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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-29 · Heft 18 (29.4.1892) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Rußland. L. T. Cbcffd, 19. "April. Den 17. b. Mts. verschieb hier im siebzigsten Jahre seines Lebens Herr Herz Lulky, ein Mann, der sich vielfache Verdienste um die hiesige jüdische Gemeinde erworben hat. Der Dahingeschiedene war 28 Jahre lang Vorsteher des israelitischen Kultustempels, 20 Jahre hindurch Spitalvater; außerdem bekleidete er das Amt eines Mitgliedes in: Komitee der Armenküche unb war Mitglied verschiedener Kommissionen. Vor vielen Jahren war er längere Zeit Stadtverordneter und widmete seine ^eit den Angelegenheiten der Kommune. Sein Tod rief die innigste Theilnahme im Schoofte der Gemeinde hervor. Heute um 3 Uhr Nachmittag fand das Leichenbegängniß statt. Unter den Anwesenden sahen wir den Bürgermeister der Stadt, den Vize-Bürgermeister, sämmtliche Stadtrüthe, viele Stadtverordnete, den Vorstand des Tempels, das Rabbinat, die Verwaltung des israelitischen Hospitals, der Armenküche, die Aerzte und Beamten des Krankenhauses und sämmtliche NUtglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde. Alle Anstalten, wo der Heimgegangene wirkte, sandten Kränze mit passenden Inschriften versehen. In: Vorhofe des Tempels wurde der Sarg niedergesetzt und nach dem Vortrage des Seelengebetes durch Kantor und Chor hielt Herr Wechsler eine kurze Ansprache, worin er des Dahingeschiedenen Wirken schilderte. Hierauf bewegte sich der Zug nach dein alten Friedhof, wo seine sterbliche Hülle dem Schoofte der Erde übergeben wurde. Türkei. * Kottstatttinopel, 19. April. Die in der Türkei ansässigen spaniolischen Juden haben kürzlich den vierhundertjährigen Erinnerungstag ihrer Vertreibung ans Spanien und ihrer gastlichen Aufnahtne in dem ottomanischen Reiche gefeiert. Es bildete sich zu diesen: Zwecke ein Komitee, welches sich mit sämmtlichen Glaubensgenossen im "Auslande in Verbindung setzte, um aus diesem Anlaß den: jetzt regierenden Sultan in würdiger Weise ihre Dankbarkeit für die religiöse Toleranz welche den Juden in seinen: Reiche stets entgegengebracht wurde, zu bezeigen. Es war unter "Anderen: beabsichtigt, den: Sultan einen kostbaren Ehrensäbel, reich mit Diamanten und Edelsteinen besetzt, als Geschenk darzubringen. Ferner wurden die Vertreter der Judeugemeinden im "Auslande ersucht, an dem Erinnerungstage bei den respektive:: ottomanischen Vertretern vorzusprechen und ihnen gegenüber den Dank ihrer Glaubensgenossen zun: "Ausdruck zu bringen. Zu seinem lebhaften Bedauern mußte jedoch das vorbereitende Komitee von allen diesen Veranstaltungen anläßlich dieser Gelegenheit Abstand nehrnen. Sultan "Abdul Hamid drückte seine Befriedigung über die geplanten loyalen Kundgebungen aus und versicherte die Juden auch für die Zukunft seiner Theilnahme und seines Schutzes, stellte aber das "Ansuchen, den Gedenktag ganz still zu feiern. Es kann nicht bezweifelt werden, daß dieser Wunsch des Sultans aus seinen: obersten Regierungspriuzip hervorging, mit allen Staaten in: besten Einvernehmen zu bleiben, und aus der Besorgnis;, daß eine derartige großartige Kundgebung der in seinen: Reiche gastlich aufgenonlmenen Juden in Rußland Verstinnnung Hervorrufen könnte. "Aus diesem Grunde mußte sich die in Konstantiuopel und in den Provinzen der Türkei lebende Judenschaft darauf beschränken, den Festtag nur ii: ihren Synagogen zu feiern, aus welchen: Anlaß für diese Gelegenheit verfaßte Gebete gesprochen wurden. An den: Gottesdienst in Konsiantinopel nahmen alle Würdenträger, welche dem jüdischen Glauben angehören, Theil, wie z. B. der amerikanische Gesandte bei der Pforte, Herr Salomo:: Hirsh, Moises Effendi, erster Dragoman des türkischen Marine-Ministeriums, Tand Effendi von: Ministerium des "Aeußern u. "A. Die in fpaniolischer Sprache erscheinenden Journale der Juden gaben Festnummer:: heraus. Afrika. X. Mogador, im April. In der letzten Sitzung der Anglo-Jewish "Association verlas Herr F. D. Mocatta ein ihm aus Mogadar zugegangenes Schreiben, welches die Lage der dortigen Inden in sehr düstern Farben schildert. „In der Mellah idem Judenviertel» herrschen zwar beständig bösartige Krankheiten, aber in diesem Jahre haben die Blattern die furchtbarsten Verheerungen angerichtet, was hanpsächlich folgenden Umständen zuzuschreiben ist. Zunächst ist die Mellah n:ehr als übervölkert: in Häusern von nur zehn Zinnnern wohnen und 