Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1892)
- Date
- 1892-05-06
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227951--48809-3269465- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
222 Imit] angenommen hat. besser abzulegen sein; jedenfalls hat diese Geschichte das Jndeiithinn zugleich mit andere» Eigenschaften ausgestattet, welche seine Erhaltung gebieterisch fordern. Uni hier mir Eines nnznfiihren — unsere Geschichte hatte die Wirkung, daß die Inden mit den Freuden und Leiden Anderer selbst in den entlegensten Ländern mitenipfanden und auch werkthätiger Liebe für sie fähig waren, zu einer Zeit, wo anderwärts der Menschenliebe um so vieles engere Schranken gesetzt waren. Ist nun in unseren Tagen das Borbild bereits überflüssig geworden, daß auch bei der glühendsten Liebe für das Vaterland das Mitgefühl des Menschen mit Anderen über die Grenzen der eigenen Nation hinauszureichen hat? Nicht ganz in dem Sinne, in dem ich das hier erwähne, sprach der der Sache der Toleranz zu früh dnhingeschiedene Kardinal Manning in dem Meeting, das um der russischen Juden willen am 10. Dezember 1890 in London abgehalten wurde, das denkwürdige Wort: „Das Volk Israel in seiner Zerstreuung ist gleich den Einpfindungsnerven, die unseren Körper durchdringcn; sobald einer derselben an einer Stelle verwundet wird, empsinden alle anderen an den entferntesten Stellen des Körpers den Schmerz mit." Windthorst hinwiederum hat es uns in seiner Weise zum Borwurf gemacht, daß, wenn an einem noch so entlegenen Punkte der Erde einem Juden auf die Hühneraugen getreten würde, sämmtliche Juden quietschten. Die Leide» der Juden mit Hühneraugenschmerzen zu vergleichen, bedeutet im Munde dessen, der die Geschichte der Inquisition kennt, einen eigenthümlichen Euphemismus. Wird im Ernste der Welt nicht aber gerade damit ein gutes Vorbild gegeben, daß der Jude eines regen Mitgefühls selbst für das Leid von Menschen in der weitesten Ferne fähig ist? Es liegt keine Feindseligkeit gegen andere Glaubensgemeinschaften in der Behauptung, daß die Menschheit unter der Herrschaft des Christenthums das Ideal der Kulturentwickelung weder je erreicht hat, noch gegenwärtig demselben besonders nahe ist, ich meine das Ideal, welches der biblische Prophet mit so erhabenen und zugleich so lieblichen Worten gezeichnet hat. So lange die Menschheit aber dieses Ideal nicht erreicht hat, fällt dem Judciithum die Aufgabe zu, ihm zuzustreben, und die Fähigkeit, die Erreichung dieses Zieles fördern zu helfen, wohnt dem Judenthum vermöge seiner Lehre und seiner Geschichte unzweifelhaft inne. Weil das Verständnis; für die Kulturmissivn des Judenthums so selten zu finden ist, weil mit der Entfremdung gegenüber dem ceremoniellen und dogmatischen Inhalt des Judenthums dieses für viele ein leerer Schall geworden ist, glaubt sich heute eine nur zu große Zahl Juden vor die Frage gestellt zu sehen, ob sie nicht, wen» sie sich schon selber nicht taufen, ihre Kinder zum Christenthuni übertreten lassen sollen. Nach der jüngsten von dem Evangelischen Obertirchenrath der Oeffeutlichkeit übergebenen Statistik der Uebertritte zum Christenthum traten in Deutschland in dem Jahre 1886 170, in 1887 240, in 1888 348 Juden zum Christenthuni über, während sich die Zahl im Jahre 1876 auf 54, im Jahre 1877 auf 50, 1878 auf 57 belief. In den Jahren 1878 bis 1888 sind zusammen 1901 Juden getauft worden, davon entfallen allein auf die Provinz Brandenburg einschließlich Berlin 893 Fälle. Das sind Zahlen, welche dem Jiidenthum > zum Schimpf gereichen. Die antisemitische Bewegung kann wohl als Erklärung, nicht als Entschuldigung dafür angeführt werden. So > sehr dieselbe eine Schmach für unser Vaterland und unser Zeitalter,; so nichtsnutzig und verabscheuungswürdig sie ist — um wie Vieles! furchtbarere Leiden hatten unsere Vorfahren zu bestehen. Sie ertrugen aber lieber die entsetzlichsten Foltern, den Tod durch Feuer und Wasser, als daß sie von dem Judenthum