Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1892)
- Date
- 1892-05-06
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
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22 8 ohne gegen ihr Gewissen zu Handel», auch ihrerseits die Soliderart nach bestem Vermögen von sich zu thun und alle Schranken zwischen sich und den übrigen deutschen Mitbürgern mit entschlossener Hand niederznwerfen." Dies die Auslassung Mommsens, auf welche sich so viele von denjenigen berufen, die nach einer Rechtfertigung ihrer eigenen oder ihrer Kinder Taufe suchen. Jndeß, so groß unsere Verehrung für den großen Geschichtsforscher ist, fordert doch jene Aeußerung Wort für Wort zum Widerspruch heraus. Um mit demjenigen Passus zu beginnen, der unser Thema nur mittelbar berührt — wie sollten wir der jüdischen Wohlthätigkeitsvereine entbehren können, so lange nicht für interkonfessionelle Vereine in ausreichendem Maße gesorgt ist, so lange viele Vereine existiren, welche die Unterstützung jüdischer Nothleidender von ihren Zwecken ausschließen. Schon Rücksichten der Humanität lassen unter solchen Umständen das Bestehen jüdischer Wohlthätigkeitsvereine als wünschenswerth, ja als erforderlicherscheinen. Daß die Voraussetzung für die Taufe die Annahme des christlichen Bekenntnisses ist, ficht Mommsen wenig an, weil das Wort Christenheit heute nicht mehr voll bedeute, was es einstmals ausdrückte Aber auch heute ist der Jude, der zum Christenthum Übertritt, vor die Frage gestellt, ob er sich für den Katholizismus, den Protestantismus oder ein anderes Bekenntniß mit christlich-religiösem Inhalt entscheiden soll. Welche dieser Konfessionen soll nun der Konvertit annehmen? Und soll der Jude in dem einen Lande das eine, in dem anderen Lande ein anderes Bekenntniß wählen? Wenn es die Menschen selbst Frömmelei an den Tag legen, wenn sie ihren Glanbenswechsel nicht mit der noch verwerflicheren Handlungsweise bekunden, daß sie das Nest, dem sie entstammen, mit Haß und Verleumdung beschmutzen. (Fortsetzung folgt.) U FEUILLETON Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. (Fortsetzung.) Hätte Finke! etwas weniger Zartgefühl besessen, hätte sie sich nicht davor entsetzt, den Eltern die erschütternde Nachricht mitzutheilen, Hütte sie der Wahrheit die Ehre gegeben und ihnen rund heraus gesagt, wie es uni den Sohn stehe, und welche Saat in seinem Herzen aufgegangen sei — wer möchte es entscheiden, wie sich die weiteren Schicksale des Sohnes gefügt hätten! Die guten Eltern hätten gewiß alles Mögliche arifgeboten, um den verlorenen Sohn wieder in ihr Haus zurückzufiihren; sicher wären Vater und Mutter, toie sie da gingen und standen, sogleich hinaus aufs Dorf zu ihrem Sohne, und was der Schwester hartnäckig verweigert worden, wer will es behaupten, daß es den Ermahnungen und Bitten eines schwer gebeugten Vaters, den Thränen und dem Jammer einer zu Boden geworfenen Mutter nicht gelungen wäre! Jossef der lleberlegung für werth halten, welche Toilette sie wählen —Viele, nicht blos Frauen, sollen sich mit dieser Frage sogar recht eingehend beschäftigen — werden es doch wohl die Menschen nicht als etwas Gleichgiltiges ansehen dürfen, welche Wahl sie bei der Annahme eines neuen Bekenntnisses treffen. Man appellire auch nicht im Interesse der Taufe an den Patriotismus! Sollte das eine dankbare Gesinnung gegen das Vaterland bedeuten, tvenn Einer sich gegen oder ohne seine Ueberzeugung zu einem neuen Glauben bekennt? Das Wohl des Vaterlandes verlangt Charaktere. Die Taufe aber verdirbt den Charakter. Das gilt um Vieles ernster als jenes Wort, das so mißbräuchlich auf die Politik angewandt worden ist. Wofern Mommsens Anregung einen sittlichen Charakter in Anspruch