Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1892)
- Date
- 1892-05-06
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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219 > aß die oberste Kultusbehörde, der großherzogliche Oberrath, eine mns besonders ausgezeichnete gottesdienstliche Feier des Jubiläums aif Samstag, den 30. April, für sämmtliche Synagogen des Landes i aordnete. Dieselbe bestand darin, daß, nach Absingung geeigneter Psalmen uei mit festtäglichem Schmuck versehene Thorarollen aus der heiligen '- ade gehoben wurden, worauf der Rabbiner oder Lehrer, der die ine Rolle in den Armen hielt, während zur Seite der Vorsteher; nd ein weiteres Mitglied des Synagogenraths mit den beiden aderen Rollen sich aufstellten, nachstehendes Gebet — an Stelle der blichen Fürbitte für Kaiser und Großherzog — bortrug: Allgütiger Gott und Vater! „Wir sind heute eingezogen in Deine Thore mit Dank, in Deine wrhöfe mit Lobgesang." Wir danken Dir und preisen Deinen Namen, aß Du, „durch den Könige regieren und Fürsten das Recht zum Gesetz heben", in Deiner großen Gnade uns einen Landesfürsten von hohem, nützlichem Sinn geschenkt, daß Du vor vier Jahrzehnten unfern Groß-?rzog Friedrich auf den Thron Seiner Väter berufen hast. Du tränktest chn aus dem Borne Deiner göttlichen Weisheit, schmücktest Ihn mit;?r Krone der erhabensten Herrschertugenden und leitetest Ihn auf die >öhen edelster Menschenliebe. Dein Vaterauge wachte über Ihm alleit. Dein himmlischer Segen folgte Ihm auf allen Seinen Wegen, denn r wandelte wohlgefällig in Deinen Augen. Wir danken Dir, Allltiger, für die verflossenen vierzig Jahre Seiner gottbegnadeten, glorichen Regierung, für die unermeßliche Fülle des Segens und der Ve- : lückung, die Du durch dieselbe dem Lande Baden zugewendet hast, wie ' r den ruhmvollen Antheil, den Du Ihn an der Wiederaufrichtung des; oßen deutschen Vaterlandes hast nehmen lassen. „Ja, Großes hast Du, i iviger, an Ihm, Großes hast Du an uns gethan; deß freuen wir uns." , adelnd danken wir Dir heute, daß Er auch uns, gleich allen Seinen e.adern Unterthanen, in Sein landesväterliches Herz eingeschlossen und 'unsere treue Hingebung an Fürst und Vaterland durch hochherzige Gewährung aller Segnungen vollberechtigten Bürgerthums gelohnt hat. Aus der Tiefe unserer bewegten Herzen beten wir: Laß, allgütiger Gott, auch fernerhin Dein schützendes Vaterauge lf dem Theuern ruhen,, bewahre Ihn vor jedem Leid und jedem Unge-! ach und gebe Glück und Gedeihen allen Werken Seiner Unternehmung. ’ rhalte Ihn noch eine lange Reihe von Jahren in ungeschwächter Geradheit des Körpers und Frische des Geistes, auf daß Ihm bis ins : uchste Alter durch Deine Gnade vergönnt bleibe, Förderer und Mehrer - r Wohlfahrt Seines beglückten Volkes zu sein. Behüte und beschirme isere inniggeliebte Großherzogin Luise und gewähre Ihr Deine Hilfe id Deinen Beistand bei Ihrem edlen, menschenfreundlichen Wirken, aß Deinem gnädigen Schutze den Erbgroßherzog und die Erbgroß-?rzogin und alle Angehörigen unseres erlauchten Fürstenhauses befohlen in. Segne Seine Majestät den Deutschen Kaiser Wilhelm 11. und die lammte Kaiserliche Familie. Segne das Deutsche Reich, fördere sein 'eil, mehre seinen Wohlstand. Laß Gotteserkenntniß und Nächstenliebe, intracht und Frieden sich über das ganze Menschengeschlecht verbreiten id Israel glücklich sein. So sei Dein heiliger Wille. Amen!" An den Rabbinatssitzen fanden außerdem Festpredigten statt, clche von einzelnen Rabbinern auch den übrigen Gemeinden ihres "ezirks zur Verlesung beim Gottesdienste mitgetheilt wurden. In elen Synagogen waren ferner Vorsüngerpult und Kanzel mit ‘Umeu= oder Laubgewinden geziert. Der Oberrath seinerseits hat sich gedrungen gefühlt, namens der ufammtheit der badischen Israeliten dem Großherzog eine Dank-!id Huldigungsadresse zu überreichen. Obgleich dieser wegen eben It überstandener Bronchitis noch sehr schonungsbedürftig ist und chalb nur wenige Deputationen empfangen konnte, wurde dem berrath