abfielen. In jenen Zeiten wurden die Reihen der Judenhcit durch Scheiterhaufen dczimirt, daist ein Ehrendenkmal in unserer Geschichte; heute wird unsere Zah durch die Taufe gelichtet, das ist ein Schandmal! Zu dem Schimpf tritt aber noch die Widerwärtigkeit, indem nü; der Taufe heute eine Komödie eigener Art aufgesührt wird. In zähl ' reichen Füllen schreiten die Eltern zunächst zur Taufe ihrer Kinder. Z> j ihrer Rechtfertigung geben die Eltern dabei vor, daß sie die Pflichj hätten, ihren Kindern das Leben zu erleichtern. Sind dann erst die I Kinder getauft, dann finden die Eltern rasch auch einen Grund, selbe! zum Christenthum überzutreten. Die Taufe wurde einstweilen an; die Kinder beschränkt, weil sich damit auch ein Vorwand für di j eigene Taufe ergab.! In dem Bemühen, eine Rechtfertigung für die Taufe zu finden I ist in den jüngsten Jahren wiederholt auf eine Aeußerung Mommsene! des freisinnigen Gelehrten, verwiesen worden, in der er dem Uebertriv der Inden zum Christenthuni das Wort sprach. Wenn ich auf dies Aeußerung hier eingehen soll, muß ich sie wörtlich zitiren. Am Schluss seiner Broschüre „Auch ei» Wort über unser Jiidenthum" sag Mommsen: „Selbstverständlich ist unsere Nation durch Recht uu Ehre verpflichtet, die Juden in ihrer Rechtsgleichheit zu schützen, so wohl vor offenem Rechtsbruch, wie vor administrativer Prellerei, uu i diese unsere Pflicht, die wir vor Allem uns selbst schulden, häng keineswegs ab von dem Wohlverhalten der Juden. Aber wovi nicht wir sie schützen können, das ist das Gefühl der Fremdheit um Ungleichheit, mit welchem auch heute noch der christliche Deutsche deijüdischen vielfach gegenüdersteht, und das, wie der gegenwärtige Augei blick einmal wieder zeigt, allerdings eine Gefahr in sich trägt für sc wie für uns — der Bürgerkrieg einer Majorität gegen eine Minorib; auch nur als Möglichkeit, ist eine nationale Kalamität. Die Schrvs daran liegt allerdings zum Theil bei den Juden. Was das Wo i „Christenheit" einstmals bedeutete, bedeutet es heute nicht mehr bo! , aber es ist immer noch das einzige Wort, welches den Charakter du heutigen internationalen Civilisation zusammenfaßt, und in dem Millionen und Millionen sich empfinden als Zusammenstehende ai i dem völkerreichen Erdball. Außerhalb dieser Schranken zu bleibtu j und innerhalb der Nation zu stehen ist möglich, aber schwer und g - j fahrvoll. Wem sein Gewissen, sei es positiv oder negativ, es veu j bietet, dem Jiidenthum abznsagen und sich zum Christenthum zu ln l keimen, der wird dem entsprechend handeln und die Folgen auf sin j nehmen; Betrachtungen dieser Art gehören in das Kämmerlein, »io! in die öffentliche Diskussion. Aber es ist eine notorische Thatsaä! daß eine große Anzahl von Juden nicht durch Gewissensbedenken vo->! Uebertritt abgehalten wird, sondern lediglich durch ganz andere G! fühle, die ich begreifen, aber nicht billigen kann. Auch die zahlreiche.! spezifisch-jüdischen Vereine, wie sie zum Beispiel hier in Berlin l - stehen, erscheinen mir, soweit nicht eben die jeder Diskussion sich einziehende Glaubensfrage auch hier eingreift, entschieden vom Ueb i. Ich würde keinem Wohlthätigkeitsverein beitreten, dessen Statut ■:» mich verpflichteten, mir Holsteinern Hilfe zu gewähren; und bei al-u Achtung vor dem Streben und Leisten dieser Vereine kann ich » ihrer Svnderexistenz nur eine Nachwirkung der Schntzjudenzeit erkennen. Wenn diese Nachivirknngen auf der einen Seite verschw den sollen, so müssen sie es auf der anderen Seite auch, und aw' beiden Seiten ist noch viel zu thun. Der Eintritt in eine große Nation kostet seinen Preis; die Hannoveraner und die Hessen rmb wir Schleswig-Holsteiner sind daran, ihn zu bezahlen, und wir führ» es wohl, daß wir damit von unserem Eigensten ein Stück hingeb.» Aber wir geben es dem gemeinsamen Vaterland. Auch die Juli» führt kein Moses wieder in das gelobte Land; mögen sie Hosen vukaufen oder Bücher schreiben, es ist ihre Pflicht, soweit sie es köniu»,