Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1892)
- Date
- 1892-05-06
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nicht achtend der Wuthausbrüche des gekränkten Vaters öffnete er unwillkürlich die Arme, und von gleicher, himmelstürmender Lust, vorn gleichen Weh beseelt, flog Marie, dem Vater trotzend an Simons Hals. „Zurück, ehrvergesseue Dirne!" rief der Maler Richter, sie auch von dem Geliebten trennend. Da plötzlich erstarb ihm das Wort auf der Lippe. Von dem Glockenspiel der nahen Nikolaikirche hallten die Klänge von Georg Neumarks ergreifendem Liede durch den Abend: „Wer nur den lieben Gott läßt walten Und hoffet auf ihn alle Zeit, Den wird er wunderbar erhalten In aller Noth und Traurigkeit. Wer nur dem lieben Gott vertraut. Der hat auf keinen Sand gebaut." Wunderbar wirkten diese Klänge auf die Herzen unserer Liebenden, wenngleich himmelweit verschieden. „Wer nur dem lieben Gott vertraut," sprach es verständnißvoll aus den Blicken der Liebenden, während auch der Vater Mariens plötzlich tiefernst geworden war. Noch eine Minute lauschte er den Klängen des herrlichen Liedes, dann aber erhob er die Rechte wie zum Schwur, und ernst, gemessen, ja säst feierlich, drang es über seine Lippen: „Wisse, unfolgsame Dirne, und wissen auch Sie, Herr Doktor, so lauge noch das Glockenspiel von Sankt Nikolai mich daran erinnert, j daß ich Christ bin, so lange noch der Thurm von Sankt Nikolai zum j Himmel strebt, wird kein Jude meine Tochter als Weib heimführen und! wenn er mit allen Würden der Welt geschmückt wäre!" Noch einen wehmüthigen Blick auf Marie, noch einen Druck ihrer i schmalen, feinen Hand, den sie innig erwiederte, während heiße Thränen : ihren blauen Augen entströmten, dann verließ Simon, gebrochen an Leib i und Seele das Haus. Es war ihm zu Muthe, wie einem Menschen, der j vom Friedhof heimkehrt, auf dem er das Liebste zum ewigen Schlummer! gebettet. Erschreckt sprang Simon vom Lager empor. Dumpfe Klänge der Sturmglocken, markerschütternde Hornsignale der Nachtwächter hatten ihn aus dem Schlummer gerissen. Nur eine Stunde wollte er, völlig erschöpft, der Ruhe pflegen, nachdem er bis zum späten Abend unstät die Straßen Hamburgs durcheilt hatte. Zu Tode erschreckt über das Läuten der Sturmglocken, das laute Treiben auf den Straßen, stürzte er halb angekleidet zum Fenster. Er prallte entsetzt zurück. War es denn möglich, was er hier erblickte? Ganz Hamburg schien in ein Feuermeer gehüllt, und wenn auch die Gasse, in der er mit seiner Mutter wohnte, noch abseits von dem Herd des Feuers lag, so waren doch auch hier alle Bewohner damit beschäftigt, mit jener, mam könnte sagen, hemmenden Hast, ihren Besitz in Sicherheit zu bringen, mit jener Ueberstürzung, die beim Ausbruch einer verheerenden Feuersbrunst die Menschen meist derart der Besinnung beraubt, daß sie in der Regel das Werthlose bergen, das Werthvolle dagegen absichtslos der Vernichtung preisgegeben. Schnell batte Simon sich angekleidet, und nachdem er von der Mutter Abschied genommen und diese dem Schutz guter Nacybarsleute empfohlen hatte, eilte er dem verderbenden Herde des Feuers zu, das 'ich mit rapider Schnelligkeit unheimlich von Gasse zu Gasse fortj vflanzte. Simon, getrieben vom innersten Drange, an dem großen Rettungswerke theilzunehmen, stürmte vorwärts. Er bedurfte ja, wie alle Hamburger, in jenen unvergeßlichen Schreckenstagen und Nächten nicht erst eines Wegweisers. Flammensäulen, die weit hinaus über das Meer, lveit hinaus in die Lande den Vernichtungskampf ankündigten, den das wüthende Element gegen die alte deutsche Hansastadt eröffnet hatte, sie zeigten ihm den Weg. Bald hatte Simon die brennenden Stadttheile erreicht, und wahrlich, er durfte nietet erst fragen, wo er helfend zugreisen sollte. Lodernd schlugen die Flannnen zun: Himinel empor, gierig leckten sie an ganzen