auf Anfrage sofort mitgetheilt, daß Seine Königliche wbeit die Abordnung desselben — bestehend ans den Herren Ober- -U) Bielefeld, Regierungsrath Dr. Mayer und Konfereuzrabbiner -r. Schwarz — persönlich zu empfangen wünsche. Die Audienz fand am 30. April in der feierlichsten Form statt. Die Abordnung wurde durch den Oberstkammerherrn Ere. Freiherrn von Gennningen in den Empfangssaal geleitet, wo außer dem Groß Herzog auch die Großherzogin Luise, der Erbgroßherzog und die Erbgroßherzogin, umgeben von den höchsten Hofchargen, anwesend waren. Der Großherzog zeigte sich sehr erfreut über die zunächst von dem Senior des Oberrathskollegiums, Herrn Bielefeld, dargebrachten Glückwünsche und gestattete hierauf gern die Verlesung der Adresse, welche durch Herrn Dr. Schwarz erfolgte. Den Wortlaut dieses Aktenstücks, welcher auch für weitere Kreise von Interesse sein dürfte, werden wir voraussichtlich in nächster Zeit zu veröffentlichen in der Lage sein. Der Großherzog dankte huldvollst für die darin zum Ausdruck gebrachten Gesinnungen und beauftragte die Mitglieder der Abordnung, die Vermittler seines Dankes an alle diejenigen zu sein, in deren Namen sie erschienen seien. Es freue ihn — so sagte der edle Fürst weiter — daß du Adresse Befriedignng zum Ausdruck bringe; er wünsche und hoffe, daß diese auch in Zukunft in vollstem Maße fortdanere und daß der Friede, der Friede nach außen wie der innere Frieden, keinerlei Störung erfahre. Auch die Großherzogin und das erbgroßherzogliche Paar äußerten sich sehr anerkennend über Form und Inhalt der dargebrachten Huldigung. Die ganze Audienz, welche nahezu eine halbe Stunde wahrte, bewies aufs Neue, daß Badens Fürst ein Hort der Gerechtigkeit und voll Wohlwollen gegen alle seine Unterthanen ohne Unterschied des Bekenntnisses ist. Offenkundige Belege hierfür bietet aber auch der badische „Staats-Anzeiger", welcher die Liste der aus Anlaß des Jubiläums verliehenen Auszeichnungen enthält. Von diesen ist vor Allem in kirchlicher Beziehung hervorzuheben die Verleihung des Ritterkreuzes 1. Klasse des Zähringer Löwenordens an Stadt- und Konferenzrabbiner Dr. Steckelmacher in Mannheim, des Verdienstkreuzes vom Zühringer Löwen an die Bezirksältesten Sigm. Netter in Heidelberg und David Dreifuß in Offenburg, sowie der goldenen Verdienstmedaille an Religionslehrer und Vorsänger Elkan Schreiber in Weinheim. Finanzminister Ellstälter, der jetzt schon 24 Jahre an der Spitze der musterhaften badischen Finanzverwaltung steht, erhielt die goldene Kette zum innehabenden Großkreuz des Ordens vom Zühringer Löwen. Das Ritterkreuz II. Klasse dieses Ordens erhielten: Kammersänger Hermann Rosenberg, das Mitglied des Kreisausschusses Michael Kaufmann sowie die Stadträthe Bernhard H erschel, Fritz Hirschhorn und Bernhard Kahn in Mannheim, der Vorstand des Tabakbauvereins Kaufmann Simon Bensheim daselbst (seit Kurzem Vorstand der Mannheimer israelitischen Gemeinde) und der Vizepräsident der Handelskammer Kaufmann Rud. Hermann in Karlsruhe. Mit dem Verdienstkreuz vom Zähringer Löwen wurde Kaufmann Emil Besag in Bühl bedacht. Ferner wurden die Amtsrichter Dr. Rob. Reis in Mannheim imd Dr. Otto Fürst in Karlsruhe zu Oberamtsrichtern und praktischer Arzt Tr. Isidor Lindemann in Mannheim zum Medieinalrath ernannt. Es dürfte für den vorurtheilslosen Beobachter keinem Zweifel unterliegen, daß die badische Regierung sich auf dem richtigen Wege befindet, wenn sie dem israelitischen Bevölkerungstheil das gleiche Maß von Licht unb Schatten, die gleiche Anerkennung für Verdienste ilnd gemeinnützige Leistungen wie allen übrigen Staatsangehörigen zutheilt. Gerechtigkeit ist der Grundpfeiler der Staaten. Wo diese fehlt, müssen die heiligsten Empfindungen der Menschen in Verwirrung gerathen. Hingebende, opferbereite Vaterlandsliebe kann nur von denjenigen gefordert und erwartet werden, welche bei Staat als vollberechtigte Bürger anerkennt. Jede Verkümmerung dieser Gleichberechtigung bedeutet eine Zurückdrängung von dem Kultur-