Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1892)
- Date
- 1892-05-06
- Page
- Seite 228 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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228 Tode entgangen, mtb konnten so mit Marie, mit ihrem Vater fühlen, , hatten so doppeltes Verständnis: für die Heldenthat, welche Simon, von Liebe getrieben, vollführt hatte. Und als Richter zu seinem Retter aufblickte, da schiunnerten in seinen grauen Angen Thränen: da bewegten sich seine Lippen, als wollte er den edlen jungen Mann um Verzeihung bitten. Und doch, es war ihm, als könne er die Worte nicht über die Lippen bringen. Noch war ja der entsetzliche Bann nicht gelöst! Ta — wieder lauschte Dilles! Ergreifend hallte es von dem brennenden Glockenthurm der Nikolaikirche durch die Nacht: Wer nur den lieben Gott läßt walten. Es war der Schwanengesang, den die von der Gluth in Bewegung gesetzten Glocken des Glockenspiels anstimmten. Gleich darauf aber neigte sich der stolze, zu Gottes Ehre errichtete Bau des Thurmes unb brach in sich zusammen. Gott selbst hatte schaurig schnell und Ergreifend den Bann gelöst, der zwei liebende Herzen von einander reißen sollte für Zeit und Ewigkeit! Tief bewegt legte der Maler Richter die Hand der Tochter in die seines edelmüthigen Retters. Des Obdachs beraubt, nahrn er auch für Tochter dankend die Einladung an, vorläufig bei der Wittwe Lesser zu wohnen. Ein halbes Jahr später aber, an einem Dienstag Nachmittag, war die alte Synagoge bis ans den letzten Platz gefüllt. Doktor Simon Lesser führte Marie, die den Namen Mirjam angenommen hatte, unterregster und aufrichtigster Theilnahme unter das Trauzelt, und als nach und nach die Kräfte des Malers Richter nicht mehr ausreichten, das tägliche Brod zu schaffen, da kannte er keinerlei Nahrnngssorgen, denn der "Advokat Simon Lesser, der einst verachtete Jude, war ihm ein lieber und geliebter Sohn geworden, der jede, anch die kleinste Sorge, von dem Vater seiner geliebten Mirjam fern hielt. Miscellen. * I. G. Hamann, der Magus aus Norden, gehört zu den großen "Anregern der Deutschen Litteratnr, zu den Erweckern religiösen Sinnes und philosophischer Mystik im Zeitalter der Aufklärung. Er hat immer noch seilte Gemeinde. Bon Interesse ist der ltachsteheltde Brief, der zwar für Hamanns Weltanschauung nichts Neues bringt, uns aber einen Blick in seine Häuslichkeit gewährt. Er ist nach Jahr unb ( Monat nicht datirt; iudeß die Erwähnung des noch bevorstehenden Ge-! burtstages seiner Käthe läßt keinen Zweifel, daß er mu 28. und 24 November 1778 geschrieben ist, denn nach einem Briefe an Jaeobi trat dieses Töchterchen am 21. December 1784 ins 11. Jahr Der Empfänger, ein Jude, war wohl Lippman Löwen, der in einem Briefe an Herder als Theilnehmer an Hamanns Geburtstagsfeier im Jahre 1778 erwähnt und als Hausfreund geschildert wird. Der Empfänger wird allerdings einige Mühe gehabt haben, den schwer lesbaren Brief zu entziffern. Daß Epikur in seinen Gärteli seine Philosophie vortrug, erklärt eine Anspielung Hamanns Er schreibt: Liebwerthester Freund! Weil wir uns einander bald Wiedersehen werden: so haben wir uns einander die mühe eines Abschiedes erspart. Da Sie bereits durch das Empfehlungsschreiben des Herrn Kreutzfeld eingeführt sind: so habe ich bloß den Herrn Kappelmeister Reichard gebeten, dafür sorge zu tragen, daß es Ihnen nicht zu sehr in Berlin gefällt und daß Sie ltnserlt heil. Christ nicht versäulnen, woran so einern ehrlichen Israeliten wie Sie sind, allerdings gelegen sein muß. Sie wißen, daß ich den ganzen Sommer wegen meines verfluchten Leichdorns nnb überengen Schuhe ent keine Staatssachen habe denken können. Ich weiß, daß Sie mich öfters darüber ausgelacht und an tneiner Philosophie gezweifelt haben, die freylich keine Gärtnerin, wie Epikurs seine ist Um Sie in wenig Zeilen sehr mannigfaltig zu unterhalten, meld ich Ihnen jetzt, daß ich vorigen Milttvoch nicht int Stande war auszugehen, ohngeachtet ich eine