Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1892)
- Date
- 1892-05-06
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227951--48805-3269461- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
218 artikler der „Kreuz-Ztg." aber schreibt getrosten Muthcs, daß „der weitaus größte Theil der jüdischen Kinder des Religionsunterrichtes entbehrt". Sodann stellt es die „Kreuz-Ztg." als „höchst beinerkenswerth" hin, daß in der Debatte dem Volksschulgesetzentwurf die Fähigkeit zugeschrieben worden wäre, den traurigen Verhältnissen des jüdischen Religioiwnnterrichts abzuhelfen. Wäre dies wirklich gesagt worden, so wäre es noch nicht einmal beinerkenswerth, denn daß wird Jedermann einräumen, daß die in jenen Gesetzentwürfen vorgesehene Verivendung von Staatsmitteln für den jüdischen Religionsunterricht die jüdischen Gemeinden leistungsfähiger gemacht hätte. Thatsüchlich ist aber nicht die von der „Kreuz-Ztg." angeführte, sondern nur die letztere Bemerkung gemacht worden. Geradezu komisch wirkt die Behauptung der „Kreuz-Ztg.", daß der Antisemitismus die treibende Kraft sei, welche den Gemeindebund zu seinen fürsorglichen Maßnahmen für den Religionsunterricht veranlasse. „Denn bisher", so schreibt das Blatt, „haben wir in jüdischen Kreisen eine so lebhafte Fürsorge für den Religionsunterricht nicht wahrgenommen." Das kan» doch nur daran liegen, daß die „Kreuz- Ztg." jüdischen Verhältnissen erst Beachtung schenkt, seitdem es in konservativen Parteiinteressen zu liegen scheint, auf die Inden zu Hetzen. Mag immerhin der Antisemitismus, wie alle mephistophelischen Kräfte, die Eigenschaft haben, gegen seinen Willen auch Gutes zu schaffen, mag er auch heilsam auf biejüdische Angelegenheit gewirkt, die Juden zu engerem Zusannnenschlnß, zu größerer Rücksichtnahme auf ihre gemeinsamen Pflichten gedrängt habe», daß er dem Gemeindebunde seine Hauptaufgabe diktirt habe, kann nur ein Unwissender behaupten, der sich nicht die Mühe nimmt, zu lese», wie viele Jahre vor bem Auftauchen der neuesten Antisemitenbewegung jener Bund gegründet worden ist. Ihren Haupttrumpf aber spielt die „Kreuz-Zeitung" mit der Behauptung aus, . der jüdische Religionsunterricht bilde dem christlichen gegenüber eine „inkommensurable Größe". Man könne nicht beurtheilen, ob der jüdische Religionsunterricht im Stande sei, dieselben sittlichen Grundlagen zu verschaffen, wie der christliche. So unbeholfen es einerseits ist, diesen Einwand gerade in dem Augenblicke vorzubringen, wo über die Einführung dieses jüdischen Religionsunterrichtes an öffentlichen Lehranstalten verhandelt wird, wo also die denkbar größte Kontrole ermöglicht wird, so offen deckt andererseits der Verfasser jenes Artikels abermals seine Unwissenheit auf. Blag für ihn der jüdische Religionsunterricht eine „inkommensurable Größe" sein, für Jeden, der sich die kleine Mühe genommen hat, auch nur in eines der Hunderte und aberhunderte von deutsch geschriebenen Lehrbüchern der jüdischen Religion einen Blick zu werfen, ist es klar, was in den jüdischen Gemeinden Deutschlands für eine Religion gelehrt wird, Os ist dieselbe Religion und dieselbe Moral, von welcher der Stifter der christlichen Religion erklärt hat, er sei nicht gekom men, um auch nur das Geringste davon wegzunehmen. Es ist diejenige Religion, welche, im Glauben und Eeremonial von dem Christenthum sich unterscheidend, dennoch die gleiche Ethik wie dieses lehrt. Ob diese Ethik im Stande ist, die erforderlichen „sittlichen Grundlagen zu verschaffen?" Die Redaktion der „Kreuz-Ztg." mag es beurtheilen. Zum Schluß noch eine erheiternde Aufklärung. Der Leitartikler der „Kreuz-Ztg." erzählt, Justizrath Makower