nehmen will, kann sie nur den liebertritt derjenigen wünschen, die damit ei»positives christliches Bekenntniß annehmen wollen. Nun mag Jemand der dem Christenthum von Geburt angehört, von seinem aufgeklärte» Standpunkt aus die Voraussetzungen für die Zugehörigkeit zum Christenthum als recht dehnbar ansehen dürfen; der Jude, der sich in das Christenthum aufnehmen läßt, hat sich an das zu halten, was der allgemeinen Vorstellung nach als Grundlage des christlichen Glaubens gilt, und für ihn erhält gerade das Bedeutung, was den Unterschied zwischen Judenthnin und Christenthum ausmacht. Unter diesem Gesichtspunkte aber möge sich der Jude, der zum Christenthum Übertritt, fragen, ob er nicht sich und das Christenthum, in das er eben Aufnahme begehrt, auf das Gröblichste täuscht und den ersten Schritt in die neue Gemeinschaft mit einer Lüge, mit einer Blasphemie besiegelt! Es kann nicht unsere Sache sein, n>it dem Christenthum darüber zu rechten, welche Anforderungen es an diejenigen stellen sollte, die in daffelbe aufgenonnnen zu werden wünschen; aber wenn schon profane Vereinigungen fordern, daß Jeder, der ihnen beitritt, sich zu ihrem Programm bekennt — um wie viel ernster und dringender müßte eine religiöse Gemeinschaft auf diesem Verlangen bestehen! In der That sehen wir denn auch diejenigen, die voni Jndenthum zum Christenthum übertreten, das Bedürfniß verspüren, den, wenn auch nur singirten, Beweis, dafür zu erbringen, daß sie dem neue» Glauben angehören, sehen wir, daß gerade die Konvertiten oft! Hütte sich vielleicht erweichen lassen, Hütte dem Andringen der Eltern I nicht widerstehen können, er wäre ins elterliche Haus zurückgekehrt, i freilich nicht ohne eine tiefe Herzenswunde mit nach Hause zu bringen, j aber die Zeit hätte diese Wunde allmälig geheilt und seine Eltern hätten ihm dereinst noch eine Gattin zugeführt, gegen die sich sein \ Herz nicht gesträubt hätte! i Doch >vozu diese Vorstellung eirics Zustandes, zu welchem so i ganz und gar keine Aussicht vorhanden ist! Es sollte ganz anders kommen. Finkels Nothlüge, deren sie sich aus Schonung für ihre! Eltern bediente, ging freilich aus der edelsten Gesinnung hervor,! aber die Wirkmrgen derselben waren darum nicht minder unheilvoll. i | „Gesucht und nicht gefunden!" — sagte Finkel, da sie von ihrer i Wanderung, die sie heute Morgen unternommen hatte, am Abend hcimgekehrt war: Gesucht und nicht gesunden! Wäre der Vater ein Kundiger der Mischnah gewesen, er hätte ihr nicht so leicht geglaubt; denn er hätte gewußt, wie es in der Mischnah heißt: Wer da spricht, ich habe gesucht und nicht gefunden, dem sollst Du nicht glauben! Reb Wolf war aber kein Kundiger l der Mischnah, sondern ein Ochsenhändler, und die Mutter, sie las j wohl emsig und fleißig in ihrem dicken „Menorath-Haniaor", aber was in der Mischnah steht, wußte sie darum doch eben nicht so genau, und so glaubten ihr die Eltern, daß sie den Bruder wirklich nicht gesunde» habe, obwohl sie des Morgens mit so viel Sicherheit verbürgt hatte, daß sie ihn finden und daß sie ihn bringen werde. Was blieb den guten Eltern unter solchen Umstünden zu thun übrig? Der Vater konnte sich nur entschließen, selber de» Sohn zu suchen; das war das einzige. Suchen — aber wo? auf dem Dorfe draußen ist er nicht; sonst hütt ihn Fintel ja getroffen! Ein Dorf ist nicht so groß, daß man von ihm draußen nichts Hütte erfahren sollen! Und wenn er in dem einen Dorfe nicht zu finden war, so ist er in den andern benachbarten Dörfern eben so wenig zu finden. Warum wird er sich auch, wenn er von daheim weglänft, arif ein Tors hinaussetzen! Sicher ist er irgend wohin gegangen, wo man ihn in der Menge nicht so leicht herausfindet. Kein Zweifel, er ist