Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1892)
- Date
- 1892-04-29
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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56. Jahrgang, ttr. 18. Berlin. 29. Äprfl 1892, Weitcrge zur „Attgemernen Zeitung öes IuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Dentschlaud. Berlin, 26. April. Im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" hielt am letzten Donnerstag Frau Nahida Remp einen sehr interessanten Bortrag über „Das Gebet in der Bibel", der, wie wir hören, demnächst in: Druck erscheinen wird. Der Saal des Brüderoereins war so gefüllt, daß Hunderte umkehren mußten. Der Bortrag der Frau Renn) fand allgemeinen Beifall. In Folge dessen hat der Vorstand des Vereins die verehrte Schriftstellerin ersucht, die Fortsetzung des Vortrags: „Das Gebet im Talmud", schon am nächsten Dienstag den 3. Mai, und zwar im großen Saale des Architektenhauses abzuhalten. Mit diesem Vortrag dürfte wohl die Wintersaison des Vereins ihren Abschluß finden. Berlin, 25. April. Seinen zwanzigsten Jahresbericht versendet soeben der Israelitische Miethe-Hilfs-Berein. Die Zahl der Mitglieder beträgt wie im Vorjahre 337, doch sind die Jahresbeiträge von 3361 Alk. auf 3517 Mk., die Schenkungen von 170 Mk. auf 450 Mk. gestiegen. Das thätige Interesse wohlwollender Gönner hat auch in diesem Jahre die Veranstaltung eines Vortrags-Cnclus ermöglicht, dessen materieller Ertrag sich auf 1014 Mk. belief. Durch die Steigerung der Einnahmen, welche sieh auf insgesanunt 5760 Mk. beliefen, war der Verein in der Lage, die Bewilligungen von 411) Posten mit 4110 Mk. , im Vorjahre auf 540 mit 5110 Mk. in diesem Jahre zu steigern. [:] Berlin, 26. April. Herr A hl ward! hat in den letzten Tagen gezeigt, daß er denn doch im Hetzen allen seinen Kollegen über ist, und so wird ihm denn von seinen antisemitischen Kumpanen neidlos die , Palme zuerkannt. Seine neueste Schrift „Juden fl inten", welche fast! an Wahnsinn grenzt, bringt die „Enthüllung", daß die Ludwig Löwe'sche! Gewehrfabrik unter Aufwand großer Kosten sich bemüht habe, möglichst; schlechte Gewehre zu liefern, um Deutschland im nächsten .Kriege wehrlos i zu machen. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt, befaßt sich die Staatsanwaltschaft bereits mit dem Machwerk. Nun wird die Sache aber selbst der „Kreuz-Zeitung" zu bunt und sie erklärt: „Alle Bestrebungen,; die sich nicht nur gegen Zustände, sondern auch gegen Personen : richten, und die, um es kurz zu sagen, mit den: Namen "Ahlwardt > gekennzeichnet werden können, weisen wir auf das Bestimmteste ein für alle Male zurück." Noch vor wenigen Tagen hat allerdings dieses Blatt mil Herrn Ahlwardt an einen: Strang gezogen. Unterdessen hat das Organ des Herrn Liebermann von Svnnenberg seinen gläubigen Lesern mitgetheilt, daß Ahlwardt am Ostersonntag vom Kaiser empfangen worden sei, eine Nachricht, welche einige andere Antisemitenblätter bereits kleinlaut als einen „verspäteten Aprilscherz" bezeichne::. — Auch die Genossen Ahlwardts fangen an, die Strenge der deutschen Gesetze zu fühlen. In Sachen Paasch hatte dessen Vertheidiger den Antrag gestellt, die hinterlegte Kaution von 10,000 Mark nunmehr, da das Verfahren an hiesiger Gerichtsstelle eingestellt sei, herauszuzahlen. Diesen Eintrag hat die Strafkammer abgelehnt, da Paasch nach wie vor fluchtverdächtig erscheine. Auf die vom Vertheidiger eingelegte Beschwerde wird sich nunmehr das Kammergericht mit dieser Frage zu beschäftigen haben, bevor das Reichsgericht in der Sache selbst verhandeln wird. — Sodann ist in der Buchhandlung von Georg Höppner das vierte Heft (Januar 1892) des „Zwanzigsten Jahrhunderts" (Deutschnatiouale Monatshefte-, beschlagnahmt worden, und zwar aus Ersuchen der Staatsanwaltschaft am Landgericht I. * Berlin, 26. April. Die Rolle, welche der Rektor Ahlwardt seit längerer Zeit spielt, hat dem Rechtsanwalt Tr. Stein Anlaß gegeben, die Persönlichkeit dieses Mannes etwas näher zu beleuchten. Das Buch führt den Titel: „Der große Prophet. «Rektor Ahlwardt.) Ein Mahn- und Abschiedswort an meine antisemitischen Freunde," und ist bei I. van Groningen