doppelte Botschaft von Mlle Stolz erhielt, die ausdrücklich in die Stadt gekomlnett war, iticht eben meinethalbett, sondern einen jungen Kaufmann aus Hamburg zu sehen, der aber schon Dienstag abgereist war. Da hat sie mir eine schöne Silhouette von einer adligen Dame eingehändigt, die ich Ihnen zeigen will, wenn Sie nur erst hier wärett. Sie kam in einer Kutsche zu mir und erinnerte sich auch Ihrer. Was in unsrer Kauterschen Zeitung gestanden hat, darf ich Ihnen! tlicht melden; das Uebrige soll Ihnen alles mündlich erzählt werden. ' lieber mich ist es verhängt, daß ich ohne Leichdorn nicht leben soll.! Lehnchen hat die Windpocken, Gottlob, überstanden; aber Hänschen! liegt schlimnter daran. Eben erzählt Luischen, daß ein großer Vogel j heute Morgen an's Fenster gekommen, und die Mutter hält selbigen j für eine Unglücks-Eule. Vor einer Stunde ungefähr fuhr er auf und hatte einen Engel im Traum gesehen; vermuthlich, weiter den ganzen Tag mit einem Engel von Pfefferkuchetr gespielt. Sie sehen, liebwerthester Freund, aus gegenwärtiger Probe, daß ich wieder zu schreiben anfange und Alles, was ich das ganze Jahr versäumt habe, einzuholen denke. Wie den: geneigten Leser dabei zu Muthe sein wird, mögen Sie an sich Selbst beurtheilen. Und hiermit leben Sie wohl. Bessert sich mein winselndes Hänschen: so schreib ich nächsten Posttag mehr. — Sv weit kam ich am letzteli Sonittage unseres Kirchenjahres. Seitdem ich an Ihren Festen Theil nehme, dürfen Sie sich kein Genüßen über machen, sich auch um unsere Feiertage zu bekütnnlern. Montags, den 24., nach dem Essen. Da ich doch ein Couvert machen muß und dies Ouartblatt dafür nicht brauchbar ist: so erlauben Sie mir auf nteinetn Sorgenstnht fort ztlfahren. Hänschen hat zwar diese Nacht weder geschlafen nod) Oeffnung ge habt, befindet sich aber doch recht munter und trägt nur mit einem | lächelnden Ja! auf, Sie von ihm zu grüßen. Bin diesen Morgen beyni; Doktor gewesen, den ich gestern nicht finden konnte, der blos der Menge j des Ausschlages ohne schlintmere Folgen Alles zuschreibt, anch mich I wegen der Pocken in den Augen beruhigt hat. Lehncheti oder vielmehr Kättchen feiert morgen ihren Namenstag und über acht Tage ihren 4. Geburtstag. Die Feyertage in meiner Haushaltuttg nehmerr in eben dem Verhältniß zu, wie die öffentlichen abnehmen und ich weiß tiicht, wo ich alle Braten hernehmen soll. Je todter es in tneinem Garten aussieht, desto lebhafter ist es aus uleinem Gehöfte. Ein junger, welscher Hahn, der auf Stelzen geht und den mau noch kein einziges Mal krähen gehört, der folglich gar nicht zu der Raee der jungen Schreyhälfe gehört, die unser Professor K. nicht leiden kann. Ferner drei gemeine Hühner. Ich denke, daß ein so junger Verwalter, wie ich, sich mit diesen: Besatz von Federvieh behelfen kann vor der Hand. Diese Woche kommt Mlle. Stolz vom Lande, um in der Stadt zu zu bleiben und ihre Singstunden fortzusetzen und neue anznfangen mit den: armen Teufel Uriel der weiland vergötterten Selma. (Das bleibt unter uns beiden und wir mäßen gemeinschaftliche Anstalten machen, nicht ausgestochen zu werden.) Doch wenn ich noch länger fortfahre laufe ich Gefahr, in den Ton der lieben Medisance zu gerathen. Au unseren Freund, Herrn Mendelssohn, wenn er von Hannover zurückgekolnmen ist, denke ich mit Nächstem selbst zu schreiben, wiewoh! ich es schon gethan mehr wie einmal aber wegen meiner üblen Laum nicht habe abgehen lassen. Empfehlen Sie mich seinem Reisegefährteu und — künftigen Wirth — H. F. Ephraim bestens zum geneigten Au denken und sagen Sie mir mündlich, ob Sie im Stande gewesen, meingelehrte Faust zu lesen. Leben Sie unterdessen recht, endigen Sie nacl Wunsch Ihre dortigen Geschäfte, bringen Sie uns gelehrte Neuigkeitei- und Naschereyen mit, pour la petite bouclie au bon gout. Und somb Gott empfohlen an revoir. Ihr ergebenster Io hau n Georg Hamann. Druck und Verlag von Rudolf MoNe in Berlin Verantwortlich für d:e Redaktion- Max Bauchwitz in Berlin