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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-29 · Heft 18 (29.4.1892) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
Seite 210 (sequence 6)
Language
German
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210 wutl) und Liebe den Gläubigen ins Gewissen redet, wird der Antisemitismus auch im nltrninontnnen Lager seine Bttithen treibe». Es wird nicht schwer halten, den Motiven näher zn kommen, welche diese Verstimmung in den Herzen der Klerikalen hervorgernfen hat. Während nämlich, wie der konservative „Reichsbote" zn obigein Vorgänge bemerkt, die katholische Presse sich bisher in Bezug ans die Jndenfrage sehr reservirt gehalten hat, soll es die „Jndenpresse" durch ihre Agitation gegen das Schulgesetz erreicht haben, daß man auch auf katholischer Seite gegen die „Aggression des Jndenthnms" mobil macht. Aber wer von all' Denen, welche die Berechtigung der Emanzipation der Juden vom Staiidpnnkte allgemeiner Menschlichkeit aus anerkennen, ivird es sich einfallen lassen, den jüdischen Bürgern das Recht zu verkümmern, über alle Fragen innerer Politik gleich freimüthig sich äußern zu dürfen, wie die christlichen Mitbürger des Vaterlandes. Und wie kann man gar den jiidischcn Staatsbürgern das Recht verkünimern wollen, über Fragen mitznreden, die auch ihre eigne Glanbensrichtung berühren! Was nun die Thesen des „Antisemitismus" selbst anbetrifst, so giebt sich schon die e r st e als der sattsam bekannte Abfluß des Neides zu erkennen, der von jeher den antisemitischen Wühlereien zu Grunde lag und den Hauptpunkt in den Reden der Hetzapostel bildete; es ist nicht nöthig, zumal die „Kölnische Volkszeitung" selbst dagegen polemisirt, ein weiteres Wort zu ihrer Charakteristik und Abwehr zu reden. Sie richtet sich für jedem vernünftig denkenden Menschen von selbst. — Die Unterscheidung zivischen Reform- und strenggläubigem Judenthum, ivelche sich die „dissevtatio iintiseinitiea" in den beiden folgeiiden Thesen zur Aufgabe stellt, um aus ihr eine desto mehr berechtigte uiid augenscheinlich „begründete" Verurtheilung imd Verdammung der elfteren Richtung des Judenthnms zn folgern, nimmt sich klüglich genug ans und verliert ihren Werth gegenüber der oben berührten „Freizüngigkeit" der jüdischen Mitbürger des Deutschen Reiches; sie ivird aber noch kläglicher, weil sic, ohnmächtig, die guten Absichten eines Theiles ihrer Mitbürger anzuerkennen, lieber Alle „verbrennen" läßt, als auch nur einen vorzeitig zu retten. Darum hält man es drüben auch für einen „iricht nnchristlichen Rassenkampf", seine jüdischen Mitbürger aus dem eine» Grunde weitweg von sich abzuwehren, weil sie es gewagt, sich freimüthig über einen Gesetzesentwurs z» äußern, der den „Kollegen von der anderen Fakultät" auf alle Fälle mid für Jedermann gut schien. Nur in Kürze sei cs uns noch gestattet, die Schlauheit darzulegen, ivelche in der letzten These zum Ausdruck gelangt: „Mit dem, was man „Antsemitisnius" nennt, haben jene Abwehrbemühungen höchstens materiell etivas gemein; eine formelle Betheiligung am Antisemitismus ist aus philosophisch-religiösen Erkenntnißgründen, abzulehnen." Gewiß, die nur gegen Juden gerichtete Hetzjagd, die man „Antisemitismus" zii nennen pflegt, darf nicht betrieben iverden; re vera ist ja auch das C h r i st e n t h u m ein Mitglied des Semitismus, und die gegen diesen gerichtete Wuth und Verfolgung ivttrde, nach altheidnischer Sitte, gegen die heutigen Verfolger der Juden selbst gerichtet, wenn man nicht den Math hat, wie es der Vertheidiger obiger Thesen will, mehr oder weniger verblümt zu erklären, daß man sich doch nicht durch ein unüberlegt gebrauchtes Wort ins eigne Fleisch schneiden kann. Durch diese Erwägung werden die „philosophischreligiösen" Motive, ivelche