Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1892)
- Date
- 1892-04-29
- Page
- Seite 212 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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wieder einmal in die Schranke» zu treten geneigt sein werde, nach > dein Berichte der Tagcsblätter eriviedert haben: „Ich will jetzt ini j Parterre sitzen und den Kritiker spielen!" Da hat er wohl nicht daran gedacht, daß sein Wort, das ohne Zweifel bald im Büchmann als geflügeltes stehen wird, bereits vor einer Reihe von Jahrhunderten von einem Midraschlehrer als Redensart gebraucht lvnrde. Zn Predig. (7, 14.) „am Tage des Unglücks sieh zu!" heißt eS in der i Pesikta (Ed. Friedmann, 201); „An jenem Tage, von welchem gesagt wird: „Es erbeben in Zijon die Sünder, sei d» unter den Zuschauern, nicht aber unter den Schauspielern. ]E irnn D’X“l3n s2 X1?! Sei Zuschauer bei den Fest- und Cirknsspielen, sei aber nicht mit unter de» Thier- oder Menschcntrcibern." <Bergt. Güdeinann z. St. >. v. Diese Redensart war bei den Alten wie bei den Nencren sprichwörtlich. Goethe sagt (Faust): „Die Damen spielen ohne Gage mit;" ähnlich Ovid: „^»eelalum veiiiunt, veniunl spceleiilur ul ipsae." Lessing jedoch scheint anderer Meinung gewesen zu sein als jener Midraschlehrer, wenn er (Kritische Briefe, 12) sagt: „Ter kleine Narr spielt, die großen sehen zu." ->. In den ,,Stimmen der Völker in Liedern" hat Herder ein sinniges Gedicht „ans dein Lateiir der mittleren Zeiten" unter dem Titel „Herz und Auge": „klagend sprich! das Herz znni Ange: Tn bi» schuld an meiner Pein, Tu, die Wächterin der Pforte, Lockest selbst den Feind hinein" Das Auge: „An-5 dem Herzen keimt die Sünde, Ange bringt sie nicht hinein. Tu vergifte» meine Blicke, Tu bist schuld au ineiucr Pein!" Der Streit zwischen Aug' und Herz über die Urheberschaft der Sünde findet sich bereits im Sifrö zu 4. Bios. 15, 39: „Ihr sollet nicht folgen eurem Herzen und euren Augen. Diese Aufeinanderfolge betveist, daß das Ange dein Herzen folgt und aus diesem die Sünde keimt. Oder meinst du, das Herz geht dem Auge nach? Giebt es doch Blinde, die Greuel verüben. Also im Herzen sitzt die Sünde!" >. „Wie einer ist, so ist sein Gott; Tarum ward Gott so oft zu Spott." iKoethe, 2, Dieser Gedanke findet sich im Midrasch (Jalkut) zu 2. Bios. 20, 2. „Hier heißt es: „Ich bin der Ewige dein Gott," und nicht wie sonst: „Ich bin der Ewige euer Gott." Das Wort der Offenbarung ward jedem nach seinem Fassungsvermögen. Dies ist nach den Worten des Rabbi Levi einem Spiegel vergleichbar. „Tausende schauen hinein, und jeder erblickt darin sein eigenes Bild." Der geoffenbarte Gottesbegriff wird nicht gleichmäßig von Asten, die an dem Glauben an die Ostenbarung festhalten, in seiner Einfachheit erfaßt, sondern nach dem jeweiligen Bildungsgrad und der Erkenntnißtraft bald roh, bald erhaben gedacht, so daß der Gottesbegriff des Einzelnen als der Maßstab seiner geistigen Anlagen gelten darf. ö. „C Liebling meines Herzens, Mein Segen über Dich! Bei gleich nur Deinem Pater, Das Andre findet sich." Diese Worte Chainisso's erinnern an das liebliche Gleichniß im Talmud (Taanit 5b). R. Rachman bat einst seinen Lehrer R. Jzchak nach längerem Zusammensein bei einein Mahle anläßlich des Abschiedes um seinen Segen. R. Jzchak erwiederte hierauf mit olgendem Gleichniß: Ein Wanderer zog einst durch die Wüste, als