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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-05-13 · Heft 20 (13.5.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 20 (13.5.1892)
Date
1892-05-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Begründet von Uablrrner 8*. Ludwig Philippson-Bonn. verlags-CrpeLition: Gertin, Lerusatemerstr. 48/49 Alle Zm'endnngen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Indenthums", Berlin SW., Jeruialemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nudolf Masse, Berlin. Leitartikel: Der Papst gegen den Antisemitismus. — Die Wahrheit über die russischen Juden. — Warum und womit erhalten wir unsere Zünder dem Judenthum? Bon I. Wiener (Schluß). - Ein praktischer Vvr- -chlag zur Förderung der Pflege der hebräischen Sprache. Von I. Singer. — Feuilleton: Zwei nugedrnckte Briese Moses Mendelssohns. Von Dr. M. 'tahserling. — Heimweh. Erzäblrmg von Eduard Kulte (Fortsetjimgl — BonZeÜ am See nach Salzburg. Von Dr. Bernhard Münz. — Literarische Mittliettirrrgerr. — Miscetten. Der Gemei'devote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berl!n, Breslau. Dresden. Chemnitz, Weeze. Hannover. Hildesheim. Prag. London. Rom. Wdz Konstantinopel. Bnenos-Ayres. — Von Nah und Fern. — Sprechsaal. Briefkasten. -- Geschäftliche Notizen._ Der Papst gegen den Antisemitismus. Berlin, 11. Mai. Eine Nachricht von großer Bedeutung gelangte — auf dein für mutige Nachrichten nicht gerade nngewöhnlichen Wege über Wien — ii den letzten Tugen ans Rom in die Oessentlichkeii: Der Papst at sich entschieden gegen die antisemitische Bewegung lns gesprochen. Ein Kirchcnfürst ans Oesterreich, der kürzlich in Rom weilte, mt in einer Audienz beim Papste den Wunsch ansgesprochen, das; » höchster kirchlicher Stelle ein Machtwort gegen die Antisemiten 'sprachen werde, „da das Treiben derselben nickt nur die christliche Moral in ihren Grundsätzen erschüttere, sondern auch dos Volt einer sichtbaren seelischen Verrohung prcisgebc." Der Papst fand, wie nn» .ns Rom berichtet wird, diesen Wunsch an sich begreiflich; „es j ui oft versucht worden, dem Rassenhaß eine Art kirchlicher Weihe zu i eben: der heilige Stuhl habe ein solches Ansinnen stets abgelehnt? ub niemals verhehlt, daß die wüste Bewegung ans seine! Sympathien nicht rechnen dürfe; gleichwohl hieße cs, derselben i ui viel Ehre zu erweisen, wenn sie ihrer Gemeingcfährlichkeit; o gen vom Papste verdammt würde; soweit seien die Dinge noch i icht gediehen, hingegen sei es an den Bischöfen, das Umsich-! o,reifen dieser sozialen Pest mit allen Mitteln zu ver-! mindern und insbesondere zu sehen, daß die Seminaricn vor ihr -hütet werden, damit diese nicht der Tummelplatz roher z Leidenschaften werden; die Priester sollten nie vergessen, daß alle Nenschen Geschöpfe Gvttes seien und daß ein gehässiges Wort von 1 iitcn Lippen dreifach strenge Sühne erfordere." Für »ns hat diese Nachricht, die bisher selbst seitens der - „Germania" unwidersprochen geblieben, weder etlvas Befremdendes,! noch etwas besonders Unwahrscheinliches. Wir möchten aber auch nicht die überschwenglichen Hoffnungen daran knüpfen, das; nur durch ein Machtlvort des Papstes der nltramontane Antisemitismus znm Schweigen gebracht werde» könne. ES ist ja eine Thatsache, daß seit dem Tode des Eentrnmführers j Windthorst der Antisemitismus auch im ultiamontancn Lager zui i-nommen hat. An einzelnen Ausbrüchen hat es allerdings auch l schon früher keineswegs gefehlt. Erscheint ja unter den Augen Leo» XIII. ein offiziöses Organ des Vatikans, das seit Jahren den gemeinsten und rohesten Judenhaß predigt. Und in Oesterreich ist eS gerade der niedere Klerus, der sich mit den wildesten Antiseniiten zu gemeinsamer Aktion verbunden hat. Ans der anderen Seite darf man freilich nicht in Abrede stellen, das; die großen Kirchenfürsten fast einhellig gegen den Antisemitismus sich ausgesprochen haben. Ebenso haben bis jetzt die Führer des Ccntrnms — mit unwesentlichen Ausnahmen — nicht zur antisemitischen Fahne geschworen. Die konservativ-klerikale Freundschaft, die gegenwärtig angestrebt wird, dürfte freilich auch hierin manche Ueberraschnngen bringen. Angesichts dieser Thatsache» ist das Friedenswort des Papstes eine sehr erfreuliche Erscheinung in dieser trüben Zeit. Die Bestimmniigen des vaiikanischcn Coneils haben die antokratische Herrschaft des Pontifex Maximus in der römischen Kirche dogmatisch festgestellt. Wer also von heute ab gegen die Mahnung des Papstes, jener „wüsten Bewegung" sich anschlicßt und jene „soziale Pest" verbreitet, der ist ein abtrünniger Christ!! Es ist nothwendig, das zu betonen, weil es ja aus der Geschichte nur zu bekannt ist, das; der niedere Klerus auch selbst um ein Machtgebvt des Vatikans sich nicht kümmert, wenn es seinen Tendenzen widerspricht. Man braucht mir an das Beispiel des Dr. Sigl in München zu denken, dessen „Vaterland" ja seit Jahrzehnten die Führung in der Judenhetzc übernommen hat. So zweifeln wir auch keinen Augenblick daran, daß der „wüste" wie der „stille" Antisemitismns trotzdem im klerikalen Lager weiter betrieben werden wird, aber es ist doch immer gut zu wissen, daß dies gegen den Willen des Oberhaupts der katholischen Kirche geschieht, das dieses Treiben als „eine wüste Agitation, eine soziale Pest" ein für alle Mal gebrandmarkt hat. Wir haben oben gesagt, daß dieses Papstwort uns nicht in Verwunderung gesetzt habe. In der Thal, wir haben es nicht anders erwartet. Auch hier ist die Geschichte die beste Lehrineisterin. Gar oft waren es die Päpste, die — mit seltenen Ausnahmen — gegen die Blutbeschiildignngen, gegen die Jndenoerfolgnngen ausgetreten sind. Wiederholt sind hohe Würdenträger der Kirche auch im letzten Jahrzehnt für die Idee der Toleranz, des religiösen Friedens mit Begeisterung cingetreten. Noblesse adlige! lind dieser Adel der Gesinnung ist es auch, der das greise Oberhaupt der katholischen Ehristenhcit dazu oermilaßt hat, jene entschiedene Absage an die antisemitische Bewegung zu richie», die, wenn sie auch nicht der Bewegung selbst ein Ende mache» kan», doch sicher wenigstens in dem Lager, wo ein Papsiwort auch ein Machtwort ist, einen heilsamen Nmschlvnng hcrvorbringen wird. U

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