungen sein wird, hängt natürlich von den mora-! lischen, geistigen und physischen Eigenschaften der Auswanderer ab. Wenn der Jude in seinem Wesen wirklich ein Parasit ist, der von der Ausbeutung der Laster und Schwachen Anderer lebt, der nicht leben kann, ohne zu feilschen, ohne Banknoten rascheln unb Gold klingeln zu hören; wenn der russische Jude wirklich das ist, als was ihn Madame Novikosf und ihre Schule schildern, dann ist er nicht! nur ein schlechter Bürger für Rußland, sondern gleich ungeeignet,! zum Ansiedler in Nord- oder Süd-Amerika oder irgend einem anderen Theile unseres Planeten zu werden, wohin er seinen Weg einzuschlagen hofft. Wenn der: russischen Juden nachgewiesen werden kann, was Schlechtes von ihnen behauptet wird, dann ist es mir besser für die ganze zivilisirte Welt, wenn die russischen Verfolgungen Israel rasch ein Ende bereiten. Rußland sollte in dieser Sache nicht allein handeln. Wenn die ernstliche Gefahr besteht, daß Europa und die Bereinigten Staaten von einem Heuschreckenschwarm lasterhafter und geldsüchtiger Israeliten aufgezehrt werden sollen, dann ist es die; höchste Zeit, das alle Nationen aus ihrem Schlafe erwachen, aufi stehen und handeln, die zerstreuten Stämme allsrotten, und sich bem; heiligen Rußland allschließen in seinem romantischen und religiösen j Bestrebell, die Erhaltung seiner Nationalität mit der Sache für die , Kreuzigung Christi zu verbinden, unb so den Juden die praktischen Lehren unseres gemeinsamen Christenthnmes vor Augen zil führen." S „Wie stehen aber in Wirklichkeit die Dinge?" fragt llllll Arnold White. Sind die Jliden in Rußland in der That die Volksaussanger und Bolksverderber, das „faule Pack", das sich nur von Schlichen i und Kniffen nährt, die Landbevötkerllllg ausbeutet unb dem Trunk und der Armuth überliefert? Wenn es so ist, bann müssen wir die Bezirke, in welchen die Juden ill Rllßtalld allgesiedelt sind, arm und moralisch am verkolnmellsten finden. Der Glaube darail wird von j gewissen Klassen in unb außerhalb Rußlands sorgfältig gellährt.; Die offiziellen statistischen Aufnahmell weisen aber ein anderes Bild auf. Sie beweisen unwiderleglich das gerade Gegelltheil und zeigen, daß die Landbevölkerung mn wohlhabendsten und anl müßigstell ist, wo die Juden unter ihr als Händler, Kaufleute und zum großen Theil auch als Ballern uub Gutspächter angesiedelt sind. Arnold White sagt: „Obzwar die statistischell Ziffern, die ich hier veröffentliche, offiziellen Cndkn entnommen sind, so sind sie, so viel mir bekannt, bisher weder bem russischen, noch dem - englischell Publikum zugänglich gelllacht wordell. Ick) danke die Möglichkeit dieser Bekanntmachling den Untersuchungen der Herren Olltenikoff unb Substin, und zeigen die nachfolgendell Angaben in gedrängter Form die bestehenden wirthschaftlichen und anderweitigen Einwirkungen der Juden in Rußland auf die übrige Bevölkerung des Kaiserreichs." „Die nachfolgenden Ziffern, die, wie gesagt, nicht aus jüdischell, solldern aus offiziellen Quellen stammen, zeigen die relative Lage der Bevölkerung 1. in dem „Rayon", d. h. den fünfzehn Provinzell, wo sich Juden lliederlassell dürfen; 2. in den angrenzenden zwölf Proviilzen; 3. in den übrigen 23 Provinzell des europäische!: Rußlands, auf welches sich diese statistischen Aufnahmen beziehen. Es beziffert sich hiernach: Die jährliche Sterblichkeit ver 1000 Einwohner in dem Zeitraum von 1867 bis 1883 auf 30.r„ 4<'U, 41; die jährliche Bevölkerungszunahme auf 1.T2%» 1.47%, 1.28%; die rückständigen Grundsteuern im letzten Jahr der Aufnahme auf ll.7%f 26.,;%. 44.3 %; Zahl von Kindern per 1000 Deffatinen der landwirthschaftlichen Kulturaera in 1883 (letzte Aufnahme) 039, 180, 311; Zunahme an Pferden in 14 Jahren von 1874—1888: 110"/», II0/0, 0°o; desgleichen Rindern: 26%, 11%, 17%; Gemeindevermögen der Torfschaften per 1000 Bauern in Rubeln: <181, 403%; Branntwein Konsum per 100 Einwohner im Jahre 1888 (in Pedros,: 30.u, 27.T, 27.Todesfälle durch Trunksucht im Jahre 1887 per Million Einwohner: 12, 61, 77; Maisons tolerees per 100,000 der Stadtbevölkerung: 57, 109, 80; Brandstiftungen auf je I000 Feuerschäden von 1883 bis 1887: 7, 15, 11. Handelslizenzen per 1000 Einwohner im Jahre 1887: tu, UUlf 17.3. „Wer sich der Mühe unterziehen will, diese statistischen Angaben zu prüfen, der wird entdecken," schreibt der Verfasser weiter, „dag die landläufige Anschauung von den üblen Folgen des jüdischen Ein flusses so gut wie jeder Begründung entbehren. Man darf nicht vergessen, daß diese Ziffern in jeden: einzelnen Falle offiziellen Quellen entnommen sind, und lnan nnnlnt berechtigter Weise an, daß der Grund, warum die Regierung aufgehört hat, die Statistiken zu veröffentlichen, kein anderer st, als daß ihre Ergebnisse so ausgesprochen zu (6unsten der Judell ansfielell, daß sich der wider sie einge schlagene Weg der Verfolgung :md Vertreibung durch die statistischen Thatsachen llicht rechtfertigen läßt." „Die gegen die rllssischen Juden gerichtete Hauptanklage wurzelt in der Behauptung, daß sie nur durch die Ausbeutung der Laster und der Schwäche Anderer gedeihen. In Bezug auf den Bräunt weül-Verbrauch wird man sehen, daß der Konsunl in dem „Rayon' etwas höher ist als in den übrigen Provinzen, der Trunk fordert aber nicht ein Viertel der Opfer wie im übrigen Rußland, 'und dies trotzdem, daß mehr als die Hälfte aller Destillationen sich in jüdlscheu Händen befindet. Mil Bezug auf llnsittlichkeit können die 15 Pro vlnzen allerdings keinen Anspruch auf die Tugelldrose erheben: allein, sie brauchen den Vergleich mit den orthodoxen Provinzen nicht zu scheuell. Die Anlegung von Bränden wird auch den Juden be ständig, als ein sie charakterisirelldes Mld ihnen zur Gewohnheit gewordenes Verbrechen, fzum Vorwurf geinacht. Die offiziellen Ausnahmen sprechen aber die Juden auch voll dieser Anklage frei, 111O lassen sie moralisch weit über ihren russischen Mitbürgern steh en. Die Verbrecherstatistik spricht auch zu ihren Gunsten, denn ans h 100,000 Seelen entfallen bei beit Judell 259, bei den Christen 42« 1 Schuldigbefnndene pro Jahr. Wie aber mit den wirthschaftlichen Sünden? Die 15 Provinzell sollten, wenll die Ankläger der Juden recht haben, die ärmsten fein, unb doch sind sie die bestell Steuer