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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-29 · Heft 18 (29.4.1892) · p. Seite 214

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
Seite 214 (sequence 10)
Language
German
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214 Tu Abends bist schlafen gegangen und die Mutter hat Dich ins Bett hincingelegt, wie sie mit Dir „Krischina" lNachtgebet) steleint hat, wie sie Dir vorgesagt hat: „Der Engel, der mich erlöst von allem Nebel, fasten die Knaben" — und dann dreimal: „Im Namen des Herrn, deS Gottes Israel, zur Rechten Michael, znr Linken Gabriel, bar mir Ariel und hinter mir Raphael und über ineinem Haupte der Glanz Gottes!" und wie Du Alles dreimal Wort für Wort nachgesagt hast," „Zu was rufst Du mir diese Bilder ans der Kindheit zurück?" fragte Joffes; „die schöne Zeit ist lang vorbei; wenn ich heut noch ein Kind sein könnte!" „Du bist auch nicht immer ein Kind geblieben," fuhr die Schwester fort, „Du bist alter und größer geworden und wir sind glücklich gewesen. Denk nur daran, wenn der Sabbath gekommen ist, wie die Mutter am Freitag Abend hat die Lichter angezündet und hat darüber die Hände ansgcbreitet und den Segen gesprochen, wie da der Tisch gedeckt war und der Wein ist ans dem Tisch gestanden und die Weißbrode sind ans de» Tisch gelegen zugedeckt mit einer weißen Serviett, und wie der Bater ist von Schul heimgekommen, und wir Beide sind ihm entgegengesprungen, wen er früher „benschen" (segnen) wird, und wie er uns da die Hand auf den Kopf gelegt und hat uns „gebenscht", daß Gott Dich soll machen wie Ephraim und Menaschc, und daß er mich soll machen wie Sarah, Riwka, Rachel und Leah." „Hör ans Finkel! hör auf, Tn zerschneidest mir das Herz!" „Nein! Josseflebcn! ich will Dich blos davor bewahren, daß Tu cs Dir selber zerschneiden sollst! und darum muß ich Dich an all' daS erinnern, wie Tu in „Cheder" (Schule) gegangen bist, und der Lehrer alleweil gesagt hat, daß Du nichts lernen willst, und wie der i Bater-Leben scharf gegen Dich gewesen ist und die Mutter Dich ver- I theidigt hat und hat sich vor Dir vorgestellt und hat gesagt, Du wirst doch ein feiner Mensch werden, ob Du etwas mehr lernst oder weniger, und daß es nicht ankommt ans das Lernen, sondern ans! die Frommheit und das Herz." „Ja, auf das Herz," seufzte Joffes, „das ist es ja, was mich zu ihr hinzieht!" „Ich will gegen ihr Herz nichts reden, Joffef-Leben," fuhr die Schwester fort, „wenn Tn sic gern hast, verdient sie es gewiß; aber die Gewohnheit ist auch etwas, und daran darfst Du nicht vergessen. Bedenk Deine Gewohnheiten von Jugend au, erinnere Dich, wie Du dreizehn Jahr alt geworden bist, und wie man Dich in Schul zum ersten Mal aufgermen hat. Ich denk noch die neuen Kleider, die Dn damals bekommen hast, ein goldbraun Röckel und eine schwarzseidene Weste und ein paar schöne Sommerhosen und ein' neuen Hut, und das goldig Ringerl, lvas Dn an hast, das hat Dir die Mutter dainals a» den Finger gesteckt; und wie daun „Jomkippur" (Versöhnungstag) gekonnnen ist und Du zum ersten Mal den ganzen Tag ausgefastet hast, und wie Dich dann nach den Feiertagen der Vater in sein Geschäft genommen hat, wie Du da gleich Alles so gut verstanden hast. Denk nur, wie Du daheim gehalten worden bist, die ganze Zeit, von Jugend auf bis jetzt, ob Dn von den Eltern, vom Vater oder von der Mutter auch nur einmal ein bös' Wort hast anhören müssen; stell Dir das Alles vor und bedenk, was Du jetzt thuu willst!" „Fintel-Leben! ich kann nicht, ich kann nicht anders!" „Dn kannst anders, Joffef-Leben, Du kannst es, und wenn es Dir schwer füllt, so bin ich da, um Dir zu helfen. Faß Dir ein Herz und komm, komm mit mir, mir gehen mit einander heim, wir gehen zu den Eltern