Straßenzügen, und der Sturm, der vom Meere her peitschte, fachte das verheerende Element 31t immer wüthenderem Toben an. Verzweiflung lagerte auf den Tausenden bleichen Gesichtern Betend und händerigend sahen Alle machtlos ihre Habe vernichtet, hatte sich doch selbst die Oberfläche der Elbe durch brennendes Oel in ein Feuermeer verwandelt, so daß die Schiffe schleunigst den ihnen sonst lieben, jetzt Verderben bringenden Hafen verließen und der offenen See zusteuerten. Da plötzlich wurden viel Tausende durch ein schaurig schönes Bild gefesselt. Die Nikolaikirche hatte Feuer gefangen, und an dem Thurm derselben züngelten Tausende Flamme:: empor, den Thurm in eine gigantische Feuersäule verwandelnd. Auch Simon blickte auf. Da plötzlich durchzuckte sein Herz ein jäher Schmerz. Dort, in der Nähe der Nikolaikirche, wohnte ja auch Marie, sie, an der sein Herz trotz der schroffen Zurechtweisung, der Beschämung, die er noch vor wenig Tagen von ihrem Vater erfahren hatte, in unlösbarer Innigkeit hing! War er in dem allgemeinen Chaos, in dem Wirrwar des Schreckens sich bisher nicht bewußt geworden, wo ihm der Platz zugewiesen, jetzt hatte er es erkannt. Sie, Marie, die Geliebte seines Herzens, wollte er der Gefahr entreißen, dann mochte kommen, was da wollte, hatte er doch das Theuerste geborgen. Das Herz von Todesangst gefoltert, eilte er der Nikolaikirche 31t, gewaltsam, fast mit übermenschlicher Kraft bahnte er sich einen Weg durch die Massen der Rettenden und der müßigen Gaffer. Nur ein Ziel schwebte ihm vor, er wollte, er mußte es erreichen, unb wenn es auch sein Leben kostete, und er erreichte es. Doch war es dennoch zu spät? Nein, nein, dort stand ja Marie in leichtem Gewände, doch bleicher Schrecken sprach ans ihrem verstörten Antlitzt mit stieren Blicken betrachtete sie das eben verlassene Haus, von dessen Dachfirst eine mächtige Lohe himmelan strebte. „Um Gottes Barmherzigkeitwillen rettet meinen Vater!" flehte sie händeringend. Doch der Ruf verhallte in dem vieltausendstimniigen Sprachgewirr fast lautlos. Nur Einer war es, der ihn vernommen, in dessen Herzen er erschütternden Widerhall gefunden, nur Einer war es, der die Gefahr nicht achtend und trotz der warnenden Zurufe der entsetzten Menge durch Ranch und Flammen über die brennender Trepperr, die unter ihm znsammenzustürzen drohten, eurpordrang! Marie hatte ihn erkannt, und von Entsetzerr erfüllt darüber, daß ihr Geliebter sich dem sicheren Tode opferte, brach sie ohnmächtig zusammen. Strrmm verharrte die Menge durch mehrere Minuterr in dem Bewußtsein, daß hier ein Mensch, von Nächstenliebe getrieben, seirr Leben nutzlos dem gierigen Element opferte. Dieses ergreifende Bewußtsein fesselte Alle derart, daß sie selbst das schaurig-schöne Bild, das der brennende Thurm gewährte, darüber vergaßen, auch die Gefahr, die der drohende Einsturz des Thurmes ihnen bringen konnte! Wie ein Alp hatte es sich auf Alle gelegt. Da plötzlich durchbrach tausendstimmiger Freudenruf die Luft. Simon, der muthige, junge Mann, erschien am Fenster. Einem willenlosen Kinde gleich lehnte ein Greis in seinen kräftigen Armen. In der nächsten Minute bereits waren Leitern herbeigeschafft und langsam doch sicher entstieg der Todesmuthige, der einer: schon verloren Geglaubten seiner Tochter gerettet hatte, über die schwankenden Sprossen hernieder. Kaum aber hatte er den Erdboden erreicht, als das brennende Gebäude krachend in sich zusammen stürzte, die Habseligkeiten seiner Bewohner, auch die des Malers Richter, unter den Trümmern begrabend. Wieder wenige Minuten später und Simon hatte den Geretteten zu seiner Tochter geführt, die aus der Ohnmacht, wie aus einem bösen Traum erwacht, bald den Vater, bald den Geliebten umarmte. Und an ihrem Glück nahmen alle diejenigen Theil, die dessen Zeuge. Waren doch die Meisten ebenfalls nur mit genauer Noth dem sicheren.