er hungrig, durstig und müde lvar, fand er einen Baum mit süßen Früchten und reichem Schatten. Eine frische Wasserguelle war daneben. Bon den Früchten aß er, vom Wasser trank er und im Schatten ruhte er aus. Als er fortgehen wollte, redete er den Baum also an: „Womit, o Baum, kann ich dich segnen? Mit süßen Früchten? Deine Früchte schmecken süß! Mit reichem Schatten? Dein Schatten ist reich! Mit einer Wasserquelle? Die hast Du! So inögen denn Deine Sprößlinge Dir gleich sein!" „Womit," fuhr der Lehrer fort, „kann ich Dich segnen? Mit dem Besitze von Gelehrsamkeit, mit Menschenachtnng, mit Reichthum, mit Kindern? Das alles hast Du! So mögen denn Deine Sprößlinge Dir gleichen!" . 0. „Wäre es nicht ein Pleonasmus vom Schicksal, wenn es, nachdem cs mir schon einmal einen so großen Mann als Baker gegeben, mir auch separat irgend ein Talent verliehen hätte?" (Jokai, Narren der Liebe 11, 108.) Im Talmud (Nedariin 81a) wird für diese Erscheinllng, daß die Natur an Vater und Sohn nicht die gleichen Gaben zu vertheilen pflegt, ein Grund gesucht. „Warum pflegen die Söhne der Gelehrten nicht gleichfasts gelehrt zu sein? Damit man nicht meine, die Thora (gehe vom Baker auf den Sohn wie ein Erbe über. „Schicke Dich an, Thora zu lernen, da Thorakenntniß Dir nicht als Erbe znfällt". (Spr. d. Vät.) 7. „Ich habe Deinesgleichen nie gehaßt: Bon allen Geistern, die verneinen. Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last. Des Menschen Thätigkeit kann aklznleicht erschlaffen. Er liebt sich bald die nnbedingte Ruh; Drnin geb' ich gern ihm de» Gesellen zu, Ter reizt und ivirkt und mnß, als Teufel, schaffen." (Goethe, Faust I. 14.) In ihrer ernsten Geistesthätigkeit verschmähen die Talmudlehrer gleichfasts nicht den Scherz und räuintcn ihm als einem belebenden und anregenden Moment einen bescheidenen Platz in ihren Betrachtungen zuweilen ein. Rabbah hat seine religionsgesetzlichen Erörterungen in der Regel mit einem Scherzwort eingeleitet, um seine Schüler in eine angeregte Stimmung zu versetzen. (Pesachim 117.) Rabbi Akiba und Andere brachten sogar zuweilen einen ziemlich derben Witz mitten in ihren Borträgen an, wenn sie die Wahrnehmung machten, das; die Zuhörer es an der nothwendigen Aufmerksamkeit fehlen ließen und sich zum Theil dem Schlummer Hingaben. „R. Broka war einmal auf einem vielbesuchten Markte. Da gesellte sich zu ihin der Prophet Elia. „Wer unter dieser Volksmenge hat ein Recht auf das Jenseits?" fragte der Lehrer den Propheten. „Keiner von Allen!" war die Antwort. Unterdessen traten zwei Leute auf. „Diese hier," sprach Elia, „sind des zukünftigen Lebens würdig." „Was ist denn Euer Geschäft?" fragte sie der Lehrer. „Wir sind Komiker von Beruf, und sehen wir Jemand betrübten Gemüthes, suchen wir ihn durch Scherzworte zu erheitern und für das Leben wieder gewinnen, oder gerathen Zlvei in Streit, so stiften mir Frieden zwischen ihnen." (Taanit 22a.) 8. „Sprache kommt her von Sprechen. Man kann sie nur laut lernen. An dein hörbaren Schalle prägt sich Alles lebendiger ein; stilles Lesen und Menioriren ist nur ein halbes Werk." (Jmmermann, Epigonen I. 191.) Da muß ich schon den Geist des unglücklichen und judenfeindlich gesinnten Jmniermann (vergl. Epigonen 11., 128 n. 129.) uni Vergebung bitten, wenn ich ihm Nachweise, daß er hier im Einverständniß mit dein Talmud, der ihm ohne Zweifel, wie die Inden