zurück, und alles ist wieder gut, und ist, wie es gewesen ist! Du brauchst keine Furcht zu haben, daß man Dir Vorwürfe machen wird, nicht ein Wort wird man Dir sagen, was Dich l beleidige» könnt, und von Mir! Asrieles wird keine Rede sein, tdi! steh Dir gut dafür, ich übernehme alle Bürgschaft. Komm, Jossei i Leben, komm!" l „Ich kann nicht, Finkel, ich kann sie nicht verlassen!" „Stell Dir nur vor, Jossef-Lebeu, lvas für Kummer Du dev : Eltern zufügst, stell Dir vor, wie Dein Schritt auf die Mutter und auf den Vater wirke» möcht; überleg Dir das, Jossef! Dn hast nur! eine Mutter und einen Vater! Von mir will ich nichts reden; aber j denk Dir die Mutter, wenn sie sollte hören, daß ihr Sohn, ihr ein! ziger Sohn sich hat — ich will das Wort gar nicht über die Lippen; bringen."! „Finkel-Leben! was soll ich machen?" „Was Dn machen sollst? ich Hab Dir's ja schon gesagt! mit mir gehen sollst Dn! heimkehren sollst Du mit mir zu Vater und Mutter, denen ich versprochen Hab, Dich zurückzubringen." „Versprochen hast Du's!" seufzte der Bruder, „und willst Dein Wort halten." „Ja, Joffef-Leben. ich will es halten, so komm und erquick Deine Eltern!" „Ach," seufzte er, auch ich Hab versprochen! auch ich Hab mein Wort gegeben, und will .." „Nein, Joffef-Leben, das brauchst Du nicht! das Wort brauchn Du nicht zu halten; Vater und Mutter haben größere Rechte ani Dich, als die Leute da, die Dir ja doch fremd sind und fremd bleiben werden! Du willst hier Dein Wort halten, das Du heut oder gestern erst gegeben hast, und all die Versprechungen, die ein Kind seinen Elterrr nicht erst ausdrücklich in Worten zu machen braucht, die caber darum nicht weniger zu halten schuldig ist, die willst Du brechen? Du willst ein ehrenhafter Mensch sein und wirst in demselben Augen blick ein ehrvergessener Sohn?" „Schwester! Du weißt nicht, wie es mich drängt! Du kenun nicht die Unruhe meines Herzens!" „Die Unruhe in Deinem Herzen! und die hoffst Du zu verlieren, indem Du an Vater und Mutter, an Familie und Religion, an Deinen Jugenderinnerungen und an Allem, was Dir theuer, lieb uuv werth sein muß, einen Verrath begehst? Die Ruhe in Deinem Herzen glaubst Du zu finden, ivenn Du hinausgehst aus dem Vaterhaun das Dich bisher hat ausgenommen als Kind, und es verleugnen, wenn Dn Deine Religion abschwörst und Dich hineinstellst in eine Dir ganz neue und fremde Welt, welche Dich nicht kennt und von der Du nichts weißt. Ruhe willst Du finden, wenn Du alle d» Fäden, welche Dich bis jetzt mit der Familie, mit der „Gasse", in» der Menschheit verbunden haben, zerschneidest, von allen Gewohnheiten Deines bisherigen Lebens Dich trennst, allen Erinnerung n entsagst, auf alle die tausend Sachen, die mit Deinem Leben zusammen hängen und mit denen Du verwachsen bist, Verzicht leistest? Ru. , lvillst Du finden bei fremden Menschen, die unter anderen Gewob. heiten als Du ausgewachsen sind, die das, was Dir theuer ist, »i»» kennen und nicht verstehen? Ruhe willst Du finden? Joffef-Leben. wie sehr, wie arg täuschest Du Dich! Nicht sollst Du auf meine Red kommen! Aber ich sag Dir's, Ruhe findest Du nur im Krelle der Teinigen, daheim bei uns findest Du Ruhe; aber hier wirst Tn sie nicht finden! Die Unruhe in Deinem Herzen wird noch größer werden, als sie ist! Das, was Dich jetzt beunruhigt, ist ein Kinder' spiel gegen das, was Dich nachher peinigen und quälen wird. T» wirst liegen auf Deinem Angesicht und wirst bittere Thränen vergießen! Du wirst kein' Tag und keine Nacht haben! Du bist jchl berauscht von der Leidenschaft; die Leidenschaft — ich bin noch ei» junges Mädchen und ich sollte nicht so reden, aber ich bin Deine Schwester und muß es Dir sagen — die Leidenschaft wird verfliege»

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