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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-29 · Heft 18 (29.4.1892) · p. Seite 211

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
Seite 211 (sequence 7)
Language
German
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Auch die Hagada hat sich für ihren Inhalt eine angemessene Form gebildet, und wenn man auch von der Halacha die Behauptung gelten lassen mag, daß „nirgends sich das Streben zeigt, rein, geschweige denn schön zn schreiben" (Delitzsch, zur Geschichte der jüd. Poesie), so wird ein Gleiches nicht von allen Stücken der Hagada behauptet werden können. Wohl trifft die Bemerkung Goethes hinsichtlich der Produktionen der orientalischen Dichter auch in Bezug ans den Midrasch zn, es ist, als ob „wir durch einen orientalischen Bazar, durch eine europäische Messe gehen. Nicht immer sind die kostbarsten und niedrigsten Maaren im Raum weit gesondert, sie vermischen sich in unseren Angen" (West-östlicher Divan, 260). Manche Stücke der Hagada aber bekunden ästhetisches Gefühl und feinen Geschmack. Die scharf pointirte Prägnanz der Sinnsprüche, die kernigen, knrzgefaßten Lebensregeln, die Gleichnisse, der Thiernnd Menschenwelt entnommen: dies ist Poesie in Prosa; Alles aber ist glaubenskräftig vorgetragen, so daß der ethische Faden sich durch das Ganze schlingt und es zn einer gewissen Einheit geleitet. Bei dieser Beschaffenheit der Hagada kann'es nicht fehlen, daß zuweilen sich darin kräftige Anklänge an die Erzeugnisse von Dichtern und Denkern aller Völker finden. Zwar sagt der Altmeister Goethe: „Wir wissen die Dichtart der Orientalen zn schätzen, wir gestehen ihnen die größten Vorzüge zu; aber man vergleiche sie mit sich selbst, man ehre sie in ihrem eigenen Kreise und vergesse doch dabei, daß es Griechen und Römer gegeben" (4. Band, 287); doch möchte» wir von dieser sonst trefflichen Warnung für jetzt keinen Gebrauch machen. Es wäre schon ein Gewinn, wenn durch diese Vergleichung der Nachweis geliefert würde, daß die Menschen, wie sehr sie sich auch durch selbst errichtete Schranken von einander abschließen, durch den in ihnen waltenden Geist über dieselben hinweggehoben und zu jener gemeinsamen Quelle hingeleitet werden, von welcher es heißt: „Fürwahr, der Geist ist es im Menschen und der Odem des Allmächtigen, der sie Einsicht lehrt!" (Hiob 32, 8.) Freilich ist es sonst ein müßiges und nutzloses Geschäft, die Wege aufzusnchen, auf welchen die gleiche Erkenntniß zu Menschen gelangte, die verschiedenen Völkern angehören und außerhalb jeder Beziehung zn einander stehen, von denen also nicht angenommen werden kann, daß der Eine den Anderen zu dem gleichen Gedanken angeregt habe. Anders allerdings gestaltet sich die Sachlage in Bezug auf die Bibel. Die Bibel war weltnmgestaltend und weltbeherrschend, und ihrem Einflüsse konnte sich kein bedeutender Geist völlig entziehen; ihr verdanken zumal die deutschen Dichter eine Fülle von Gedanken und Redensarten, von ihr haben sie belebende Anregung empfangen. Es wird wohl gestattet sein, anzunehmen, daß Goethe beispielsweise in seinem Gedichte „Warnung": „Wecke den Amor nicht ans, noch schläft der liebliche Knabe!" (Bd. 2, 7.) au die Worte im Hohenliede (2, 7) gedacht habe: „Ich beschwöre Euch, Töchter Jerusalems, daß ihr iti^ wecket, nicht reget die Liebe, ehe sie verlanget." Oder wenn er Faust (Seite 53) sprechen läßt: „Auch muß ich, wenn die Rächt