eine formelle Betheiligung am Antisemitisiiins unangebracht erscheinen lassen, in das rechte Licht gesetzt. Immerhin bleibt es eine betrübende Thatsache, daß die „sittliche" Entrüstung der „Kölnischen Volkszeitungs-Männer" sich nicht etwa gegen absolut schlechte Menschen — auch solche sollte man eigentlich doch zn bessern, nicht grausain und tückisch zu verfolgen suchen - sondern gegen Personen richtet, welche das Unglück habe», noch immer Juden zu sein. Daher muß es recht konrisch erscheinen, wein, die Ausführungen des klerikalen Organs gegen Schluß „wieder rechl versöhnlich" werden, weil es darauf Hinweisen muß, daß „die verhöhnte „Ausbeutung" vielfach mit Erfolg a u,1, v o n Christen geübt werde." Wir Juden haben keine weitere Veranlassung, uns über obige Thesen weiter auszulassen; ihre Grundidee ist alt genug und brmiclu nicht erst durch die Auseinandersetzungen antisemitischer Hetzmänim über die Sittenlehre des Judenthums bekräftigt zu werden. Man merkt dieAbsicht und ist nicht verstimmt. Jedenfalls sei hiermit die Wendling im Lager der Nltramontaneu konstatirt. Sie ivird uns ivohl — leider — noch oft zu beschäftigen haben. U Midrasch und Mchtung. Bon Rabbiner Dr. Stößel in Stuttgart. Das Lehrgcbiet des Talmuds umfaßt zwei Theile: die Halache und die Hagada; jene hat cs mit dem Gesetze zu thuu, der Am stellung der Normen für das Leben der Israeliten, diese wirkt für die Hebung der Sittlichkeit und die Kräftigung des Gemüthsleben Die Halacha gründet sich auf Ueberlieferung, Herkommen nur Brauch und beivegt sich in ihrer Beweisführung innerhalb d>e Grenzen, die zu diesem Behufe festgesetzt wurden. Die Hagada odrr der Midrasch im engeren Sinne muß nicht gerade Ueberlieferung sein und ist nicht an die Regeln des rabbinischen Beweisverfahrei!' gebunden; wohl macht auch sie Gebrauch von demselben, doch fan immer in freierer Weise. (Strack, Einleitung, 63.) Losgelöst von den Fesseln der Halacha, behandelt sie einen selbst gewühlten oder einen für den betreffenden Tag zur Vorlesung 6 stimmten Schriftvers in selbständiger, uneingeengter Weise nun wird so zur freien Auslegung des Bibelwortcs. Daher auch der Grundsatz: „Man widerlegt nicht die Worte der Hagada und lern! nicht aus ihr gesetzliche Bestimmungen." (Samuel Ha-Nagid, Ein leitnng in den Talmud; Zunz. Gottesd. Vorträge 42 u. f.) Insofern die Hagada der frei schaffenden Phantasie einen weiten Spielraum geivährt, hat sie einige Aehnlichkeit mit der Dichtung. Das Bibelivort bietet den: Vortragenden die Anknüpfungspunki der Gehalt seiner Betrachtungen aber entspringt freiwillig aus der Fülle seines Innern. Dichterisch veranlagte Männer stellten ihre Kräfte in den Dienst des Midrasch und gaben unter dieser Form ihren Enipfindnngen und Gedanken Ausdruck. Was sie über Gon und Welt, über Bestimmung des Menschen, über Leben und Sterben, über die Zukunft und Hosfuung Israels gedacht hatten, was üe iiber die Roth der Zeitverhältnisse zur Aufrichtung und Erhebung des Volkes und zur Kräftigung im Vertrauen auf Gott vorzubringen wußten: dies Alles verwandelte sich ihnen in Midrasch (Zunz, idiä 41). So kommt es denn, daß innerhalb eines Zeitraumes von vielen Jahrhunderten die ganze geistige Thütigkeit der Juden, soive > sie nicht der Erforschung und dem Ausbau des Gesetzes gewidnin ivar, in das weite Meer des Midrasch einmündet; auch die Erzeug nisse der Dichtkunst ivurden nicht tote in früheren Jahrhunderten in besonderen Werken niedergelegt, sondern zur Ausschmückung des hagadischen Vortrages verwendet. „Letztere aber, die Hagada, will ich einen Garten nennen, einen Garten, hochphantastisch und vergleichbar jenem anderen, welches ebenfalls dem Boden Babylons entsprossen .... Der Knabe flo!>

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