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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-29 · Heft 18 (29.4.1892) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 faltiuta und der soliden Geschäftsgebahrung ausrotten, so hat man die! Handels- und Strafgesetzgebung nach der Richtung allgemeingiltiger Gej setze auszugestalten, denen also alle Staatsbürger ohne Unterschied der! Rassen und Bekenntnisse unterworfen sind. Gegen Ausnahmegesetze, gegen! sogenannte Judengesetze, wie sie der unvernünftige ritualurordsabelnde! Antisemitismus verlangt, müssen nur ganz entschiedene Verwahrung ein-! legen. Wenn wir die Juden an den Galgen gehängt haben, ohne die! Börsenanswüchse, welche Schäden des allgemeinen Handelsstandes, nicht > blos der Judenschaft sind, auszumerzen, so bleiben wir ebenso dunnn als vorher. So gut, wie wir, bezahlen die Juden ihre Steuern, verrichten ihre Kriegsdienste und erfüllen überhaupt ihre Staatsbürgerpflichten. Folglich müssen ihnen auch die Staatsbürgerrechte im vollen Umfang eingerämnt werden. Wir würden in die russische Barbarbei verfallen, wollten wir Pflichten verlangen, ohne Rechte 51t geben. Den Juden den Zugang zu autoritativen Stellungen, etwa Staatsämtern, Lehrämtern, Richterposten, zu verschließen, wäre eine schreiende Ungerechtigkeit und ein vollkommener Widerspruch gegen allen besonnenen und gebildeten .Konservatismus. Rasse und Bekenntnis ist an sich Nebensache, wenn die Be" dingung des wissenschaftlichen Befähigungsnachweises, den wir Alle bei-! bringen! müssen, erfüllt wird. So verlangt es das Gerechtigkeitsprinzip des echten Konservatismus, der mit dem falschen und rückschrittlichen Kreuzzeitungs-Konservatisums nichts gemein hat. An: allerwenigsten haben wir uns gegen die Inden in Bezug auf ihre Religion zu wenden. Wir achten jedes Bekenntniß und jede religiöse Ueberzeugung, weil die allgemeinen Grundzüge der Gottesidee und der Moral dieselben sind." * Schirwindt, 24. April. Die saubere Saat des Antisemitismus scheint auch in dem benachbarten Grenzstädtchen Russisch-Neustadt einen fruchtbaren Boden gefunden zu haben. Dort war vor dem Osterfeste eine Frau verschwunden. Diesen Vorfall benutzte mau flugs, um das thöriehte Gerede zu verbreiten, die Verschollene sei von den Juden zum Osterfeste geopfert worden. Das plumpe Gerücht fand unter der unwissenden, abergläubischen Bevölkerung natürlich seine Anhänger. Sehr übel erging es dabei aber einem aus dem Landstrich Szameiten gebürtigen Manne, der mit dem freventlichen Treiben offenbar in Verbindung steht und Kapital daraus schlagen wollte. Derselbe machte einem jüdischen Gastwirthe das Anerbieten, ihm gegen Zahlung von 15 Rubeln ein Geheimnis zu verrathen. Letzterer ging scheinbar auf den Plan ein und zahlte das verlangte Geld, hatte sich aber vorher einen Polizisten kommen lassen. Ter Dienstbeflissene erzählte nun, es liege die Absicht vor, dem Gastwirth ein blutgetränktes Kleidungsstück ins Hans zu schmuggeln, um I ihn auf diese Art in den Verdacht des Mordes zu bringen. Der anj wesende Polizist, welcher die Aussage hinter der Thür angehört hatte,? nahm die Verhaftung des Szameiten vor. Vielleicht führt dieses Vorgehen zur Entlarvung der ganzen Sippe, welche mit der Ehre und dem Leben ihrer Mitbürger ein so sträfliches Spiel treibt. Kp. Samter, 20. April. Am verflossenen Peßachfeste fand die! diesjährige öffentliche Prüfung der hiesigen mehrklassigen unter Leitung! des Herrn Rabbiners Dr. W re sehn er stehenden Religionsschule j statt. Die Betheiligung der Gemeindemitglieder war eine äußerst rege;! die Leistungen durchweg recht befriedigend. Die Schule wurde im veri gangenen Jahre von 112 Kindern besucht. Ten Unterricht an der Anstalt ertheilen außer dem Dirigenten die beiden Lehrer der hiesigen jüdischen Volksschule, Caspari und Koerpel. Tie Gemeinde gab im abgelaufenen Jahre der Religionsschule einen Zuschuß von 200 Mark; das klebrige wurde durch Schulgeld aufgebracht. An die Prüfung schloß sich eine Ansprache des Rabbiners Herrn Dr. Wreschner an die Abgeheuden,! worauf der Kurator der Schule, Herr M. Holländer, im dtamen der j Gemeinde den Lehrern für ihre Mühe dankte. Zu Prämien für fleißige I Schiller spendete in diesem Jahre Herr Prediger Bach in Minden, ein! früherer Zögling dieser Anstalt, eine ansehnliche Summe.! #) .Königsberg i. Pr., 25. April. Jüngst hielten die jüdischen z Religionslehrer der Verbaudsgemeinden Ostpreußens ihre fünfte i Konferenz Hierselbst ab, die von 30 Lehrern und vielen Gästen besucht! war. In seiner Einleitnngsrede gedachte der Vorsitzende der Schul- > lnspektion, Herr Rabb. Dr. Bam berg er -Königsberg, des seitherigen Vorsitzenden Herrn Stadtrath E. Glösser, z. Z. in Berlin, und ersuchte nm die Ermächtigung, an diesen