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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-04-29 · Heft 18 (29.4.1892) · p. Seite 209

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 18 (29.4.1892)
Date
1892-04-29
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
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Wir erziehen unsere Kinder zu Prinzen und Prinzeßchen. Wenn wir aber Bettler sind, wird uns das nicht gelingen: sie werden einst sein, was »vir sind: Bettler an Geist. Wir lehren sie an fremde Thür klopfen,! und indem wir sie dem Spotte entziehen wollen, geben wir sie dem Spotte preis. Wir schicken sie unseren Gegnern zu, damit sie deujclben helfen, Schmach auf uns zu häufen; denn anderes, als uns, ihre Büter, schmähen, werden sie dort nicht lernen. Das ist die Selbst- Aerachtung, zu der wir sie erziehen. Leben wir nicht in Deutschland? Hier sind berechtigte Eigenthümlichkeiten innerhalb des einheitlichen Gesammtgeistes erlaubt. Jüdische ingenthümlichkeit ist, daß unsere Religion durch die Herrschaft der Religion selbst in unseren Gemüthern getragen werde; wir haben »cden Bann und jeden Zwang von uns abgeworfen; wer nicht mit uns will, der thue sich von suns ab. Wir werden ihn mit thrü- »icnden Augen von uns ziehen, getrennt seinen Weg gehen sehen; ober wir mögen keine erzwungene Freundschaft. Wer sich bei uns i elüstigt fühlt, der ist uns eine Last; er stört uns, und Gottesdienst »erträgt keine Störung, also auch nicht der Religionsunterricht. Wir sind für einander Bürge; wir für ihn, er für uns. Wenn a nun unsere Bürgschaft für ihn nicht mag, wenn er uns seine Bürgschaft nicht geben will — ja, schämen wir uns! O, o, o, ich wollte, unser Maybaum hätte eine Stimme, wie er >ie nicht hat, wie sie Keiner hat, Niemand haben kann, eine Stimme, f ie weit hinausdringt über die Mauern unserer Synagoge, hinein in olle Geschäfts- und Arbeitsräume der Unsrige», und besonders in ihr Schlafgemach, in das Ohr, das auf dem Kissen ruht: „Zittert und »stndiget nicht; geht in euch und erwecket euer Herz" — und schämen n»ir »ns! Sieben Thesen zur Iudenfrage. -a- Breslau, 20. April. Unter obiger Marke brachte die hiesige konservative „Schles. .'> e it nn g" in ihrer Nr. 244 Venn Mittwoch, den 6. April er., folvV/nbe Anmerkung zu der gegenwärtig sich wieder rührenden anti- - linkischen Bewegung: „Allgemein ist bemerkt worden, daß die klerikale Presse in vier Zeit wieder starke a n t i s e m i t i s ch e Anwandlungen zeigt, '^ie erinnerlich, haben bei Beginn der antisemitischen Bewegung die ultrmnontanen Organe in vorderster Reihe gegen das Judenthum 'Utmt gemacht. Als aber gewisse evangelisch-konservative Kreise sich dieser Bewegung bemächtigt l.r a t t e n, trat die klerikale Partei von der Betheiligung an der antisemitischen Agitation zurück, und in die widerwärtigen b a r l a m e n t a r i s ch e n I u d e n d e b a t t e n der letzten Jahre bat das Centrum nicht eingegriffen. Nach der unerwarteten Zurücki>ehung des Volksschulgesetzentwurfes und dem Rücktritte des Kultusministers Grafen Zedlitz ist die Stimmung der Centrumsfraktion and feiner Preßorgaue begreiflicherweise eine äußerst gereizte. Diese Gereiztheit richtet sich namentlich gegen den L i b e r a l i s m u s , dessen Reihen besonders stark von jüdischen Elementen durchsetzt sind. A n t i s e in i t i s ch g e färbte A r t i k e l und polemische Notizen in den klerikalen Blättern finb j e tz t keine Seltenhei t." Wir fönnen zur Bestätigung dieser Gesinnungswandlung im ultramontanen Lager recht gut auf die jüngste hier abgehaltene