habe behauptet, die Juden seien 400 Jahre lang ohne obligatorischen Religionsunterricht ausgekommen, und es werde darum auch weiter ohne diesen gehen. Der brave Schreiber umschreibt diese Aeußerung sofort mit den Worten, daß die Juden „nach dem Geständniß ihrer eigenen Vertreter seit 400 Jahre» der religiösen Verwahrlosung anheimgefallen" seien. Der kluge Herr merkt nicht, daß er das Opfer eines bösen Schreibfehlers seines Berichterstatters geworden ist. Thatsächlich hat nämlich Justizrath Makower seine Rede mit den ironischen Worten eingeleitet: „Wir müssen doch entsetzlich böse Menschen sein. Schon seit 4000 Jahren leben wir ohne obligatorischen Religionsunterricht." -Die „Kreuz-Ztg." natürlich nimmt dies für baare Münze; es entspricht das dem Uebrigen, was sie über Juden und Judenthum schreibt. Alle solche Angriffe aber können nur nützen, indem durch ihre Widerlegung die Wahrheit Verbreitung findet. 9 Pit Feier des vierzigjährigen UegierungsjudilLums des Großherzogs Friedrich von Boden. Am 24. April d. I. waren es vierzig Jahre, seit Großherzog Friedrich den badischen Thron bestiegen hat. Unter den Segnungen eines reichen Maßes politischer Freiheit, einer selbständigen Entwickelung der Gemeinden, wie der sonstigen, insbesondere auch der kirchlichen Korporationen, einer ausgiebigen staatlichen Unterstützung aller gemeinnützigen Bestrebungen unter einem Regierungssystem, das frei von Unduldsamkeit und Engherzigkeit alle werthvollen Kräfte des Volkes zu gemeinsamer Mitarbeit an den öffentlichen Angelegenheiten im Sinne eines besonnenen Fortschritts zu sammeln strebte, ist Baden unter der Regierung des Großherzogs Friedrich zu hoher politischer, withschaftlicher und industrieller Blüthe gelangt. Dieser weise und sinnige Fürst hat aber nicht nur Baden zu einem Musterlande gemacht, sondern sein Augenmerk und sein thätiges Streben waren auch von Anfang an auf die Einigung und Kräftigung Alldeutschlands gerichtet. Er gilt mit Recht als dasMuster eines nationalen deutschen Fürsten. „Als es galt, das Einigungswerk Deutschlands zu vollenden" — so heißt es in der Antwort des badischen Landtags auf die erste Thronrede nach Wiedererrichtung des deutschen Reiches — „war Eure Königliche Hoheit der Erste, um das Wort der Treue gegen Deutschland mit Verläugnung jedes Sonderinteresses einzulösen, in der Ueberzeugung, daß das, was Deutschland stark und frei zu machen berufen ist, auch dem Theile des Ganzen, dem geliebten Heimathlande, zum Segen und Heile gereicht. Ja, das badische Volk, das ganze deutsche Volk weiß es und wird es unvergessen in dankbarem Gemüthe bezeugen, daß unter allen seinen Patrioten keiner hochsinniger, keiner mehr von treuer Liebe zum Vaterlande beseelt, keiner mit reinerem Herzen die Einigung Deutschlands erstrebt und ihren Aufbau befördert und vollzogen hat, als Badens Fürst. Das vierzigjährige Regierungsjubilüum seines geliebten Großherzogs ist deshalb für das badische Volk der Anlaß zu einmüthigen, begeisterten Huldigungen geworden, welchen sich ganz Deutschland mit herzlicher Antheilnahme anschloß. Eine mächtige Bewegung warmer Liebe und inniger Dankbarkeit ging aber in diesen festlichen Tagen ganz besonders durch die Herzen der badischen Israeliten. Denn Großherzog Friedrich verdanken sie die volle Gleichberechtigung mit allen übrigen Bürgern des Staates, seine Gerechtigkeitsliebe hat ihnen die Emanzipation nicht blos durch Gesetz besiegelt, sondern, was weit mehr besagen will, dieselbe in der gesammten Staatspraxis, insbesondere auch auf deni religiösen Gebiete, zur Wahrheit gemacht. Es wurde deshalb von den israelitischen Gemeinden des Großherzogthums freudig begrüßt,