5o Personen zusannnengedrängt. Die Wohnräume sind sehr schlecht ventilirt, feuch und kalt; der Eingang zu den engen kleinen Gassen, den Straßen der Mellah, bildet ein Haufen von Schlamm und Schmutz, tlnd der hieraus aufsteigende Geruch ist schrecklich und verpestet die Luft. Ich that einen Blick in eines der nach der Straße liegenden Zimmer und bemerkte eine Familie von fünf Personen in der einen Ecke und in der andern stand ein Maulthier. Weitere Beobachtungen überzeugten mich, daß dieses nur ein Fall von vielen war. Die Wirthe sind wohlhabende, jüdische Ein wohner Mogadors, die außergewöhnlich hohe Miethsforderungen stellen, obgleich sie Mitglieder der Anglo-Jewish Association sind. Es ist leichl zi: ermessen, welch einen großen Herd die Epidemie in der Mellah für ihr Zerstörungswerk gefunden hat. Die Todesfälle belaufen sich in der Judenstadt allein auf sechs täglich, was während dreier Monate bei einer Bevölkerung von 8000 oder 9000 Seelen eine Zahl von mehr als 5oo ergiebt. Es wohnt nicht eine einzige Familie in der Mellah, dir nicht den Verlust eines ihrer Lieben zu beklagen hat. Tie Regierung iu Maroceo ist zwar nicht leicht zugänglich, dennoch würden die Einwohner von Mogador bei einiger Energie erlangen können, was sie wünschen und was ihnen u:angelt: Grund und Boden zur Erweiterung der Mellah. In der Sitzung wurde dann der Beschluß gefaßt, der Angelegen heit näher zu treten und Maßnahn:en zu treffen, um dem entsetzlichen Elend zu steuern. Von Nah und Fern. Bei der Konfirmation, welche Herr Dr. Lev in am Peßachfeste in der R ef o r mg e me i nd e vollzog, wurden 19 Knaben und 1o Mädchen eingeseguel — TerMagistrat hat beschlossen, zumAndenkenGiacomoMe yerbeers an den: Hause Pariser Platz <>;« eine bronzene Gedächtnißtafel anzubringen. Die Tafel sott die Inschrift erhalten: „Giaeomo Meyerbeer wohnte hier 18-18—1803. Seinem Gedächtnis; die Stadt Berlin 1892." — Der „Verein zur Bekämpfung der Rassenhetze", an dessen Spitze der in den ersten Reihen des neuesten „Kulturkampfes" streitende Redakteur Schneidt getreten ist, hielt am Dienstag den 20. d. M. eine öffentlichc Versammlung ab. — In den: .Tautener Mordprvzeß ist, wie dic Köln. B. Z. verninnnt, die Anklageschrift gegen den Schlächter Buschof: dessen Frau r:nd Tochter nunmehr fertiggestellt worden. — Es ii: bernerkenswerth, daß fast gleichzeitig mit der Berliner Norddeutschen All geineiuen Zeitung das Wiener „Vaterland" einen scharfen Artikel gegen die "Antisemiten bringt, welche das Blatt des Doppelspiels nnd der Verhetzung von Bürgern und Bauern beschuldigt. — Bei den: in "Au:stcrdam vor ungefähr einem Monat stattgehabten Mord auf der Prinzengracht wurde ein jüdischer Dian:autschleifer als der That dringend verdächtig verhaftet, doch schon nach einigen Tagen, nachdem er sein Alibi zu beweisen verrnvcht, wieder in Freiheit gesetzt. — Herr Dr. phil. Auerbach, Dozent der Geschichte an der philosophischen Fakultät in Nancy, ist zun: Professor an dieser Fakultät ernannl worden. — In den: neuen italienischen Kabinet nimmt Luzzatti wieder::::: den Posten des Schatz:::inisters ein. — In Amerika, beim Kap May, sind 33 russische Familien als Farn:er angesiedelt worden. Denselben sind von: Konütee in Philadelphia 5000 "Acres Land zugetheiU worden. — Nach einer Meldung aus "Algier plünderten daselbst infolge von Streitigkeiten zwischen einen: französischen und einen: jüdischen Turnverein etwa 5i> junge Leute französischer Nationalität ein an der Weichbildgrenze der Stadt liegendes jüdisches Cafe. Die Polizei nahm n:ehrere Verhaftungen vor. — Herr Heny Hain: M. Nahon in Tanger wurde von der Kömgin-Regentii: von Spanien zun: Ritter des Ordens Jsabella der Katholischen ernannt. — Iu einem Vertrage, welchen der französische Forscher Viard iu: Jahre 1888 mit dern König von Eg bas Zn der Gegend des mittleren Öliger» abgeschlossen hat, und welcher jetzt zur Publikation gelangt ist, figurirt neben den Zeugen-Unterschriften der katholischen Missionare auch diejenige des Herrn Jsaac Nathan, Lehrer an der Alliance-Schule zu Aberkuta. - Der zwölfte Rechenschaftsbericht des Central-Komitees der „vereinigten Jsr. Aschkenasim-Gemeiudeu iu Jerusalem" weist als "Ausgaben 709,479 Piaster aus, denen eine Eiunahine von 713,910 Piaster gegen übersteht, schließt sonnt mit einen: Defizit von 84,255 Piaster ab. Druck und Verlag von Rudolf MvNe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwik in Berlin.

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