u. Co., Berlin, erschienen. Ein Mann wie Ahlwardt, der die furchtbarsten Dinge von der Verjudung des deutschen Volkses erzähle, sei noch nicht dagewesen. Man wisse nicht, ob man mehr seine ausschweifende Phantasie bewundern oder die Leute bedauern solle, die solche Märchen glauben, wie Jener sie erzähle, und die Stoff zu einem Dutzend Hintertreppenromanen lieferten. Diesem Manne, der in einem Falle von der Anklage der Unterschlagung freigesprochen sei, aber nur, weil seine Schuld nicht nachgewieseu war, der dann aber wegen verleumderischer Beleidigung zu vier Monaten vernrtheilt worden, sei von deutschen Männern ein Lorbeerkranz überreicht worden. Danach müsse man, wie die Antisemiten von einer „Talmud- Moral" fabelten, voneiner Antisemitenmoral, von Ahlwardtmoral sprechen. Die Erzä hlung Ahlwardts, daß er durch Bürgschaft für einen Lehrer Gohr, der sich nachher erschossen, in finanzielle Schwierigkeiten gerathen, sei für Ahlwardt sehr einträglich, insofern aber ungenau gewesen, als jener Lehrer im Elisabeth-Kranken Hause zu Berlin gestorben und von Ahlwardt zu Grabe geleitet worden sei, welch letzterer schon vorher mit Gohr Wechsel geritten habe. Ahlwardt hat nach Rechtsanwalt Stein auch folgendes Stücklein verübt. Als ein Herr Treitel die Regulirung der Schulden „unseres Ariers" übernahm, gab Ahlward aus der Straße einem Freunde zwei Aceepte, eins über 1250 und eins über 1150 M., mit dem Ersuchen, damit zuTreitel zu gehen und sich natürlich mit allen Bedingungen einverstanden zu erkläre::: „Was Du für die beiden "Aceepte erhältst, theilen wir." Leider sagte Herr Stein nicht, ob und welches Geschäft Herr Ahlwardt hierbei gemacht, oder ob Herr Treitel die Mache gleich durchschaut hat. Wiederholt habe der Rektor auch das Gehalt von Lehrern und Lehrerinnen erhoben, für sich verbraucht und nachher in liebenswürdiger Weise Schuldscheine ausgestellt, sogar die Gehaltsquittung einer Lehrerin selbst mit deren Unterschrift versehen: auch diese erhielt später, als sie nach den: Gehalt fragte, einen — Schuldschein. Im Jahre Lss5 verpfändete Ahlwardt seine Gehaltsquiltungen gleich zeit ig an drei bis vierGläubiger: wer zuerst kam,mahlte dann zuerst. Die Erzählung des Rektors, daß ihn: von den: „Bankhause Pariser" 300,000 Mark geboten worden, wenn er die Broschüre „Verzweiflungskampf" nicht erscheinen lasse, berichtigt Stein dahin: Ein Unterhändler trat an einen Kaufmann Pariser heran, um etwas für Ahlwardt herauszuschlagen. Pariser habe unkluger Weise den Unterhändler verhaften lassen, ehe dieser sein Anliegen vollständig vorgebracht, so daß das Verfahren wider Ahlwardt und Genossen wegen versuchter Erpressung eingestellt werden :::ußte. Un: ein Darlehn zu erlangen, gab der Rektor, wie Stein erzählt, eine Lebeusversichernngspoliee als Unterpfand, die schon ein paar Jahre verfallen war. Den Inhalt der Schriften "Ablwardts faßt Stein in den Satz zusammen: „Es ist Alles verjudet und nur einer kann helfen, Falstasf-Ahlwardt." So urtheilt der a nti - semitisch e Rechtsanwalt Dr. Stein — der jetzt noch einen „praktischen, berechtigten Antisemitismus" kennt — über den Rektor Ahlwardt aus einer offenbar sehr genauen Kenntniß der Person desselben. Berlin, 25. April. Die kouservativen Stimmen gegen das Treiben der Kreuz-Zeitung mehren sich. Wie ein Telegranun aus Nürnberg :neldet, wurde in der^Landesversammlung der baierischen Konservativen ein antisemitisch gefärbter Antrag vertagt, da der Reichstagsabgeordnete Lutz erklärte, er werde bei "Annahme desselben nicht mehr miithun. Soda:::: schreibt das „Bromberger Tageblatt": „Wir haben es stets ausgesprochen, daß dem innerste:: Wesen eines anständigen, gerechten und wahrheitsgemäßen konservativen Standpunktes die schändliche Judenhetze widerspricht. Die Fehler, welche der beschränkte "Antiseuütisntus den Juden anhängt, finden wir ebenso zahlreich und ebenso stark bei Christen ausgeprägt. Im Börsendiffereuzspiel wissen die christlichen Jobber das „Meine Tante, Deine Tante" mit derselben Berschnütztheit, wie die jüdischen, zu handhaben. Will man die offenkundigen Schäden der Börsenspekulation im Interesse einer gesunden Handelsent-