Herrn sowohl wie auch au den Vorsitzenden des d. I. G. B., Herrn Geheimrath Tr. .Kristeller, Begrüßungstelegramme zu sendeil. Zunl geschäftlichen Theil der Tagesordnung übergehend, gab der Vorsitzende eine kurze Ueversicht über den Verlauf der letzte:! Lehrerkonferenz im Jahre 1890, und ertheilte sodann Herrn Pred. Stu rm ann-Osterode das Wort zu seinem Vortrage über die Methode des hebräischen Ueb ersetzungsunterrichts in Religionsschulen mit einer Lehrkraft. Die Leitsätze, die der Vortragende am Schluffe des Referats aufstellte, wurden nach einer lebhaften Debatte einstimmig angenommen. Auch der vom Herrn Pred. Tonn-Allenstein begründete Antrag der Schulinspektion auf Umarbeitung des Normal-Schulplanes wurde angenommen. Interessant war der darauf folgende Bericht, den der Vorsitzende Liber das Wirken, die Beobachtungen und Erfolge der Schulinspektion gab, und der bekundet hat, daß, dank der Thätigkeit der Schulinspektion, die Verhältnisse in den Religionsschulen Ostpreußens sich von Jahr zu Jahr bessern. In: laufenden Jahre sollen 23 Schulen inspizirt werden. Den Vortrag, den hierauf Herr Rabb. Dr. Rülf über Geist und Charakter der hebräischen Sprache hielt, erfreute sich des lebhaftesten Beifalls. Einer ganz besonderen Aufmerksamkeit hatte sich das folgende vom Vorsitzenden gegebene Referat z!l erfreuen, denn es behandelte eine vielbesprochene Tagesfrage: die Einführung des Jugendgottesdienstes. Mit einem Rückblick auf die Entstehung und Entwickelung dieses Gottesdienstes beginnend, zeichnete Referent die Aufgabe und empfahl die Einführung desselben. Nach einer ungemein lebhaften Debatte wurde eine vom Vortragenden vorgeschlagene Resulotion angenommen. Den nächsten Punkt bildete ein Vortrag des Herrn Prediger Scherbel-Gumbinnen über Religionsschule und Haus, in welchem Referent zu dem Schluffe gekommen war, man müsse in religiöser Beziehung durch die Schule auf das Elternhaus zu wirken suchen. Nach einer Mittagsruhe wurden die Verhandlungen um 4 Uhr Nachmittags wieder ausgenommen. Lewin-Tilslt beantragt, daß die Lehrerkonferenzeu sich alljährlich wiederholen möchten. Der Vorsitzende schließt sich diesem Anträge an, auch der Verbandsvorsteher versprach, den Antrag bei den! Ausschuß zu befürworten. Herr Rabb. Weinberg-Insterburg regt die Begründung von Lehrer- und Jugendbibliotheken an. Sodann hielt Herr Waisenhausinspektor Peritz-Königsberg einen Vortrag über die Behandlung der Psalmen in der Religionsschule. Damit war die Tagesordnung gegen 0 Uhr erschöpft. Die Verhandlungen, durch ein von Herrn Pred. Tonn gesprochenes Gebet eingeleitet, schlossen mit einer gemeinsamen Andacht, die Herr Kantor Birnbaurn weihevoller Weise leitete. Abends 8 Uhr vereinigten sich die Theilnehiner und zahlreiche Gäste zu einem gemeinsamen Mahle, bei dem manch schönes Wort gesprochen und manch lieblicher Sang angestimmt wurde. A Gleiwitz, 24. April. Tie Israelitische Kinderheilstätte im Soolbad Königsdorff-Jastrzemb wird in diesem Jahre am 15. Mai eröffnet. Bemittelte Kinder zahlen die Selbstkosten, minder Bemittelten wird ein noch weiter ermäßigter Satz gewährt: Mittellose erhalten Freistellen. Nähere Auskunft ertheilt die Verwaltung der Jastrzember Israelitischen Kinderheilstätte zu Gleiwitz. * Eisenach, 14. April. In der gestrigen Sitzung der Strafkammer des hiesigen Landgerichts wurde gegen den Kaufmann Ernst August Völker von Kaltennordheim wegen Verleitung zum Meineid verhandelt. Angeklagter hat wegen eines Viehhandels mit dein Viehhändler Schuster in Nordheim vor der Rhön einen Prozeß vor dem Gerichte zu Schweinfurt. Der Maurer Greiszu in Mittelsdorf, der von dem Handel wußte, sollte in dieser Sache als Zeuge vernommen werden. Vor dem Termin ließ nun Völker den Greifzu in seinen Laden kounneu, um ihn gewissermaßen zu instruiren, was er aussagen sollte, damit er, der Völker, den Prozeß gewinne. Völker fragte zuerst den Greifzu, was er aussagen wolle. Als dieser sich darüber äußerte, sagte Völker: „Das darfst Du nicht sagen. Du mußt so und so sagen." Da erwiederte Greifzu: „Das kann ich nicht sagen, ich nmß schwören: und da sage ich eben einfach die Wahrheit." Darauf eutgegnete Völker: „Ach was, Wahrheit, komme mir nicht immer mit Deiner Wahrheit, Juden gegenüber braucht man's nicht genau zu nehmen." Greifzu ließ sich indessen nicht beirren, sagte in Schweinfurt vor dem dortigen Eivilgericht die Wahrheit und — Völker verlor den Prozeß. Da sein Verhalten bekannt wurde, stand er nun gestern wegen Verleitung zum Meineide vor der Strafkammer hiesigen Landgerichts. Die großherzogliche Staatsanwaltschaft hielt die Klage in vollem Umfange aufrecht und beantragte eine Zuchthausstrafe von 1 Jahr 6 Monaten und Verlust der

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