antiselnitische Versammluilg Hinweisen, über die wir Ihnen z. Z. berichteten, und bei der es ungemein anfsiel, daß die hiesige katholische Bürgerschaft ihr Vereinslokal im St. Viucenzhause dem Hetzapostel Dr. Dmlneil zur Verfügung gestellt hatte. Man kann aber keineswegs leugnen, daß auch die konservative Partei, welche sich doch aus den selbst von der „Schlesischen Zeitung" als „gewisse evangelischkonservative Kreise" gekennzeichneten Faktoren zusammensetzt, die Leitung der antisemitischen Bewegung itod) in ihren Händen zu behalten sucht. Hat doch erst in den letzten Tagen die konservative Reichstags-Fraktion für die Feststellung ihres Programms, zu der eo ipso auch die Iudendebatte zu gehören scheint, zwei Referenten über die Judenfrage zu wählen beschlossen! Doch des Treibens im konservativen Lager war man längst gewohnt; man hielt sich ohne Widerspruch für berechtigt, das'Wörtchen „konservativ" im öffentlichen, politischen Leben durch „antisemitisch" zll ersetzen; Schreiber dieser Zeilen war s. Z. in Berlin in einer Versammlung des D. A. B. (Deutscher Antisemiten-Bnnd), als man sich auschickte, den Sieg des e r st e n „a n t i s e m i t i s ch e n" Mitgliedes des Deutschell Reichstages, Tr. Böckel, zil feierm. Dalnals sagte der Festredner etwa Folgendes: „Ja, so lange wir lnit der konservativen Partei verbunden waren und mit ihr identifizirt wurden, galten wir kaum etwas; jetzt aber, wo wir einen eignen Vertreter in der Volksvertretung aufzuweisen haben, wird man anfangen, uns zu fürchtell." Wie dem mm auch sei, es ist ein betrübendes Zeichen menschlicher Dellkart, wenn es dein AntisemitiSuuls glückt, nach dein Tode jener hochverdienten Männer, wie M a l l i n k r o d t lmd W i n d thorst, auch auf dem Boden des doch stets voll religiösen Motiven geleiteten Katholizismus festen Fuß zu fassen, und man durfte llicht wenig erstaunt sein, als der greise R e i ch e n s p e r g e r bei den anläßlich des Volksschulgesetzes im Abgeordnetenhause gepflogenen Verhandlungen sich auf die Seite der Antiseniiten zu stellen; bereit schien. Darf es darum etwa Wunder nehmen, meint jetzt die „K ölnische V o l k s z e i t u n g", das vornehmste Orgall der Celitruillspartei, an der Spitze ihrer ^iunnner 180 die bekanntem „Siebell Thesen zur Judenfrage" zum Abdruck bringt, die Sie bereits in Nro. 36 d. Bl. mitgetheilt haben! Wenn nun die Redkation der „Kölnischen Volkszeitung" die Thesen 4—7 gutzuheißen in der Lage ist, gegell die ersten drei Thesen aber sich aussprechen zu luüssen erklärt, so wird inan doch dem hämischell Tolle ihrer Worte nnb dem Umstande, daß sie doch in Wirklichkeit nur gegen die e r st e These polenlisirt, gebührend Rechnung tragen. Zwar lnacht, wie die „Schles. Zeitung" bemertt, j der ganze Artikel fast ben Eindruck einer versteckten Drohung gegeil ben (politischen) Liberalismus, in seinen Angriffen auf die klerikale Partei nicht zu weit zll gehen, da diese sich sonst veranlaßt sehell könnte, ihre Macht zum Kampfe gegell das (mit dem Liberalismus Verbundelle) Jlldenthum ins Feld zu führen; aber der Knochenfraß des Antiselllitismlls nagt schon zll tief am Marke des Eelltruuls. Und was frommt es, wenn Fürstbischöfe mld Kardinale in herzerfrenender Menschenliebe ihren Getreuell die allgeuleine Menschlichkeit und die Verdammung unmenschlichen Konfessionenhasses predigen? So lange nicht wieder ein überzeugendes Machtwort aus päpstliche lll Munde den Antisenlitismus verllrtheilt nnb die ballernde Lehre der Unvereinbarkeit der menschlichen Verfolgungs-

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