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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-29 · Heft 18 (29.4.1892) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Ehrenrechte ans 3 Jahre. Der Gerichtshof erkannte auf ein Jahr Zuchthaus und schloß sich in letzterem Punkte der Staatsanwaltschaft an. * Köln, 20. April. Die „Köln. Ztg." schreibt: Der Durchzug non j nlssisch-jirdischen Auswanderern, die nach Südamerika sich begeben! und im vorigen Jahre in jeder Woche nach vielen Hunderten zählten, hat! ,cht vollständig aufgehört. Jeder aus Oesterreich von Oswiecim hier j cintreffende Zug wird polizeilich nach Auswanderern durchsucht. Be-! lennen sie sich als jüdisch, so wird ihnen die Weiterfahrt nicht gestattet j und sie werden mit dem nächsten Zuge nach Oswiecim zurückbefördert. j Das trifft mm freilich die österreichischen Juden imgerechterweise, da bei >;Onen nicht die Gründe vorliegen, die den Ausschluß der russischen Juden! iierbeigeführt haben, daß nämlich ihr Heimathsstaat sie unter keiner Be-! Dingung zurückninnnt, wenn sie aus irgend einem Grunde zurückgewiesen! werden. Allein es erschien unmöglich, hier einen Unterschied zu machen, z weil sich eben zwischen russischen und galizischen (österreichischen) Juden! ' ist keine Grenze für die Unterscheidung ziehen läßt. Selbst die Ausweis-! uapiere würden den russischen Juden in beliebiger Zahl von Galizianern! b eschafft. Wenn man also die russischen ausschließen wollte, so war es ge-! -oten, auch die österreichischen mit unter das Durchzugsverbot zu stellen.! Nichtjüdische Auswanderer dürfen weiter, mm sie außer der Schiffsmrte noch für jeden Kopf den Besitz von baaren 200 Gulden nach- -oeisen: andernfalls werden auch sie zurückbefördert. B. Stuttgart, 21. April. Das Bezirksrabbinat Heilbronn wurde Km der K. Israel. Kirchenbehörde den: Rabbiner Kahn in Laupheim n''ertragen. Derselbe ist ein Zögling des jüdischen theologischen Seminars u Breslau und ist seit 10 Jahren Rabbiner in Laupheim. — Ter Artikel der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" über die vor nunmehr I Jahren ins Leben gerufene maßvolle Bewegung gegen das lieber-! utf? des zersetzenden jüdischen Einflusses auf unser Staats- und Volks-! 'eben und die Entgegnung der antisemitischen „Kreuzzeitung" darauf! ' übet auch in den württembergischen Tagesblättern Wiedergabe und Besprechung. Der freikonservative „Schwäb. Merkur" sagt über den oeuzzeitttttgs-Artikel: „Man sieht, die antisemitische Wuth führt as Blatt zu sinnlosen Redensarten. Und damit wird die Uebernahme??r „maßvollen" Führung der judenfeindlichenBewegung eingeleitet! Die Wahrheit ist: eine Partei, die ihr Spiel verloren sieht, mcht sich durch Aufstachelung niedriger Volksleidenschaften ,u retten." B. Aus Baden, 22. April. Nach einer Entschließung des Mini- 'wriums des Innern soll die S teuere ins eh ätz ung für die israel.! 3ul tusgemeind en eine wesentliche Aenderung erleiden. Bisher! regelten diese ihre Steuern auf Grund eigener Einschätzung, die sich ganz i Arächtlich von der staatlichen unterschied, insofern ein Drittel stimmt-! Archer Steuern als Kopfsteuer, ohne Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit j Pflichtigen erhoben wurde. Es ist nun an die Gemeinden die Weisung i rgangen, ob es nicht in Anschluß an die Staatssteuer räthlich sei, die! isherige Kopfsteuer fallen zu lassen und eine Einschätzung lediglich nach j mzelnen.Klassen vorzunehmen. Der bisherige Schätzungsrath soll aufgelöst, die Eiutheilung der Steuer lediglich dein Synagogenrath überw issen bleiben, der nur in den größeren Orten zwei Beisitzer zuzuziehen , 'abe. Bis jetzt haben noch wenige Gemeinden Stellung zu dieser Blenderung genonnueu. * Augsburg, 3. April, lieber die Verwendung des Welfeuonds theilt Freiherr von Fechenbach in der „AugSb. Postztg." mit,! enß er „von einer Seite, die es allerdings wissen muß, erfahren habe, , daß auch einmal bei einer patriotischen (?) Feier in Berlin 100,000 | Mark angeblich von einem dortigen bekannten Großkaufmann gespendet! worden seien, während jene Summe aus dem Welfenfonds genonunen wurde. Der Herr, der das so genau wissen mußte, mvquirte sich noch über die angebliche Generosität jenes Großkaufmanns". Warum so undeutlich? Jedenfalls meint der Freiherr von Fechenbach, der „vielleicht ein andermal mehr" über die Verwendung des Fonds sagen will, mit dern Großkaufmanu den Herrn Rudolf Hertzog. Oesterreich - Angarn. * Wien, 17. April. Wenn mein alle Lügen der Antisemiten- : blä tter registriren wollte, so hätte man viel zu thun. Ein besonders j bemerkenswerthes Stückchen des „Deutschen Volksblatts" soll jedoch hier > Erwähnung finden: In der Nummer vom .10. März d. I. setzte dieses Blatt seinen Lesern einen Leitartikel über die damals akute griechische Lage vor, betitelt: Herr „Singros". Schon diese Anführungszeichen vor und nach dem Namen Singros verriethen schwarze 'Absichten. Der Inhalt des Artikels ging etwa dahin, daß Herr „Singros", einer der ersten Finanziers Griechenlands, durch Börsenspekulationen der eigentliche „Macher" der jüngsten griechischen Krise gewesen sei. „Wer ist Herr Singros?" fragte das „Deutsche Volksblatt" und gab sich darauf die resolute Antwort: „Nun, ein reicher, sehr reicher Manu, der vor Jahren, wie schon sein Name zeigt, nach Griechenland .zugewandert' ist." Wer den antisemitischen Jargon kennt, der ist nicht eitlen Augenblick im Zweifel, was das „Volksblatt" hier nicht sagen will, nein, ausdrücklich sagt, nämlich: Herr „Singros" ist ein reicher Jude, der neulich erst nach Griechenland eingewaudert ist und hier seinen früheren Namen Singer in Singros hellenisirt hat. Das „Deutsche Volksblatt" ist zwar nicht muthig genug, seine offenbar blos durch den Klang des Namens hervorgerufeue Bermuthung offen und ehrlich auszusprechen, aber das hindert es nicht, darauf den Schluß zu bauen und im Volke den Glauben zu erwecken, daß auch die griechische Krise und die dortigen, nnrthschaftlichen Mißlageu nur von dem bösen Juden und dessen Börsengeschäften verschuldet seien. Und welche Bewandtnis; hat es eigentlich mit dem, wie schon sein Name sagt, „zugewanderten" Juden Singros? Eigentlich schreibt er sich Syngros und ist und war nie Jude, noch weniger hieß er Singer, noch weniger ist er zugewandert. Er stammt aus einer alten griechischen Familie von der Insel Ehios. Bekanntlich gilt die chiotische Abstammung als die reinste und vornehmste unter den Jnselgriechen, weil sich dort nahezu kein fremder Einschlag findet. Bon Ehios kam Syngros nach Konstantiuvpel und ließ sich schließlich in Athen nieder, wo er sein kolossales Vermögen erwarb. Die Leichtfertigkeit unserer 'Antisemiten zeigt sich in solchen Fakten in ihrer ganzen Breite und Länge. Aber der Fall Syngros ist doch noch um eine Nuance lehrreicher; er zeigt zugleich die Feigheit, mit der 'Antisemiten ihre Leichtfertigkeit verbinden. X Wien, 20. April. Wie schnell die Hetze gegen Juden und Judenthum zur Verleugnung der Religion und ihrer Grundprinzipien überhaupt führt, davon hat ein christlicher Geistlicher jüngst ein krasses Beispiel gegeben. Den; Kooperator Schnabl, Mitglied des niederösterreichischen Landtags, paßte es nicht recht in seinen antisemitischen Kram, daß ihm geboten sein solle, den „Nächsten zu lieben, wie sich selbst", und so beeilte er sich, am 0. April d. I. diesen Begriff der „christlichen Nächstenliebe" folgendermaßen zu erklären: „Die christliche Nächstenliebe beruht auf dem Satze, liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Die Nächstenliebe beginnt bei sich selbst, das ist die wahre Nächstenliebe, wie sie Christus der Herr gepredigt hat, daun erst kommen die Blutsverwandten: erst kommt die eigne Person, dann konunen die Eltern, dann die Geschwister, dann alle Anderen, die uns näher stehen. Das ist das Naturgesetz. Da uns die Juden am entferntesten stehen, kommen sie zuletzt" — —. Unser Gebot lautet: Und den Fremdling sollst Du lieben, denn Fremdlinge wäret Ihr im Lande Aegypten! * Budapest, 18. 'April. Der im Justizmi nisterinm ausgearbeitete Entwurf eines Ehegesetzes bestimmt, daß künftig Gtaubensverschiedenheil kein Ehehinderniß bildet und daß die Priester aller .Kulte die Ehen nur als Mandatare des Staates einsegnen. In allen Fällen, in denen Priester die Eheschließung verweigern, erfolgt sie vor dem Eivilstandsbeamten. Budapest, 21. April. Tie Errichtung eines jüdischen Gymnasiums wird nunmehr durch eine größere Stiftung ermöglicht werden. Herr Anton Freystädtler de Köves-Györ depvnirte nämlich beim Unterrichtsnlinisterium eine Million Gulden. Dieses Kapital wird so lauge unbenutzt bleiben, bis die angesammelten Zinsen 500,ooo G u lden betragen, welche dem erwähnten Zweck zugeführt werden, während das Kapital der Familie zurückerstattet werden soll. — Dr. Kayserling, der gelehrte Prediger der israelitischen Religionsgemeinde in Budapest, arbeitet derzeit an einem groß angelegten historischen Werke „Die Verdienste der Juden uni die Entdeckung 'Amerikas." Dr. .Kayserling begiebt sich zu diesen! Zwecke in einigen Wochen nach Spanien, wo er die öffentlichen und Privatbibliotheken aufznsuchen gedenkt. Empfehlungsschreiben von hohen und höchsten Stellen sichern dem verdienstvollen Forscher den Erfolg seiner Reise.

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