Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1892)
- Date
- 1892-05-06
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227951--48811-3269467- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
224 gewiß nach Brüim gegangen! Dort ninß er sein! Und wenn inan ihn finden will, dort muß man ihn anfsnchen! Und dabei blieb es auch. Reb Wolf Ochscnhündler lies; sich fein Zeugcl anspannen und fuhr nach Brünn. Die Mutter schöpfte neue Hoffnung, als sie ihn auf den Wagen steigen sah; sie wußte, was er für ein Mann sei, und was er Alles durchsetzen könne; sie zweifelte fast nicht, daß es ihm gelingen werde, den Sohn zu finden, und bedauerte nnr, daß er das nicht gleich früh Morgens gethan habe, ehe Fintel aufs Dorf hinausgegangen; denn das hätte man eigentlich vorausfehen können, daß Jossef sich nicht auf ein Dorf hinaussetzen lverde. Fintel iah dagegen den Vater mit Wchmuth scheiden; denn sie war don der Fruchtlosigkeit seines Unternehmens am besten überzeugt. Während nun Mutter und Tochter schweigsam im Hanse umhergingen und keine von Beiden durch ein unzeitiges Wort den stillen Schmerz der Anderen stören wollte, fuhr der Vater über die vom magischen Mondenlichte beschienene Landschaft dahin und eilte seinem Ziele zu. Hinter ihm, nicht hundert Schritt weit, rollte ein zweites Wägelchen und folgte dem ersteren mit nicht minderer Eile in dieser sich mehr oder minder gleichbleibenden Entfernung. Wenn derjenige, der darinnen saß, gewußt hätte, wer auf dem ihm vorauseilenden Wagen sich befinde, er hätte die Pferde minder angetrieben, er würde es im Gegentheil zu vermeiden gesucht haben, mit Wolf Ochsenhändler zusammenzntreffen; und hätte dieser geahnt, wer derjenige sei, der hinter ihm mit solcher Eile daher fahre, als würde derselbe ebenfalls einen verlorenen Sohn aufzusuchen sich aufgemacht haben, er wäre gewiß stehen geblieben, anstatt weiter zu eilen, und hätte denjenigen, den er suchte, in seine Arme und an sein Vaterherz geschlossen; denn es war kein anderer als Jossef, sein Sohn, der desselben Weges fuhr und ebenso wie der Vater nach der Landeshauptstadt eilte. Aber Vater und Sohn wußten von einander nichts, ahnten es nicht, wie nahe sie einander seien; so fuhr der Eine hinter dem Anderen in bald größerer, bald geringerer Entfernung, ohne auf einander Rücksicht zu nehmen, fast die ganze Nacht, bis sie des Morgens in Brünn anlangten. In Brünn angekommen, ging Jeder von ihnen seiner Wege; einen bestimmten Weg hatte der Sohn vor sich, einen nnbestimmten aber der Vater. Der Sohn ging zu einem Geistlichen, an welchen er von seinem künftigen Schwiegervater gewiesen wurde, und trug ihr» sei» Begehren vor, in den Schooß der katholischen Kirche ausgenommen zu werden. Der Geistliche ging bereitwillig ans den Wunsch des jungen Mannes ein und begann sogleich mit ihm den vorbereitenden Unterricht. Während Jossef nun in. die Grnndlehren der katholischen Kirche eingeweiht wurde, ging sein Vater auf die Krön« hinaus, wo er einen oder den andern seiner Geschäftsfreunde und Bekannten zu finden und dessen Rath einzuholen hoffte. Er sing an seine Untersuchungen anznstellen, er befolgte jeden Rath, den man ihm gab und der nnr irgendwie zur Entdeckung des verlorenen Sohnes führen konnte. Er besuchte öffentliche Spaziergänge und Vergnügungsorte, dahin ihn die Neugierde sonst niemals getrieben hatte; er saß stundenlang in Lokalen, wo er vermnthen konnte, seinen Sohn Plötzlich da eintreten zu sehen. Er ging ins Theater, nicht um das Stück zu sehen, das da aufgeführt wurde, sondern um den Sohn zu suchen. Er ging ans den Franzensberg, nicht um den Obelisk anzugaffen, in den Angarte», nicht um die Militärmusik zu hören, in den Bierkeller auf den Dominikanerplatz, nicht um Bier zu trinken, ins Kaffeehaus zu Padowetz, nicht um Billard zn spielen, sondern um den verlorenen Sohn zu suchen — und so ging er hin und her, von einem