sich niedersenkt. Mich ängstlich ans das Lager strecken; Auch da wird keine Rast geschenkt. Mich iverden wilde Träume schrecken. Und so ist mir das Dasein eine Last, Der Tod erwünscht, das Leben mir verhaßt," so ist cs nicht ausgeschlossen, daß er zn diesem Gedankengang durch die Worte Hiobs: Wenn ich sage: Mein Bett soll mich trösten, mein Lager meinen Jammer mittragen helfen, so ängstigest Du mich durch Träunie und mit Gesichten schreckest Du mich. Ich verachte es, nicht ewig werde ich ja leben; laß ab von mir, denn ein Hauch sind meine Tage!" angeregt wurde, da er, wie er sagt (4, 312), „manchen jugendlichen Tag entlang in den Paradiesen des Orients sich ergangen."x) Aehnliches von einem antiken Dichter behaupten zu wollen, dürfte wohl nicht angehen, und doch findet man auch da der Aehnlichkeiten mit biblischen Stellen in ziemlich großer Anzahl. Die Worte im Sophokles (Ajax 125—133): „Denn ich sehe, daß wir Alle so viele unserer leben, weiter nichts sind, als Scheinbilder und flüchtige Schatten." Athene. „Da Du nun dies erkennst, so sprich kein übermüthig Wort jemals gegen die Götter, noch unternimm verwegene That, wenn Du einem Andern durch Fanstkraft überlegen bist oder an großem Reichthnm ihn übertriffst; denn alles Menschliche geht unter und ans. Die Biederen lieben die Götter und verabscheuen die Schlechten," erinnern an Hiob (14, 2); 1. Sam. 2, 3; Jerem. 9,22; Spr. 3,32, entnommen aber sind sie ihnen schwerlich. In Bezug ans Stellen aus dem Midrasch wird man deren Einfluß auf die Dichter verschiedener Völker nicht zu hoch anschlagen dürfen und die sich ergebenden Aehnlichkeiten zumeist als zufällige bezeichnen müssen, da jene Litteratur den Völkern zn wenig bekannt war und bis auf Herder und Rückert fast keiner Beachtung in dieser Richtung gewürdigt wurde, mit Ausnahme von Denen, die es nicht verschmähten, znm Angriff auf die Juden auch aus dieser Rüstkammer sich Waffen zu holen. Ich stelle nun einige Dichterworte neben Midraschstellen, ivclche den gleichen Gedanken behandeln: „Du weintest, als Du die Welt begrüßt, Nud Aller Lächelu grüßte Dein Erscheinen: Gott gebe, daß, wenn sich Dein Auge schließt. Dein Antlitz lächelt, während Alle weinen." («hcikcspeare.i Zu Prediger (5, 14) bemerkt der Midrasch rabbah: „Wie der Eintritt ins Leben, so ist der Austritt: Unter Weinen tritt der Mensch ins Leben, unter Weinen scheidet er; unter Liebeserweisungen begrüßt er das Leben, unter Liebeserweisungen verläßt er es; unter Klagen tritt er ein, unter Klagen tritt er aus; ohne Einsicht geht er ins Leben, ohne Einsicht geht er aus dem Leben." Und zu den Worten des Predigers (7, 1): „Besser ist der Tag des Todes, als der Tag der Geburt," heißt cs im Jalknt: „Alles freut sich, wenn ein Mensch geboren wird; stirbt ein Mensch, weint Alles. So sollte es nicht sein. Dies gleicht zwei Schiffen. Das eine läuft in den Hafen ein, das andere verläßt den Hafen. Das erstere wird gerühmt. Warum? Weil es in Frieden gekommen, wie e? in Frieden gegangen ist. Das zweite aber — iver weiß, was seiner auf der See wartet." 2. Nachdem der Fürst Bismarck den Schauplatz seiner erfolgreichen Wirksamkeit verlassen hatte, soll er auf die Frage, ob er nicht ') Wir verweisen iu dieser Hinsicht auf den vortrefflichen Essay von O. Pniower: „Goethes Faust und das Hohe Lied" iu dem eben erschienenen „Goethe-Jahrbuch" Bd. XIII, S. 181 ff. Die Red. m

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