Orte zum andern, den ganzen Tag und die halbe Nacht — um den Sohn zn finden, und am andern Tage sing er das Geschäft wieder von vorn an und suchte und suchte »nd fand den Sohn nicht. Ja freilich, wie hätte er ihn auch finden sollen! Dieser saß in dem Winkel einer kleinen Stube lind war damit beschäftigt, seinem Gedächtnis; die Lehre von der Dreieinigkeit hiuzuprägen. Während Jossef so von Tag zu Tag immer mehr Fortschritte machte und mit jeder Stunde fähiger wurde, die Taufe zn empfangen, setzte sein Vater mit unermüdlicher Geduld seine Wanderungen Tag für Tag fort, jedoch ohne dem Ziele seiner Unternehmung näher zu kommen, ohne auch nur eine Spur von dem Dasein des entschwundenen Sohnes aufzufinden. Da drängte sich dem Vater der Gedanke auf, der Sohn möchte sich ein Leid zugefügt, er könnte selbst Hand an sich gelegt haben. Man müßte die Leiche auffinden! — suchten ihm seine Bekannten diesen entsetzlichen Gedanken auszureden, allein das konnte ihn wenig trösten, denn es hat schon Fälle gegeben, wo man die Leiche nicht, wenigstens nicht gleich aufgefnnden! Und der Gedanke, indem er ihm beständig fort nachhing, machte ihn so traurig und trübsinnig, daß er zu jeder Art von Unternehinung unfähig wurde, und sein tagelanges Suche», als fruchtlose Mühe erkennend, nichts Anderes mehr anznfangen wußte, als unverrichteter Sache wieder nach Hause zu reisen. Zu Hause angekommen, konnte er seine Besorgniß vor Weib und Kind nicht verbergen, und wie cs ihm auch ins Herz schnitt, er sah sich gezwungen, seiner Furcht Worte zu leihen. Es kann nicht anders sein! Der Jung hat sich etwas angethan! ich hätt ihn sonst gefunden! — dies war sein Jammer! Weib und Tochter suchten ihm seine Furcht auszureden; allein es half nichts. Jittesch ermahnte ihn, gefaßt zu sein und auf Gott zn vertrauen, der den Sohn schon wieder unverhofft zurückbringen werde. Finkel hätte seiner Furcht freilich entgegensetzen können, daß er in; Dorfe draußen zu finden sei, wo sie ihn gesehen und gesprochen habe; allein mit solchem Bekenntnis; Hütte sie die Sache nichl besser, sondern ärger gemacht; denn wenn sie ihn auf dem Dorfe draußen wirklich gefunden, warum hat sie ihn nicht mit nach Hause gebracht? Ja noch mehr, warum hat sie es nicht gesagt, daß sie ihn gefunden, warum hat sie es verleugnet? Gestand sic jetzt ein, was sie früher verlengnete-, dann muß mit ihm etwas geschehen, was sie sich nicht zn enthüllen getraute, etwas, das noch ärger ist, als der Tod, und — es giebt noch ein Aergeres! — das wußte Finkel, die Nachricht von dem wirklichen Zustande des Sohnes war für die frommen Eltern noch bitterer als der Tod und sie mußte schweigen, wo sie hätte reden, mußte beschwichtigen, wo sie hätte aus klären können; mußte die guten Eltern unselige Qualen erdulde» sehen, um ihnen noch größere zu bereiten. Allein, was sie auch zu verheimlichen suchte, es kam endlich doch an den Tag, mußte an den Tag kommen. Mache! Dorfgeher, der Montag früh mit ihr znsammengetrosfeii just nachdem ihr die Zigeunerin die Karten aufgeschlagen hatte, kenn wie gewöhnlich Freitag Nachmittags vom Dorfe heim. Ihm konnte» die Vorgänge, die sich im Laufe der letzten Tage im Hause de- Fleischhauers abgespielt hatten, nicht verborgen bleiben, und iven» er auch nicht in Alles haarklein eingeweiht war, so hatte er doä! genug zn hören bekomme», um über die Hauptsache im Klaren sein. Wäre Finkel nicht selber im Dorf anwesend gewesen, so war, er gewiß ans die erste Nachricht hi», die ihm über den Vorgang z» Ohren kam, nach Hause geeilt, um den Eltern über das, was ihnen von ihrem Sohne bevorstand, Bericht zu erstatten. Er hätte diee für seine Pflicht gehalten, denn er hätte nicht zweifeln können, das; Reb Wolf Ochsenhändler, rechtzeitig von dem Entschluß seines Sohnes in Kenntniß gesetzt, Mittel und Wege finden würde, um solchen Entschluß zu vereiteln. Da er aber wnße, daß Finkel selbe«